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Zitternd schöner Zauber der ersten Male: Der große Sommer von Ewald Arenz

Der große Sommer von Ewald ArenzNoch so ein Sommer für die Ewigkeit: Benedict Wells Hard Land entführte uns bereits in einen prägenden Sommer, nun nimmt uns Ewald Arenz’ Der große Sommer mit ins Jahr 1981. Auch in dieser Coming of Age Geschichte macht der jugendliche Friedrich Erfahrungen, die ihn aus der Kindheit ins Erwachsenenleben führen.

Dabei steht der Beginn des Sommers für Friedrich unter keinem guten Stern. Auf den ersten Seiten präsentiert ihm sein Lateinlehrer eine sechs. Das heißt: Er ist durchgefallen. Er muss also am Ende der Sommerferien eine Nachprüfung schreiben, um nicht von der Schule zu fliegen. Eine Ehrenrunde hat er bereits gedreht. Seinem besten Freund Johann geht es da anders: Er ist in der Schule ein ziemlicher Überflieger. Dem Musiker aus gutem Hause geht das Meiste scheinbar einfach von der Hand. Friedrichs Leben ist etwas chaotischer: Als eines von sechs Kindern muss er sich sein Taschengeld selbst verdienen.

Nun, wo er um sein Verbleib im Gymnasium kämpfen muss, fährt die Familie ohne ihn in den Sommerurlaub. Er zieht bei seinen Großeltern ein. Vor dem Großvater, mit dem er nicht Blutsverwandt ist, graut es ihm anfangs ein wenig – er ist ein Mann alter Schule, der als Mediziner voller Ehrfurcht von allen mit Herr Professor angesprochen wird. Somit unterschiedet er sich fundamental von Friedrichs Vater, der selbst ein eher anti-autoritärer 68er ist und im Roman auch kaum eine Rolle spielt. Dem Heranswachsenden wird also ein neues Vorbild vorgesetzt, an dem er sich abarbeiten kann, währenddessen er noch eine Reihe weitrer Erfahrungen abseits des elterlichen Hauses macht. Der große Sommer folgt damit der klassischen Drei-Akt-Struktur einer Coming-of-Age-Erzählung aus Auszug aus dem Elternhaus, Erfahrungen in “der Fremde” und der Rückkehr als gewandelter Heranwachsender.

Der große Sommer hält sich natürlich nicht damit auf, der Lernalltag seines Helden zu beschreiben. Denn gleich zu Beginn begegnet Friedrich im Schwimmbad Beate und ist sofort verliebt. Diese erste Liebe beginnt gleich mit einer ersten Mutprobe: Man springt gemeinsam vom 7-Meter-Turm. Das Anbändeln der Beiden liest sich herrlich erfrischend – wir befinden uns hier schließlich lange vor der Zeit von Online-Dating und Social Media. So braucht es erstmal einiges an Kleingeld und eines Telefonbuchs, um sich zur Richtigen durchzutelefonieren. Die Unausweichlichkeit der Liebe ist natürlich ein großes Thema, dessen Ergründung in Friedrichs Leben so viel Raum einnimmt wie die formale Bildung in Vorbereitung auf die entscheidende Nachprüfung. Besonders die Liebe zwischen Großmutter und Großvater – zwei recht gegensätzliche Menschen – fasziniert Friedlich. Dabei kommen auch einige Geheimnisse der Familiengeschichte zu Tage.

Neben der Liebe ist Freundschaft ein weiteres Feld, auf dem sich viel bewegt: So muss Friedrich die Beziehungen zu seinem besten Freund Johann und seiner Schwester Alma, die über den Sommer ein Praktikum in einem Pflegeheim macht, austarieren. Und nebenbei stellt man natürlich noch jede Menge Unfug an und streichelt einen Tiger.

Der große Sommer ist wie Hard Land ein gefälliger Text. Es ist eine nostalgisch gefärbte Erzählung über die Jugend und die 80er, die kaum Haken schlägt und trotz aller Gefälligkeit gefällt. Ewald Arenz kann Sommer. Sein Gefühl für Lichtstimmung und olfaktorische Eindrücke ist bemerkenswert und macht große Lust und warme Tage am Wasser. Wie schon bei Alte Sorten bringt er die Stimmungen der Jahreszeit und die seiner jugendlichen Helden wunderbar aufs Papier.

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Der große Sommer ist bei Dumont erschienen.

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