Elefanten müssen erneut als Metapher für die Absurdität heutiger Verhältnisse herhalten: Nachdem Gaea Schoeters in Das Geschenk 20.000 Dickhäuter in Berlin erscheinen ließ, um eine wunderbare Politiksatire zu spinnen, treibt Sasha Filipenko in Die Elefanten ein bitterböses Spiel über die Normalisierung des Ausnahmezustands. In einer unbenannten Hauptstadt – denkbar als Moskau – sind die Tiere wie bei Schoeters plötzlich da, werden aber nicht als Problem erkannt, das von den Herrschenden zu lösen ist, sondern als etwas, mit dem sich die Bevölkerung arrangieren muss – und die dies scheinbar bereitwillig auch tut.
Keine Lust auf Sushi: Eddi von Andreas Martin Widmann
Eddi hat Frust: Sie soll mit ihren Eltern für einige Jahre nach Japan ziehen, nachdem der Mutter Machtmissbrauch vorgeworfen wurde an dem Sportinternat, an dem sie unterrichtet und Eddi ebenfalls zur Schule geht. Es ist nicht der erste Umzug im Leben der 15-Jährigen. Nun bleiben ihr nur noch ein paar Tage, bis sie mal wieder alle Zelte abbrechen muss.In die Magengrube: Brawler von Lauren Groff
Lauren Groff zählt zu den besten Stimmen der amerikanischen Erzählliteratur. Nachdem ihr letzter Band Florida in eben jenem Bundesstaat, in dem sie lebt, angesiedelt war, ist der neue Band Brawler ohne konkreten geografischen Bezug, dafür aber thematisch ein fokussierter Band, der weibliche Protagonistinnen in widrigen Situationen zeigt.Beton in der Brust: Uppercut von Maja Iskra
Zwei komplizierte Liebesgeschichten, erzählt in einem fast telegrafisch reduzierten Stil: In Uppercut von Maja Iskra erinnert sich eine in Wien lebende Frau an ihre Kindheit und Jugend in Belgrad, während sie eine gleichsam drängende wie schwebende Liebelei in der Gegenwart navigiert – eine gelungene Erzählung über die Koordinaten des Lebens in widrigen Umständen.Fehlgeschlagene Verbindungen: Foto auf Anfrage von Simon Chevrier
Jeder will was, aber wenig gibt’s: In Foto auf Anfrage von Simon Chevrier driftet ein hübscher Endzwanziger durch das Toulouse des Jahres 2020. Die Pandemie droht, das Leben einzufrieren. Dabei ist es schon ziemlich kühl: Eine Beziehung ist zu Ende, das Lehramtsstudium nach dem Bachelor praktisch abgebrochen und der Vater stirbt. Das Foto eines wie selbstverständlich zur Kamera schauenden jungen Mannes, der an seinem eigenen großen Zeh lutscht, zieht ihn in den Bann, wird zur Manie, zur Identifikation und Aufgabe – herauszufinden, wer dieser junge Mann ist – und wer man selbst sein könnte.Wilde Wege – Sie wollen uns erzählen von Birgit Birnbacher
Birgit Birnbacher zeigt sich als Autorin mit sozialpädagogischem Impuls. In ihrem letzten Roman Wovon wir leben widmete sie sich dem Wert der Arbeit, im neuen Text Sie wollen uns erzählen rückt Neurodivergenz im Zusammenhang mit Schule und Mutter-Kind-Beziehungen in den Fokus: Oz gilt trotz guter Noten als schwer „beschulbar“, seine Mutter hat ein unstetes Nervenkostüm und die Oma ist plötzlich aus dem Krankenhaus verschwunden. Es ist ein Roman über Umwege und das, was zählt.Alles wird Nichts wird Alles: Schleifen von Elias Hirschl
Bis alle Differenz zu nichts wird: Schleifen ist das vorläufige Meisterstück von Elias Hirschl, der hier Sprachwissenschaft und Mathematik, Geschichte und uferlose Imagination virtuos verwebt. Schleifen ist ein aufregender Text über Sprache und Sinn, man erinnert sich an Cormac McCarthys Stella Maris oder auch an Don DeLillo, zutiefst philosophisch und unterhaltsam zugleich, ein unheimlich komplexes Werk, das sich seinen Lesern aber nicht verschließt – etwas, das, seien wir mal ehrlich, extrem selten in der deutschsprachigen Literatur geworden ist.Klatsch und Tratsch aus Wien: Kastanienallee von Louise K.
Auf der schicken Kastanienallee wohnt, wer in Wien einen Namen hat. Anwälte, Psychologen, Ärzte und ein Trafikant. Louise K. – ein Pseudonym – hat ein knappes Dutzend Figuren zu einem süffisanten Sittenbild zusammengeworfen, in dem es nicht nur um die lieben Nöte der Bessergestellten geht, sondern auch um Leben und Tod.Die 3 Platten des Jahres 2025
Das musikalische Jahr war, zumindest in meinem Regal, ziemlich abwechslungsreich. Neben Rock, Techno und Dubstep wurde es mit allen Alben von Khruangbin aufgefüllt. Oft gehört wurde auch eine ältere Anschaffung, das unsterbliche Voodoo von D’Angelo, der im Herbst zu früh verstarb. Keine meiner neuen Platten kratzt an dem außerweltlichen Erlebnis, das mir Voodoo jedes Mal – und es waren viele hundert Male über die vergangenen zwanzig Jahre – gibt. Aber: Das ist ohnehin praktisch unmöglich und letztlich keine Aussage über den Genuss, den die folgenden drei Alben bieten.L.A. Witch – DOGGOD
Die drei Hexen aus L.A. haben ihren dritten Longplayer veröffentlicht und führen ihren schnoddrigen Sound, der irgendwo zwischen Garagenrock und Surfer Rock einzuordnen ist, konsequent fort. Die Stimme von Sängerin und Gitarristin Sade Sanchez erinnert etwas an die süßliche Hope Sandoval, aber mit rotziger Punk-Attitüde. Mit viel Hall unterlegt und verführerisch-besessen klingt ihre Stimme auf „Icicle“, der Single des Albums. Der psychedelisch gefärbte Surf-Rock des eingängigen Debüts wird auf DOGGOD um Goth-Elemente erweitert. Die Attitüde bleibt frech, hat aber psychotische Momente wie das deliröse „I Hunt You Prey“, aber auch folkigere Seiten wie das ungewohnt zärtliche „Lost At Sea“. Konzentriert auf neun Songs und eine halbe Stunde Spielzeit, bietet DOGGOD nicht die sofortigen Ohrwurm-Momente des Debüts, besticht aber durch eine größere Tiefe, die mit jeder Umdrehung mehr in den Bann zieht. Einziges Manko: Der Bass ist auf der Pressung etwas zu dominant.
Irini – Lost In Dreams
Der Produzent, der einst als Traumprinz veröffentlichte und inzwischen so viele Pseudonyme aufweist, dass man zwei Hände braucht, um sie abzuzählen, hat unter dem neuen Namen Irini nach verhältnismäßig längerer Schaffenspause ein sechs Platten umfassendes Magnus Opus veröffentlicht, das wie eine Reise durch die zahlreichen Pseudonyme des Produzenten klingt. Das Album besteht aus einem Mix, der vor einigen Jahren auf SoundCloud veröffentlicht wurde, und sprengt drei Stunden Spielzeit. Von psychotisch-ravigen Momenten (“What Did U Just Give Me”) hin zu Dub Techno (“Gb3am”), Ambient (“Durch Die Nacht” – episch!) und erstmalig auch Drum’n’Bass (“Sweet Charlotte”) ist Lost In Dreams eine musikalische Reise, in der man sich gut verlieren kann. Erstaunlich ist die Qualität – trotz 37 (!) Tracks hat man nie das Gefühl, etwas überspringen zu müssen. Das rechtfertigt dann auch den Preis von rund 130 Euro, der für die Box fällig war.
Margaux Gazur – Blurred Memories
Ein stilles, unscheinbares Album, das zum Highlight des Jahres zählt, ohne sich aufzudrängen. Blurred Memories ist eine Hommage an die vietnamesische Herkunft der Produzentin. Die Stimmen von Freunden, Familie und der Klang der Straßen Hà Nộis haben in den Tracks Eingang gefunden, eine luftige, reduzierte Melange aus diesen Field Recordings und Elektronik. Blurred Memories ist kein Album zum Tanzen, der Bass ist gedämpft und hintergründig wie ein Puls, darüber tummeln sich Geräusche und Melodien, zaghaft, verschwommen und doch einnehmend.
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Die 3 Bücher des Jahres 2025
Das Lesejahr 2025 hatte einige gute Bücher und nur wenig Schlechtes zu bieten. Aber als ich diese alljährliche Übung ausführte, fiel mir auch auf: Ganz oben, an der Spitze des Lesevergnügens, drängen sich nur wenige Bücher wirklich auf. Da gab es schon stärkere Jahrgänge. Bedauerlich auch, dass es kein Buch eines deutschsprachigen Autors in meine Top 3 geschafft hat, wenngleich Mascha Unterlehbergs Wenn wir lächeln den Sprung nur knapp verpasst hat. Ihr originell erzähltes Debüt ist dennoch der vielleicht stärkste Coming-of-Age-Roman des Jahres.