Wer ist eigentlich Hendrik Popom? Wenig sticht heraus: Er kommt aus dem Süden, ist seiner Jugendliebe aber nach Hamburg nachgezogen. Dort leben sie in einer statischen Beziehung, er arbeitet als Werbetexter in einer Agentur. Ab und an geht er ein Feierabendbierchen trinken mit den Kollegen. Sonstige Eigenschaften sind schwer auszumachen – er ist etwas verträumt. Dann erkennt er sich in einem anderen, als er einen kurzen Abstecher in den Spätshop unternimmt – und sein Leben gerät außer Kontrolle. Popóm von Johanna Sebauer fußt auf einer interessanten Idee, die die Frage stellt: Wie entdecken wir uns selbst?
Dass die Beziehung zu Anja dem Ende zugeht, errät der Leser gleich zu Beginn. Sie sind schon lange zusammen, aber es gibt wenig Entwicklung. Frustration seitens der Partnerin wird für den Leser sichtbar, für Hendrik scheinbar nicht. Denn eigentlich war er nur kurz zum Späti, um ihr etwas zu kaufen. Doch dann sah er den älteren Mann im gelben Mantel bei den Dosenpfirsichen stehen und erkannte: Das bin ich! Mit leeren Händen und ohne Erklärung kommt er zurück – man kann sich Anjas Augenrollen vorstellen: Ihr Freund ist irgendwie verpeilt.
Über die Strecke des Romans wird klar: Hendrik hat es verpasst, sich nach dem Abitur weiterzuentwickeln. Klar, man lebt in einer anderen Stadt, hat einen Beruf, aber so wahnsinnig viel scheint sonst nicht passiert zu sein. Die Beziehung zu Anja scheint ein stabilisierender Faktor, ist aber so selbstverständlich wie die Turnschuhe, die er trägt.
Nun lässt ihm dieser Fremde nicht mehr aus dem Kopf: Er ist zwar älter, aber unerklärlicherweise ist Hendrik überzeugt: Das bin ich. Er spricht den Fremden an, der verdutzt das Weite sucht. Dann, bei einem romantisch gedachten Abendessen im Restaurant mit Anja, taucht der Fremde wieder auf. Hendrik lässt das Date – und somit auch seine Beziehung – platzen, um sich wieder dem Fremden zu nähern. Und siehe da: Auch er heißt Hendrik. Und auch sein Nachname ist Popóm, nur eben mit Akzent. Viele Dinge ähneln sich auf erstaunliche, unerklärliche Weise. Johanna Sebauer begeht auch nicht den Fehler, dies erklären zu wollen – beide Hendriks nehmen es irgendwann als Fakt hin.
Ohne Beziehung und ohne viele Freunde oder Hobbys haftet sich Hendrik also an den anderen Hendrik – nur: Wozu? Er erhofft sich Antworten, wie es mit ihm weitergehen könnte, nun da Anja ihn verlassen hat. Schließlich ist der andere Hendrik älter als er. Aber irgendwas stimmt da nicht. Denn dieser zweite Hendrik gibt erstaunlich wenig von sich Preis, bleibt fremd…
Popóm ist ein origineller Text. Sebauer hat ein Gespür für verschrobene Situationen. Schon ihr viel gelobter Roman Nincshof brachte uns in eine skurrile Situation, in der ein Dorf vergessen werden wollte. Nun haben wir es also mit einer Art Doppelgänger zu tun. Ist der andere Hendrik hier als eine Art Nabelschau zu verstehen – ein Mann mit wenigen Eigenschaften, der seltsam fasziniert von sich selbst es verpasst, in der Welt zu sein? Es ist der Wunsch nach etwas Tieferem und einer großen Orientierungslosigkeit, wo diese Tiefe denn zu finden sein könnte – in Erfahrungen in der Welt, und nicht in der Fantasie vom Selbst.
Die Autorin greift wenig sichtbar in die Deutung des Textes ein – überlässt es dem Leser, hier Bedeutung zu extrahieren. Klugerweise hält sie den Roman mit rund 200 Seiten schlank und versucht sich nicht, das Doppelgängerphänomen zu erklären. Vielleicht hätte sie den Text noch etwas absurder gestalten können, aber das ist Geschmackssache – empfehlenswert.
Popóm von Johanna Sebauer ist bei DuMont erschienen.
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