Allgemein,  Kritik,  Literatur

Nicht heulen: Zähe Hunde von Falun Ellie Koos

Rezension: Zähe Hunde von Falun Ellie KoosAda und Broos wachsen unter denkbar schwierigen Bedingungen im Trailerpark beim schroffen Vater auf. Jahre später ist Ada bei einem Eremiten im galizischen Wald untergekommen und erinnert sich an den Schmerz – und beginnt einen Prozess der Versöhnung. Zähe Hunde von Falun Ellie Koos ist ein beeindruckendes Debüt: soghaft, erschütternd, präzise.

Die Eltern von Ada und Broos werden früh Eltern, trennen sich, als die Kinder noch jung sind. Die Mutter ist überfordert, der Vater verbittert. Das Leben zwischen diesen Kontrasten wird gebrochen, als die Mutter stirbt und sich beide dauerhaft im Trailerpark beim Vater wiederfinden. Der Raum ist beengt, der Umgangston rau. Es ist ein Leben in der niederländischen Unterschicht, geprägt von harter Arbeit, Tabakgeruch und Misstrauen gegen Autoritäten und Almosen. Ada schaut zum Vater auf – seine Strenge, die die Grenze zur psychischen Gewalt überschreitet. Die Erziehung kommt einer Abhärtung gegen Zärtlichkeit gleich. Der jüngere Bruder, in den Erinnerungen der Erzählerin von der Mutter verhätschelt, zerschellt daran.

In der erzählten Gegenwart besteht seit Jahren kein Kontakt mehr zwischen den drei Familienmitgliedern. Ada hat irgendwann eher durch Zufall ein Studium an der Kunstakademie begonnen und wurde vom Vater quasi aus dem Trailer verstoßen – als wäre der schöngeistige Bildungsweg ein Verrat am sich als Gärtner schindenden Mann, der stolz auf die Tochter war, als sie in der fleischverarbeitenden Industrie malochte. Der Bruder, aufgrund seiner Weichheit früh in eine Außenseiterrolle geraten, ist als Jugendlicher in einer Einrichtung gelandet.

Ada hat immer zu ihrem Vater aufgeschaut, der Geruch von Erde und Tabak so etwas wie ihre Heimat. Auch als sie an die Kunstakademie ging, verlor sie eine gewisse Ehrfurcht vor diesem Mann nicht. Die Eltern-Kind-Beziehung bekommt einen Anstrich vom Stockholm-Syndrom.

In dem neuen Milieu des gutsituierten und internationalen Bildungsbürgertums ist sie deplatziert. Nie wird sie dazugehören – auch, weil sie das gar nicht will: Das Schöngeistige, von Armut befreite Gehabe ist für sie eigentlich nur Quatsch.

Zähe Hunde ist lakonisch erzählt, in einem Vokabular, das instinktiv und gelebt statt gesucht wirkt. Der Text stellt die Erfahrungen von Schmerz und Trauma nicht aus, sondern berichtet sie in einer fast tauben Kühle. Adressiert ist der Text an den Bruder, den Ada in Jahren der Kontaktlosigkeit nur ein einziges Mal kurz besuchte – in einer kargen, oberflächlichen Wortlosigkeit, die die Beziehungen der Familienmitglieder untereinander seit jeher definiert. Im Moment des Erzählens ist Ada in einem spanischen Wald, lebt bei einem Eremiten quasi als Holzfällerin. Fernab der Gesellschaft erinnert sie sich und richtet den Text gewissermaßen an den verlorenen Bruder. Auf dem abgeschiedenen Hof sind auch zwei Hütehunde, die dem schroffen Gastherrn zum Trotz immer mit Folgsamkeit und Zuneigung entgegenkommen – ein offensichtlicher Spiegel der Situation zwischen Vater und Kindern.

In der nichtsprachlichen Zuneigung der Hunde und der Fürsorge, die Ada für die Tiere entwickelt, bricht die Härte, die ihr seit der frühen Kindheit eingeimpft wurde, langsam auf. Falun Ellie Koos ist ein berührendes Debüt über schwierige Umstände gelungen, das das Material nie zum Pathos auswalzt, sondern nah an der Wahrnehmung der Erzählerin bleibt – die mit Ruhe und schwelender Melancholie aus dem Leben berichtet und dabei natürlich auch viel über Resilienz, aber durchaus auch über die niederländische Unterschicht erzählt. Klare Empfehlung.

Zähe Hunde von Falun Ellie Koos ist bei Aufbau erschienen.

Dieser Blog ist frei von Werbung und Trackern. Wenn dir das und der Inhalt gefallen, kannst du mir hier gern einen Kaffee spendieren: Kaffee ausgeben.