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Neue Musik: Ateq & Orion / Danger Mouse & Black Thought

Ateq & Orion Zwei Platten, zwei Kollaborationen, jeweils wie aus einem Guss: Während die Techno-Produzenten Ateq & Orion der kürzlich verstorbenen Queen zu musikalischem Glanz verhelfen, bringen Danger Mouse & Black Thought eine bereits ein Jahrzehnt gärende Zusammenarbeit ans Licht.

Cyclorama lautet die erste Zusammenarbeit zwischen Ateq & Orion. Die EP versammelt sieben Tracks zwischen Ambient, House und Breakbeat und ist eine eher gediegene Angelegenheit. Der gemeinsame Nenner der wie aus einem Guss klingenden Kollaboration ist hier Ambient. Nur an wenigen Stellen wird es verhalten tanzbar – es ist Musik für den Sonntag, zum Ausruhen, zum Schwelgen, zum Nachsinnen.

Der erste Track “Flood” knistert in Moll mit flächigen Synthesizern und tröpfelnden Pianonoten aus den Boxen, nur um kurze Zeit später und in das folgende “P09” zu gleiten, das mit schummrigen Keyboards öffnet und sich etwas brummend den Schlaf aus den Augen reibt, bis sich ein Beat in das gemütliche Klangkostüm huschelt.

Schon vor dem Tod von Queen Elizabeth II war “Crown” das Highlight der EP: Auf dem Grundgerüst eines einfachen Breakbeats streut das Duo hypnotische Pads und die rückversichernde Stimme der Majestät, die hier eine Rede an die Nation während der Pandemie hält: Der zuversichtlich Klang ihrer Stimme zeigt, warum die Monarchin ihrem Volk so wichtig war: “We will be with our friends again”.

Mit “Crown” schließt die erste Hälfte der EP. Dieser Track und das auf der B-Seite folgende “Ants III” sind die rhythmischen Highlights dieser auch in schnellerer Schlagzahl immer noch sehr träumerisch klingenden Platte. „Ants III“ öffnet mit einer pulsgebenden Bassdrum, die mit hölzernen Hi-Hats kontrastiert wird. Wieder kuscheln sich lauschige Pads um den Beat, eine hell flackernde Synthmelodie schafft Wiedererkennungswert. Die beiden verbleibenden Tracks auf Cyclorama reduzieren das Tempo wieder, sodass “Say Bye” ohne Beat den Hörer der Stille überlässt.

Eine weitere begeisternde Kollaboration, allerdings in einem anderen Genre, ist die LP Cheat Codes von Danger Mouse und Black Thought. Die vor langer Zeit bereits angedeutete Zusammenarbeit mit dem zwischenzeitlichen Arbeitstitel Dangerous Thoughts war gut zehn Jahre am Entstehen. Umso erstaunlicher ist, dass sie wie aus einem Guss klingt. Ohnehin ist Cheat Codes ein Unterfangen außerhalb der Zeit. Anbiederungen an neuere Trends im Hip Hop wie Trap oder Mumblerap bleiben außen vor – eher entführen uns die zwölf Songs in die goldene Ära der 90er Jahre, wenngleich die Soundästhetik – bei dem Produzenten Danger Mouse eigentlich nicht weiter verwunderlich -, weiter zurück in die 1970er.

Für Black Thought, der seit Ende der 90er Jahre zusammen mit Drummer ?uestlove das Rückgrat von The Roots bildet, breitet seine Reime hier also über aus Samples gestrickten Boom-Bap-Beats aus und nicht über den organischen Klangkulissen seiner Band. So groß ist der Unterschied dennoch nicht: Der Retroanstrich, der den Songs verpasst wurde, gibt Cheat Codes einen knisternd analogen Sound.

Danger Mouse & Black ThoughtCheat Codes ist wie Cyclorama eine Kollaboration ohne Mainstream Appeal: Mit seidigen Streichern und Wah-Wah-Gitarrenlicks schleicht “Sometimes” aus den Boxen. Nach einer Strophe von Black Thought und ohne Hook ist der Song auch schon vorbei. Es folgt der Titeltrack, der mit Stakkato-Orgel und polternden Drums Dinglichkeit versprüht und sich nicht weiter mit Melodien aufhält. Cheat Codes serviert, gehüllt in eine Lo-Fi-Soundästetik, Rap für Puristen. Das zeigt auch die Gästeliste an: Das folgende “The Darkest Part” holt den Wu-Tang Veteranen Raekwon auf einem Ragtime-Piano, das klingt als hätte es zehn Jahre in einem verlassenen Haus gestanden, mit ans Mikrophon. Es folgen Songs mit DOOM, Run the Jewels, Conway the Machine, Joey Bada$$ und einigen mehr. Alle geben sich in Hochform und fügen sich wunderbar in das Gesamtbild ein. Hauptrolle spielt stets Black Thought, der seinen Biss auch nach 30 Jahren nicht verloren hat. Technisch präzise läuft hier kein Reim ins Leere, auf jedem Track gehören die erinnerungswürdigen Zeilen ihm: Selbst DOOM kauft er mit “Fuck a thick skin / I got me a exoskeleton” auf dem wunderbar abgehangenen “Belize” den Schneid ab.

Wenn es etwas zum Mäkeln gibt: Zuweilen gerät der Mix etwas zu breiig: Das Highlight “No Gold Teeth” hat einen lässig groovenden, live eingespielten Bass, der von einem perfekt eingesetzten Sample aus “Stop” von Hugh Masekela ergänzt wird, lässt Black Thought aber klingen, als wurde sein Mikrofon in Watte gewickelt. Cheat Codes ist eine etwas dreckigere, grobkörnigere Angelegenheit, die – auch wenn man sich Black Thoughts Reime manchmal  etwas klarer und zentrierter im Mix wünscht -, absolut stimmig ist und eben zeitlos klingt. Cheat Codes hat ein gewisses Understatement bei maximal geschwollener Brust. Denn auch wenn Black Thought hier manchmal klingt, als stand er zu weit vom Mikro weg, ist die Message immer kristallklar: “The god of the microphone, praise the Lord / Anybody disagree with me, then raise your sword”.

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