Alles oder nichts: Die Wahrheit über das Lügen von Benedict Wells

Die Wahrheit über das Lügen von Benedict WellsDer 34-jährige Autor Benedict Wells hat es in jungen Jahren weit gebracht: Sein vierter Roman Vom Ende der Einsamkeit (2016) hielt sich über ein Jahr auf der Spiegel Bestsellerliste und wurde in 30 Sprachen übersetzt. Es ist der vorläufige Höhepunkt einer bereits zehn Jahre spannenden Karriere. Mit Die Wahrheit über das Lügen präsentiert er nun einen Erzählband mit zehn Geschichten aus zehn Jahren.

Auch wenn die Prämisse des Erzählbands, zehn Geschichten aus ebenso vielen Jahren schriftstellerischen Schaffens zu präsentieren, ein inhaltliches Potpourri vermuten lässt, zeigt Die Wahrheit über das Lügen, dass es gewisse Themen gibt, die Benedict Wells seit Jahren beschäftigen. So gibt es eine Handvoll Erzählungen, die die hohen Ambitionen ihrer Protagonisten und deren Bereitschaft thematisieren, privates Glück zugunsten beruflichen Erfolges einzutauschen. Das wird schon in der Eröffnungserzählung “Die Wanderung” deutlich: Ein erfolgreicher Geschäftsmann hat sich und seiner Familie ein Ferienhaus gekauft, “um dem Stress der Stadt zu entfliehen” (13). Eine Wunschvorstellung: Denn das Telefon ist immer griffbereit. Schließlich gilt es, den wichtigsten Deal seines Lebens einzufädeln.

Der Mann ist von einer inneren Ruhelosigkeit ergriffen, der er sich nicht entziehen kann. Während der wichtige Deal vor dem Abschluss steht, hat er bereits den nächsten persönlichen Höhepunkt im Blick. Zwar ist es der Geburtstag des Sohnes, doch er möchte den Berg erklimmen, zu dessen Fuße das Ferienhaus liegt:

Henry gefiel die Vorstellung, den Tag mit seiner Familie zu verbringen, doch im selben Moment blickte er hoch zum Berg (15).

Zur Geburtstagsfeier am Abend will er zurück sein, ein ambitioniertes Vorhaben, dass sich als weiterer Trugschluss herausstellt. Wells bricht die naturalistische Erzählung zum Ende hin auf und lässt den Mann weitaus mehr als nur die Geburtstagsfeier verpassen.

Wells bedient sich in seinen Erzählungen oft fantastischer Elemente. So auch in “Die Muse”: Die erfolglose Schriftstellerin Margo leidet an einer Schreibblockade. Sie lebt ein einfaches, einsames Leben, bis sie eines nachts wortwörtlich von einer Muse geküsst wird. Der Mann mit blau-lockigem Haar ist erstaunt, dass die Frau ihn sehen kann und verliebt sich in sie. Margo bringt plötzlich mühelos einen ganzen Roman zu Papier, während sie das private Glück mit ihrer Muse genießt. Doch die Sache hat einen Haken: Je mehr sie schreibt, desto mehr laugt sie den schönen Mann aus. Sie muss sich zwischen dem ersehnten Durchbruch als Schriftstellerin und ihrem persönlichen Glück entscheiden.

Die Vorstellung von privatem Glück als Sehnsuchtsort treibt diese Protagonisten um und muss nicht selten auch als Grund für die hohen Ambitionen dieser Menschen herhalten. Denn häufig sind es Männer, die das private Glück schlichtweg verpassen, weil sie nie da sind. So auch der Architekt in “Hunderttausend”, der dem Sohn auch nach dem Selbstmord der Mutter fremd bleibt. Ähnlich verhält es sich mit “Die Fliege”: In dieser Erzählung begegnet der Leser dem Verleger von Margo während des Sommerurlaubs. Doch bleibt die Geschichte auf dessen Frau fokussiert. Sie heiratete den älteren Mann, bevor sie sich selbst verwirklichen konnte. Nun, nachdem er beruflichen Erfolg hat und die Kinder nicht mehr ihre volle Aufmerksamkeit benötigen, möchte sie nicht mehr hinter den Ambitionen des Mannes anstehen und die Kontrolle über ihr Leben zurück.

Kontrolle ist ein weiteres Thema in diesen elegant erzählten Geschichten. In der kafkaesquen Erzählung “Ping Pong” wacht der Erzähler mit einem anderen Mann ohne weitere Erklärung in einem Raum auf, in dem sich nichts weiter als eine Tischtennisplatte befindet. Er und sein Mitgefangener verbringen Monate damit, Tischtennis zu spielen, ohne zu wissen, wie sie sich aus dem Raum befreien können.

Die Erzählungen in Die Wahrheit über das Lügen zeigen das Leben oft als ein Tauschgeschäft: Freiheit ist nicht ohne Unsicherheit zu haben, beruflicher Erfolg nicht ohne persönliche Entbehrungen. Dabei zieht Wells alle Register, erzählt aus unterschiedlichen Perspektiven und spielt immer wieder mit den Mitteln der Fantastik. Es kommt leider selten vor, aber Wells zeigt, dass man bezüglich der hierzulande ja eher Stiefmütterlich behandelten Kurzform nicht immer neidisch über den Atlantik schauen muss. Gelungen!

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Die Wahrheit über das Lügen ist bei Diogenes erschienen.

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