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Leben in Zeiten des Terrors: So laut die Stille von Laurence Tardieu [Kritik]

So laut die Stille Laurence TardieuFrankreich hält den Atem an: Seit dem 7. Januar 2015, als zwei Männer die Redaktionsräume von Charlie Hebdo stürmten und beinah die gesamte Redaktion in wenigen Minuten auslöschten, befindet sich das Land im Ausnahmezustand. Was macht das mit der Seele eines Volkes? Wie soll man weiterleben, Worte finden für eine Barbarei, für die es keine Wort gibt? Die Schriftstellerin Laurence Tardieu versucht sich ganz privat und behutsam in ihrem aktuellen Roman So laut die Stille dem Schrecken zu stellen.

Obwohl So laut die Stille als Roman veröffentlicht wurde, ist der Text ganz nah an der Autorin, die hier aus ihrem eigenen Leben erzählt. Es gibt daher auch keinen dramatischen Spannungsbogen, keine klassische Handlung. Es ist eher ein autobiografischer Essay, den Laurence Tardieu direkt nach dem Anschlag auf Charlie Hebdo begann und der den Leser an der Gefühls- und Gedankenwelt der Autorin über die zwölf Monate danach teilhaben lässt.

Laurence Tardieu lebt mit ihrer Familie in Paris. Zum Zeitpunkt des Anschlags ist sie 42 Jahre alt und zum dritten Mal schwanger. Das etwas nicht stimmt, merkt sie an jenem furchtbaren Tag, als sie unablässig Sirenen ihre Straßen entlangfahren hört. Der Tag stellt eine Zäsur in ihrem Leben dar:

Seit dem 7. Januar ist alles durchlässig geworden, die Zersetzung ist in mich eingesickert. Die Welt ist mir unter die Haut gekrochen (18).

Das unaussprechliche Gemetzel des Tages erschüttert ihre Welt wie es nichts vorher getan hat. Dieser seismischen Verschiebung, die die Gesellschaft erfasst und in Tardieus Innerstes dringt, geht mit einer weiteren Erschütterung einher, durch die sich ein Gefühl des Fallens einstellt und sie zutiefst verunsichert: Das Haus der Großeltern in Nizza, mit dem sie ihre glücklichsten Momente verbindet und das sie jedes Jahr aufsucht, soll verkauft werden. Dieses Haus ist mehr als nur ein Haus, es ist ihr Zufluchtsort, an den sie sich körperlich aber auch via Erinnerungen zurückziehen kann. Dieser Ort gibt ihr Halt und nun, wo das Chaos der Welt ihr unter die Haut kriecht, droht der Verlust dieses Zufluchtsorts: „mein Fundament bekam Risse“ (72).

In ihrem knapp 160 Seiten kurzen Text versucht sie diesen Verlust, diese Zersplitterung ihrer Welt, sprachlich Herr zu werden. Sie will die Erinnerungen an das Haus in Nizza aufschreiben, weil sie sonst für immer verloren gehen würden. Neben diesen Erinnerungen stehen ihre Eindrücke aus Paris und das existenzielle Unbehagen, das ihr Leben nun dort begleitet. Die Sprachlosigkeit ob der Geschehnisse lassen sie erstarrt zurück:

Die Wörter kapitulierten, die Realität kapitulierte, alles kapitulierte (30).

So laut die Stille ist ein Versuch, über das Schreiben zu einem Leben zurückzufinden und dem Gefühl des Fallens etwas entgegenzusetzen, das ihr Halt gibt. Das macht letztlich auch den Reiz dieses schmalen Buches aus, denn es gibt einem mulmigen Gefühl Worte, das wahrscheinlich viele Menschen in Städten wie Paris, London oder Berlin empfinden, das aber selten artikuliert wird. Diese Sprachlosigkeit bricht sich Bahn, wann immer ein neuer Terrorakt von den gleichen, ritualisierten Sprachakten im öffentlichen Diskurs begleitet wird. Man drück bestürzen aus und knüpft das an die Aufforderung, sich seine Lebensart nicht beeinflussen zu lassen, weiterzuleben wie bisher. So laut die Stille zeigt, dass das eben nicht so einfach ist, wenn man beispielsweise auf öffentliche Verkehrsmittel angewiesen ist. Dieses flaue Gefühl, das man hat, wenn man in Berlin oder London mit der U-Bahn fährt – wo soll man damit hin? Denn natürlich hat sich etwas geändert: Das zeigen die Diskussionen über öffentliche Videoüberwachung ebenso wie die für jeden sichtbare Polizei- bzw. Militärpräsenz in Europas Metropolen.

Bislang hat diese sehr subjektive, persönliche Beschreibung zum Leben in Zeiten des Terrors wenig Raum eingenommen. Laurence Tardieu macht mit So laut die Stille einen einfühlsamen und sehr persönlichen Anfang, der die politische Dimension weitestgehend außen vor lässt und sich auf das subjektive Erleben beschränkt. Darüber gelingen ihr durchaus Anknüpfungspunkte an das große Ganze, zum Beispiel wenn sie schreibt, dass sie das Gefühl nicht abschütteln kann, die Attentate galten auch ihr. Diesem Gefühl eine Sprache zu geben und es mit der Welt zu teilen, ist Tardieus Schritt hinaus aus einer kollektiven Sprachlosigkeit und in ein Leben, in dem der alte Zufluchtsort fehlt und das Unvorhergesehene jederzeit passieren kann.

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So laut die Stille erschien erstmals 2016 unter dem Originaltitel Á la fin le silence. Die deutsche Übersetzung ist in diesem Jahr bei Edition Fünf erschienen.