Zum Heulen komisch: Ottessa Moshfeghs erster Erzählband [Kritik]

Ottessa Moshfegh Homesick for Another World Dem Bild eines heulenden Hundes wohnt etwas Tragisches inne: Es äußert sich eine Verbindung zu etwas, das längst verloren gegangen ist. Das Primitive bricht auch immer wieder in den 14 Erzählungen von Ottessa Moshfeghs erstem Erzählband Homesick for Another World hervor. Es ist ein Heimweh im übertragenen Sinn, das Moshfeghs Protagonisten umtreibt: Der Wunsch nach einem anderen Zustand, einer Verbindung zum Leben, die ursprünglicher ist und tiefer geht, als das alltägliche Allerlei einer postindustriellen Welt.

Schlecht bezahlte Jobs und Geldsorgen, heruntergekommene Waldhütten und Partner mit Napoleonkomplex: Es sind nicht die besten Lebensumstände, die Ottessa Moshfeghs Erzählungen nachzeichnen. Besonders Lehrer fristen ein eher trostloses Dasein. In der Eröffnungsgeschichte „Bettering Myself“ erzählt die Lehrerin Miss Mooney von ihrem unerfüllten Alltag an einer katholischen Schule. Sie hat kaum Sozialkontakte außerhalb der Schule, verbringt die Abende damit, sich in den Schlaf zu trinken und dem inzwischen wieder verheirateten Ex-Mann hinterherzutelefonieren.

In „Slumming“ verbringt eine Dozentin ihre Sommermonate in dem von Teenie-Müttern und Obdachlosen bevölkerten, heruntergekommenen Städtchen Alna. Auch sie lebt eher kontaktarm und übt sich in Distanz. Ihre einzige Bekanntschaft ist Clark, der während des Semesters nach ihrem Haus schaut. Fast schon beiläufig ergibt sich eine kurze körperliche Beziehung daraus – gewachsen aus Einsamkeit und Verfügbarkeit, wie es die Erzählerin lakonisch zusammenfasst. Momente des Zaubers teilen beide, indem sie zusammen Drogen nehmen, die sie bei den „Zombies“ am Busbahnhof kaufen. Die haben ein ständig wechselndes Angebot und geben ihr immer das Richtige, was sie für den Abend braucht, ein „supernatural wonder“ (S. 116). Auch Bildung schützt nicht vor Selbsttäuschung, könnte die Lehre dieser Erzählung sein. Letztlich unterscheidet sich das statische Leben der Frau kaum von dem der „Zombies“ um sie herum.

Der Wunsch, sich zu verbessern, schimmert unterschwellig in vielen dieser 14 Geschichten mit. Doch die Protagonisten stolpern immer wieder über ihre niederen Instinkte. Weniger begabte Schriftsteller würden daraus eine zähe, aufs Gemüt schlagende Prosa geplatzter Träume zimmern. Moshfegh hat aber kein Interesse an Pathos oder großen Gesten. Mal aus erster, mal aus dritter Person begegnet der Leser den Figuren, ohne dabei an die Hand genommen zu werden (es geht zuweilen durchaus unappetitlich zu). Immer wieder gelingt der Amerikanerin dabei ein im besten Sinne wundersamer Blick auf ihre Figuren, die sich aus dem Treibsand ihres Alltags nur selten befreien können. Die Tragik, die dem innewohnt, wird immer wieder mit Komik vermengt – sei es durch skurrile Situationen oder der Kaltschnäuzigkeit ihrer Erzähler.

In „The Weirdos“ erzählt beispielsweise eine junge Frau fast schon etwas flapsig vom Zusammenleben mit ihrem klein gewachsenen Freund, der ihr beim ersten Date einen Taco kauft und aus einer Kristallkugel Nachrichten von Gott erhält – unter anderem, dass sie das Zeichen ist, auf das er gewartet hat. Das könnte romantisch wirken, wäre die Sache nicht ernst gemeint. Geblieben ist sie trotzdem: wie er vor einer picknickenden Familie in ihre Jeans hinein und ihre Arschbacken griff, hat sie schwer beeindruckt. Auch vermeintlich kluge Leute können dumme Entscheidungen treffen.

Und so beschreibt die junge Frau mit einer gehörigen Portion Sarkasmus das erratische Verhalten des Mannes, der wichtige Entscheidungen von seiner Glaskugel abhängig macht und glaubt, dass Intelligenz auch etwas mit Blutgruppen und Magneten zu tun hat. Die besten Bedingungen für eine glückliche Partnerschaft sind es also nicht. Das spiegelt sich auf beinahe absurde wie unheilvolle Weise in der Nachbarschaft wieder: Die Palmen am Straßenrand sind von Parasiten befallen, die Menschen laufen mit gesenkten Köpfen, weil das Viertel an einer Plage „seltsamer schwarzer Tauben“ leidet. Das Leben kann eben beschissen komisch sein: „I really hated him. A crow came and sat on the sill of the window. It seemed to roll its eyes“ (S. 65). Damit serviert uns Moshfegh auf halber Strecke schon eine Pointe: Wegen wem soll man hier mit den Augen rollen – dem erratischen Partner oder der Erzählerin, die an ihm kleben zu bleiben droht?

Warum heult ein Hund? Ein Hauch Camus

Viele der Protagonisten wirken ob ihrer zuweilen unbefriedigenden Lebenssituation seltsam gelassen, manchmal fast schon belustigt. Das liegt auch an den teilweise absurden Haken, die die Gesichten schlagen. In „The Beach Boy“ begegnen wir einem New Yorker Arzt, der zusammen mit seiner Frau bei Freunden zum Essen geladen ist. Sie erzählen vom Urlaub auf einer exotischen Insel, von der Armut dort und den Beach Boys, die sich selbst zum Verkauf anbieten. Das einfache Leben wird zum Sehnsuchtsort, den man sich freilich erst einmal leisten können muss: „Why couldn’t he live by instinct and appetite, be primitive, be free?“ (S. 163). Noch am selben Abend stirbt die Frau an einem Hirnschlag. Tage später wird dem Hinterbliebenen mit dem Abholschein für die Urlaubsfotos ein Rätsel aufgegeben, das ihn zurück zur Insel und zurück zu seinem Gedankenspiel führt.

In eine der stärksten Erzählungen, „A Dark and Winding Road“, flüchtet ein junger Mann vor seiner schwangeren Frau in die alte, heruntergekommene Waldhütte seiner Eltern. Dort trinkt und raucht er und wundert sich über einen Dildo, den er im Bett findet. Ins Absurde kippt die Geschichte, als plötzlich eine junge, etwas heruntergekommene Frau vor der Tür steht, die sich mit dem von der rechten Bahn abgekommenen Bruder des Erzählers zum Crystal-Konsum treffen will. Dieser gibt sich aus einer Laune heraus aber nicht als Verwandter, sondern als heimlicher Geliebter des Bruders zu erkennen. Es zeigt sich, dass die dunkle, verschlungene Straße des Titels als Double Entendre zu verstehen ist: Der Weg führt nicht nur zur staubigen Waldhütte, sondern in den Erzähler selbst.

Immer wieder lässt Moshfegh ihre Erzähler in ihrem Wunsch, ihr Leben zu bessern, in absurde Situationen stolpern oder sich rücksichtslos verhalten, ohne dass sich deren Situation entscheidend ändert. Die Vermutung liegt nahe, dass sich die Autorin von Albert Camus‘ Existentialismus hat inspirieren lassen. In seinem Essay Der Mythos von Sisyphos. Ein Versuch über das Absurde (1942) ergibt sich die Absurdität des menschlichen Daseins aus dem Wunsch nach einen sinnvollen Leben in einer für sich sinnwidrigen Welt. Die Protagonisten in Homesick for Another World fühlen sich unerfüllt und unternehmen mehr oder minder kraftvolle Anstrengen, um aus dem Ennui ihres Lebens auszubrechen. Sinnhaftigkeit erscheint dabei oft als Wunsch nach Authentizität, der aber unerfüllt bleiben muss – ein heulender Hund wird eben nicht wieder zum Wolf. Und so sind die Protagonisten wie Sisyphos immer wieder zum Scheitern verurteilt.
Dass ihre Versuche nach Besserung dennoch immer wieder komisch und unterhaltsam sind, ist alles andere als ein Grund zum Verzweifeln.

Die besprochene Ausgabe von Homesick for Another World erschien 2017 bei Jonathan Cape als Hardcover im Schutzumschlag.

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