Das musikalische Jahr war, zumindest in meinem Regal, ziemlich abwechslungsreich. Neben Rock, Techno und Dubstep wurde es mit allen Alben von Khruangbin aufgefüllt. Oft gehört wurde auch eine ältere Anschaffung, das unsterbliche Voodoo von D’Angelo, der im Herbst zu früh verstarb. Keine meiner neuen Platten kratzt an dem außerweltlichen Erlebnis, das mir Voodoo jedes Mal – und es waren viele hundert Male über die vergangenen zwanzig Jahre – gibt. Aber: Das ist ohnehin praktisch unmöglich und letztlich keine Aussage über den Genuss, den die folgenden drei Alben bieten.
L.A. Witch – DOGGOD
Die drei Hexen aus L.A. haben ihren dritten Longplayer veröffentlicht und führen ihren schnoddrigen Sound, der irgendwo zwischen Garagenrock und Surfer Rock einzuordnen ist, konsequent fort. Die Stimme von Sängerin und Gitarristin Sade Sanchez erinnert etwas an die süßliche Hope Sandoval, aber mit rotziger Punk-Attitüde. Mit viel Hall unterlegt und verführerisch-besessen klingt ihre Stimme auf „Icicle“, der Single des Albums. Der psychedelisch gefärbte Surf-Rock des eingängigen Debüts wird auf DOGGOD um Goth-Elemente erweitert. Die Attitüde bleibt frech, hat aber psychotische Momente wie das deliröse „I Hunt You Prey“, aber auch folkigere Seiten wie das ungewohnt zärtliche „Lost At Sea“. Konzentriert auf neun Songs und eine halbe Stunde Spielzeit, bietet DOGGOD nicht die sofortigen Ohrwurm-Momente des Debüts, besticht aber durch eine größere Tiefe, die mit jeder Umdrehung mehr in den Bann zieht. Einziges Manko: Der Bass ist auf der Pressung etwas zu dominant.
Irini – Lost In Dreams
Der Produzent, der einst als Traumprinz veröffentlichte und inzwischen so viele Pseudonyme aufweist, dass man zwei Hände braucht, um sie abzuzählen, hat unter dem neuen Namen Irini nach verhältnismäßig längerer Schaffenspause ein sechs Platten umfassendes Magnus Opus veröffentlicht, das wie eine Reise durch die zahlreichen Pseudonyme des Produzenten klingt. Das Album besteht aus einem Mix, der vor einigen Jahren auf SoundCloud veröffentlicht wurde, und sprengt drei Stunden Spielzeit. Von psychotisch-ravigen Momenten (“What Did U Just Give Me”) hin zu Dub Techno (“Gb3am”), Ambient (“Durch Die Nacht” – episch!) und erstmalig auch Drum’n’Bass (“Sweet Charlotte”) ist Lost In Dreams eine musikalische Reise, in der man sich gut verlieren kann. Erstaunlich ist die Qualität – trotz 37 (!) Tracks hat man nie das Gefühl, etwas überspringen zu müssen. Das rechtfertigt dann auch den Preis von rund 130 Euro, der für die Box fällig war.
Margaux Gazur – Blurred Memories
Ein stilles, unscheinbares Album, das zum Highlight des Jahres zählt, ohne sich aufzudrängen. Blurred Memories ist eine Hommage an die vietnamesische Herkunft der Produzentin. Die Stimmen von Freunden, Familie und der Klang der Straßen Hà Nộis haben in den Tracks Eingang gefunden, eine luftige, reduzierte Melange aus diesen Field Recordings und Elektronik. Blurred Memories ist kein Album zum Tanzen, der Bass ist gedämpft und hintergründig wie ein Puls, darüber tummeln sich Geräusche und Melodien, zaghaft, verschwommen und doch einnehmend.
Dieser Blog ist frei von Werbung und Trackern. Wenn dir das und der Inhalt gefallen, kannst du mir hier gern einen Kaffee spendieren: Kaffee ausgeben.
Bevor die letzten Tage des Jahres verstreichen, eine kleine Rückbesinnung auf das, was die meisten Runden auf meinem Plattenteller gedreht hat. Es gab vor allem im ersten Halbjahr viel aufregenden Musik, sodass die Auswahl auf drei Platten gar nicht so einfach war…
Die Stuttgarter Experten für slow Country Brthr melden sich mit ihrem vierten Album Brother zurück und expandieren ihren eigentümlichen Sound, ohne an Wiedererkennungswert einzubüßen. Nachdem der Vorgänger
Spotify Wrap up geht nicht – leider keinen Account. Aber eine umfangreicher werdende Plattensammlung, die in diesem Jahr nicht nur um den einen (Electric Wizards Dopethrone) oder anderen Klassiker (The Haxan Cloaks Excavation) bereichert wurde, sondern auch einige überzeugende Neuerscheinungen aufnahm. Die besten drei in beliebiger Reihenfolge sind:
Das Münchener Label Ilian Tape besetzt seine ganz eigene Nische in der elektronischen Musik: Techno, Drum’n’Bass und Ambient werden irgendwo zwischen Clubnächten und faulen Tagträumerein hybridisiert. Andreas zweites Album auf dem Label, Due in Color, macht keine Ausnahme und erinnert an vergangene Großtaten des Labels.
Eine Epiphanie ist ein Moment der plötzlichen Erkenntnis. Im religiösen Kontext versteht man darunter auch eine Offenbarung. Also ein Moment großer Klarheit. Und irgendwie denke ich – es mag am verwaschenen grauen Cover liegen – beim Hören von Epiphany, der neuen, beim Giegling Label erschienenen Doppel-LP des Hamburger Produzenten Peter Kersten a.k.a. Lawrence irgendwie an eine verträumte Reise zum Mond und die neue Perspektive, die es einem geben muss, von dort den blauen Planeten schwerelos im Nichts zu sehen. Die Musik hat freilich nichts von donnernden Raketenstarts: Die insgesamt 11 Tracks sind anschmiegsamer Deep House, zu dem man gern die Augen schließt und losfliegt.
Ein Sounddesign mit hohem Wiedererkennungswert ist schon mal die halbe Miete. Der Produzent Sa Pa ist unverwechselbar: Ein verrauschtes, knisterndes, basslastiges Klanggebräu aus Field Recordings, deren Ursprung kaum herauszuhören ist, ist allen Veröffentlichungen zueigen. Verwechslungsgefahr besteht höchsten zu eigenen Werken: Die neueste EP Borders of the Sun bringt zusammen, was man so ähnlich schon auf seinen ersten beiden LPs gehört hat.
Out Of Place Artefacts sind Objekte, die in einem ungewöhnlichen Kontext gefunden werden. Ihnen wohnt also etwas Rätselhaftes, Mystisches inne – als würde man einen iPod in einer antiken Ausgrabungsstätte finden. Aus diesem konzeptionellen Überbau haben die beiden Produzenten Vril und Rødhåd 2020 ein gemeinsames Projekt geschaffen, das ihre Fähigkeiten zu einer perfekten Symbiose verschmilzt und nun seine Fortsetzung findet. Und anders als man es von Filmen kennt – eine gewisse Sci-Fi Ästhetik wohnt auch Out Of Place Artefacts II inne – ist die Fortsetzung tatsächlich noch ein Stück besser als der bereits überaus stimmige Vorgänger.
Aus Sommer wird Herbst: Das ist nicht nur die banale Abfolge der Jahreszeiten, sondern auch die Verzögerung, mit der Vinyl-Veröffentlichungen auf sich warten lassen. Ob es bei So oder so von map.ache auf dem Weimarer Label Giegling an der allgemeinen Rohstoffkrise oder Bummelei liegt, vermag man nicht zu sagen. Fest steht: Die EP So oder so hat die häusliche Bequemlichkeit von map.aches vorzüglicher letzter LP hinter sich gelassen und zeigt in eine Zeit, in der man wieder tanzen darf.
Zwei Platten, zwei Kollaborationen, jeweils wie aus einem Guss: Während die Techno-Produzenten Ateq & Orion der kürzlich verstorbenen Queen zu musikalischem Glanz verhelfen, bringen Danger Mouse & Black Thought eine bereits ein Jahrzehnt gärende Zusammenarbeit ans Licht.