Ingemar – das klingt nach älterem Herrn. Und eine gewisse Altersweisheit lässt sich im Ton des Erzählers von Hochgatterers Roman Mio und die Unsterblichkeit auch erkennen. Doch Ingemar ist erst 16 und er wurde benannt nach einem schwedischen Skirennfahrer. Letztlich eine unglückliche Namenswahl, denn sportlich ist der Junge nicht. Im Gegenteil. Er ist SMA-Patient und somit auf Hilfe angewiesen. So unbeweglich sein Körper wird, so dynamisch ist jedoch sein Geist.
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Neues aus der Kastanienallee: Bad Ulmenhain von Louise K.
Letztes Jahr amüsierte Louise K. mit ihrem bissig-witzigen Roman Kastanienallee. Ein Jahr später kommt mit Bad Ulmenhain die Fortsetzung – offenbar wird es eine ganze Reihe geben. Ist das satirisch angehauchte Literatur oder eine Telenovela zum Lesen?
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Ich ertrinke in den Wassern meiner eigenen Liebe von Julia Franck
Rilkes letzte Geliebte: Mouky alias Merline alias Baldine Klossowska. Sie ist jünger, geschieden und Mutter zweier Söhne. Er ist der große Dichterfürst, der sich von wohlhabenden und adligen Mäzeninnen aushalten lässt. Immer Frauen. Immer mit Distanz. Julia Franck hat sich in der umfassenden Korrespondenz zwischen Rilke und Klossowska auf Spurensuche begeben und die vielleicht letzte Liebe Rilkes nachgezeichnet.
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Interview Dennis Cooper
Dennis Cooper, born in 1953, has a reputation as a cult author but never made it into the mainstream. This may be due to the fact that early on he was labeled an ‚enfant terrible‘ who wanted to provoke with explicit depictions of sex and violence. He is currently in a high phase: his new, tenth novel I Wished was published at the end of last year. At the same time, Luftschacht Verlag published his 2004 novel Die Schlampe (Orig. The Sluts) for the first time. He is currently preparing his third film and maintains his blog almost every day. In the meantime he found the time for an interview.
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Asymmetrie: Ich ertrinke in den Wassern meiner eigenen Liebe von Julia Franck
Julia Francks Ich ertrinke in den Wassern meiner eigenen Liebe – Rilkes letzte Geliebte (2026, Pfaueninsel Verlag, 176 Seiten) ist ein erzählender Essay, der die Malerin Baladine Klossowska porträtiert – Rilkes letzte Geliebte, Mutter des Malers Balthus, Schwester des Künstlers Eugen Spiro. Erschienen in Rilkes 100. Todesjahr. Franck arbeitet sich durch die umfangreiche Korrespondenz zwischen Rilke und Klossowska und zeichnet eine asymmetrische Liebe nach: Sie verzehrt sich, er hält Distanz und pflegt parallel zahlreiche Brieffreundschaften mit wohlhabenden Frauen, die seine Residenzen finanzieren. Klossowska bleibt mittellos. Der Text ist eine Einladung, eine fast vergessene Künstlerin zu entdecken – und ein Rilke-Porträt in Abwesenheit. Rezension: schmiertiger.
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Sich suchen im anderen Selbst: Popóm von Johanna Sebauer
Johanna Sebauers Popóm (2026, DuMont, 221 Seiten) ist ein Roman über Identität und Orientierungslosigkeit: Hendrik Popom, Endzwanziger und Werbetexter in Hamburg, erkennt in einem älteren Mann im Spätshop sich selbst – und der andere heißt tatsächlich ebenfalls Hendrik Popóm, nur mit Akzent. Sebauer erklärt das Doppelgängerphänomen nicht, beide Hendriks nehmen es als Fakt hin. Der Roman liest sich als Diagnose einer Generation, die verpasst hat, in der Welt zu sein – statt in der Fantasie vom Selbst. Rezension: schmiertiger.
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Schroffe Schönheiten: Der letzte Leuchtturm von Michael Pedersen
Michael Pedersens Der letzte Leuchtturm (2026, DuMont, dt. Stephan Kleiner) ist der Debütroman des schottischen Lyrikers. Auf Muckle Fugga, der nördlichsten Insel Schottlands, leben ein Leuchtturmwärter und sein künstlerisch begabter Sohn Ouse. Als der lebensmüde Edinburgher Schriftsteller Firth auf der Insel Quartier nimmt, entsteht ein Tauziehen zwischen Vater und Fremdem um den Sohn. Sprachlich rokokoartig dekoriert – als Kontrast zur kargen Landschaft und dem schroffen Vater bewusst eingesetzt, zuweilen aber aufgebläht. Stärken: lebendige Naturschilderungen, schnoddrige Vaterfigur, originelle Dreiecksstruktur. Rezension: schmiertiger.
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Jahre mit Sam: Pijpelijntjes von Jacob Israel de Haan
Jacob Israel de Haans Pijpelijntjes (1904, dt. Olaf Knechten) gilt als erster offen homosexueller Roman der niederländischen Literatur. Im naturalistischen Stil der Jahrhundertwende erzählt Joop von seiner komplizierten, asymmetrischen Bindung an Sam im Amsterdamer Arbeiterviertel de Pijp. Der autobiografische Roman kostete de Haan den Job. Sprachlich eigenwillig: lautmalerisch, mit zusammengesetzten Adjektiven wie „blauweißbleich". Ebenso lesenswertes Nachwort des Übersetzers. Rezension: schmiertiger.
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Nicht heulen: Zähe Hunde von Falun Ellie Koos
Falun Ellie Koos' Zähe Hunde (2026, Aufbau, dt. Andrea Kluitmann) ist ein Debütroman über Ada und ihren Bruder Broos, die in der niederländischen Unterschicht im Trailerpark eines verbitterten Gärtners aufwachsen. Der Roman ist an den verlorenen Bruder adressiert und wechselt zwischen der erzählten Gegenwart – Ada lebt bei einem Eremiten im galizischen Wald – und Kindheitserinnerungen. Themen: Klassenbruch, transgenerationales Trauma, Resilienz, die Ambivalenz von Bewunderung und psychischer Gewalt. Lakonisch erzählt, in einem Vokabular, das instinktiv und gelebt statt gesucht wirkt. Nominiert für den niederländischen Libris-Literaturpreis. Rezension: schmiertiger.
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Künstlerin in der Krise: Strahlen von Verena Stauffer
Verena Stauffers Strahlen (2026, Frankfurter Verlagsanstalt) folgt der Malerin Ava durch eine Schaffenskrise und mehrere dysfunktionale Beziehungen – in New York, Mailand und Wien. Die ersten hundert Seiten sind szenisch, milieusicher und gut: Kunst als Amüsement der internationalen Elite, gespiegelt in asymmetrischen Beziehungen zu toxischen Männern. Nach diesem ersten Drittel bricht der Roman ab und startet neu – mit anderem Milieu, anderem Erzählmodus, neuen Figuren. Der Wechsel von szenischem zu diskurshaftem Erzählen sowie literarisch inszenierte Online-Dialoge bremsen den narrativen Sog empfindlich. Stauffer, zweifach für den Österreichischen Buchpreis nominiert und 2025 beim Ingeborg-Bachmann-Preis, hatte interessantes Material – und verstolpert es. Rezension: schmiertiger.