• Kritik

    Kaschmirliebe und Verlustängste: Die Auster von Yael Inokai

    Die Schweizer haben einen besonderen Zugriff auf die deutsche Sprache. Vielleicht ist es der Kontrast zwischen gesprochenem Alltag und hochdeutschem Schreiben, der Schweizer Autoren eine Klarheit und Präzision schenkt. Die Auster von Yael Inokai ist das beste Beispiel. Der Roman ist eine Kriminalgeschichte, aber wie so häufig im Genre auch eine Milieustudie. Die Genrekonventionen des Krimis spielen hier aber keine große Rolle, der Mordfall bietet dem Text nur die Koordinaten, in denen sich eine feinsinnige Charakterstudie entfaltet.

  • Kritik

    Auf halber Strecke: Alte Pfade von Alexa Hennig von Lange

    Alte Pfade von Alexa Hennig von Lange ist der erste Roman der Autorin seit ihrer viel beachteten Heimkehr-Trilogie, in der sie die Geschichte ihrer Großmutter während der NS-Zeit nachzeichnete. Familie ist auch wieder das bestimmende Thema im neuen Roman: Liliane reist nach Schottland, wo ihr 89-jähriger Vater einen Herzinfarkt hatte und trotzdem durch die Highlands wandern will.

  • Kritik

    Mio und die Unsterblichkeit von Paulus Hochgatterer

    Ingemar – das klingt nach älterem Herrn. Und eine gewisse Altersweisheit lässt sich im Ton des Erzählers von Hochgatterers Roman Mio und die Unsterblichkeit auch erkennen. Doch Ingemar ist erst 16 und er wurde benannt nach einem schwedischen Skirennfahrer. Letztlich eine unglückliche Namenswahl, denn sportlich ist der Junge nicht. Im Gegenteil. Er ist SMA-Patient und somit auf Hilfe angewiesen. So unbeweglich sein Körper wird, so dynamisch ist jedoch sein Geist.

  • Ich ertrinke in den Wassern meiner eigenen Liebe
    Kritik

    Ich ertrinke in den Wassern meiner eigenen Liebe von Julia Franck

    Rilkes letzte Geliebte: Mouky alias Merline alias Baldine Klossowska. Sie ist jünger, geschieden und Mutter zweier Söhne. Er ist der große Dichterfürst, der sich von wohlhabenden und adligen Mäzeninnen aushalten lässt. Immer Frauen. Immer mit Distanz. Julia Franck hat sich in der umfassenden Korrespondenz zwischen Rilke und Klossowska auf Spurensuche begeben und die vielleicht letzte Liebe Rilkes nachgezeichnet.

  • Interview

    Interview Dennis Cooper

    Dennis Cooper, born in 1953, has a reputation as a cult author but never made it into the mainstream. This may be due to the fact that early on he was labeled an ‚enfant terrible‘ who wanted to provoke with explicit depictions of sex and violence. He is currently in a high phase: his new, tenth novel I Wished was published at the end of last year. At the same time, Luftschacht Verlag published his 2004 novel Die Schlampe (Orig. The Sluts) for the first time. He is currently preparing his third film and maintains his blog almost every day. In the meantime he found the time for an interview.

  • Allgemein

    Sich suchen im anderen Selbst: Popóm von Johanna Sebauer

    Johanna Sebauers Popóm (2026, DuMont, 221 Seiten) ist ein Roman über Identität und Orientierungslosigkeit: Hendrik Popom, Endzwanziger und Werbetexter in Hamburg, erkennt in einem älteren Mann im Spätshop sich selbst – und der andere heißt tatsächlich ebenfalls Hendrik Popóm, nur mit Akzent. Sebauer erklärt das Doppelgängerphänomen nicht, beide Hendriks nehmen es als Fakt hin. Der Roman liest sich als Diagnose einer Generation, die verpasst hat, in der Welt zu sein – statt in der Fantasie vom Selbst. Rezension: schmiertiger.

  • Allgemein

    Schroffe Schönheiten: Der letzte Leuchtturm von Michael Pedersen

    Michael Pedersens Der letzte Leuchtturm (2026, DuMont, dt. Stephan Kleiner) ist der Debütroman des schottischen Lyrikers. Auf Muckle Fugga, der nördlichsten Insel Schottlands, leben ein Leuchtturmwärter und sein künstlerisch begabter Sohn Ouse. Als der lebensmüde Edinburgher Schriftsteller Firth auf der Insel Quartier nimmt, entsteht ein Tauziehen zwischen Vater und Fremdem um den Sohn. Sprachlich rokokoartig dekoriert – als Kontrast zur kargen Landschaft und dem schroffen Vater bewusst eingesetzt, zuweilen aber aufgebläht. Stärken: lebendige Naturschilderungen, schnoddrige Vaterfigur, originelle Dreiecksstruktur. Rezension: schmiertiger.

  • Allgemein

    Jahre mit Sam: Pijpelijntjes von Jacob Israel de Haan

    Jacob Israel de Haans Pijpelijntjes (1904, dt. Olaf Knechten) gilt als erster offen homosexueller Roman der niederländischen Literatur. Im naturalistischen Stil der Jahrhundertwende erzählt Joop von seiner komplizierten, asymmetrischen Bindung an Sam im Amsterdamer Arbeiterviertel de Pijp. Der autobiografische Roman kostete de Haan den Job. Sprachlich eigenwillig: lautmalerisch, mit zusammengesetzten Adjektiven wie „blauweißbleich". Ebenso lesenswertes Nachwort des Übersetzers. Rezension: schmiertiger.

  • Allgemein

    Nicht heulen: Zähe Hunde von Falun Ellie Koos

    Falun Ellie Koos' Zähe Hunde (2026, Aufbau, dt. Andrea Kluitmann) ist ein Debütroman über Ada und ihren Bruder Broos, die in der niederländischen Unterschicht im Trailerpark eines verbitterten Gärtners aufwachsen. Der Roman ist an den verlorenen Bruder adressiert und wechselt zwischen der erzählten Gegenwart – Ada lebt bei einem Eremiten im galizischen Wald – und Kindheitserinnerungen. Themen: Klassenbruch, transgenerationales Trauma, Resilienz, die Ambivalenz von Bewunderung und psychischer Gewalt. Lakonisch erzählt, in einem Vokabular, das instinktiv und gelebt statt gesucht wirkt. Nominiert für den niederländischen Libris-Literaturpreis. Rezension: schmiertiger.