Gewalt & Geschlecht im Militärhistorischen Museum Dresden

Gewalt & GeschlechtDie Sonderausstellung Gewalt & Geschlecht hat dem Militärhistorischen Museum der Bundeswehr in Dresden eine handfeste (und hausgemachte) Krise beschert. Lange Zeit war es fraglich, ob man die für 2017 geplante Ausstellung überhaupt sehen wird können. Und das, obwohl sie mit Kosten von drei Millionen Euro das komplette Jahresbudget des Militärhistorischen Museums sprengte. Es waren aber wohl nicht nur finanzielle Probleme, die zur Verzögerung führten: Auch inhaltliche Kontroversen um einige Exponate waren im Spiel – die F.A.Z. schrieb zum Beispiel vom “Kleinkrieg um Kondome auf Raketen”.

Mit Gewalt & Geschlecht hat das Militärhistorische Museum also ein heißes Eisen angefasst und hätte sich damit fast die Finger verbrannt. Man könnte allerdings meinen, dass dies eine beinah zwangsläufige Begleiterscheinung ist, wenn über Gender diskutiert wird. Das Erregungs- bzw. Empörungspotenzial ist hoch. Angesichts der von Schnappatmung geprägten Auseinandersetzungen in sozialen Medien ist es erst einmal eine Wohltat, diesem Thema die Ruhe und den Rahmen einer umfangreichen Ausstellung entgegenzusetzen. Wie schwer es ist, bei einem so komplexen Thema wie Geschlecht klare Linien zu ziehen – “auf den Punkt zu kommen”-, davon zeugt auch die Ausstellung, die in zwei dicht gepackten Räumen mit seiner Vielzahl von Themenbereichen und Exponaten den Besucher an die Grenzen seiner Aufnahmefähigkeit bringt. Keine Frage: Es ist eine insgesamt gelungene Ausstellung, die sich allerdings in der Komplexität ihres Themas etwas verzettelt.

Das mag auch an der Gestaltung liegen, in der sich möglicherweise die zaudernde Haltung des Museums spiegelt. Die Ausstellung mit den Kontroversen um ihre verzögerte Eröffnung im Hinterkopf beschreitend, stellte sich mir zumindest die Frage, ob das Militärhistorische Museum wirklich selbstbewusst zu ihr steht. Denn trotz des Brimboriums im Vorfeld, war sie nach ihrer Eröffnung dann etwas still behandelt worden. Obwohl sie bereits am 27. April ihre Türen öffnete, wird sie erst jetzt, knapp zwei Wochen vor Schließung, mit einer umfassenden Plakatkampagne sichtbar in den öffentlichen Raum getragen.

Auf gestalterischer Ebene wirkt die Sonderausstellung im Vergleich zu der eindrucksvoll inszenierten Dauerausstellung stiefmütterlich behandelt. Den mit mehr als 800 Exponaten überbordenden Ausstellungsräumen hätte etwas gestalterischer Esprit gut gestanden. So ganz ideenlos war man in dieser Hinsicht zumindest nicht: In beiden Räumen fahren Vorhänge auf Schienen, die so die Grenzen zwischen unterschiedlichen Themenfeldern öffnen und schließen. Vielleicht ist diese Idee mit einem Augenzwinkern zu verstehen: Geschlecht zieht sich durch alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens, sie in fein säuberlich voneinander getrennte Aspekte zu trennen, ist ein Ding der Unmöglichkeit. Leider sind die kontinuierlich durch die Räume fahrenden Vorhänge von einem penetranten mechanischen Summen begleitet, das eine ähnlich enervierende Wirkung wie eine flackernde Neonröhre hat. Die technische Umsetzung stellt diesem eigentlich cleveren Ansatz also ein Bein. Es würde auch nicht weiter ins Gewicht fallen, wenn Gewalt & Geschlecht nicht so viel Zeit und Konzentration vom Besucher verlangen würde. Wer alles im Detail betrachten will, sollte schon vier Stunden einplanen und eine Lesebrille einpacken.

Gewalt & GeschlechtEtwas Reduktion hätte der ambitionierten Ausstellung gut getan. Das Spannungsfeld zwischen Gewalt & Geschlecht wird in beeindruckend vielen Facetten beleuchtet: Von physischer und struktureller zu symbolischer Gewalt, von Rollenbildern, Frauenbewegungen und aktuellen Sexismusdebatten über Frauen in der Bundeswehr, Frauen in der RAF und Frauen in der NS Zeit bis hin zu Schönheitsidealen wird ein breites Spektrum an den gewalt(ät)igen Aspekten von Geschlecht in der Gesellschaft sichtbar gemacht.

Dabei gerät die Ausstellung zuweilen zu kleinteilig. Jeder Themenblock wird mit vielen Exponaten und Begleittexten aufgearbeitet. Wer von Beginn an jede Station in Tiefe aufnimmt, verliert bald die Ausdauer. Diese Kleinteiligkeit wäre eigentlich nicht nötig gewesen und wirkt an manchen Stellen fast beliebig. Das zeigt sich beispielsweise am Thema Beschneidung: Die Beschneidung von Jungen wird im Themenblock Glaube behandelt. Die Beschneidung von Frauen wird hingegen an einer Stelle thematisiert, bei der es um die Gewalt von Schönheitsidealen geht. Aber lässt sich die Beschneidung von Jungen allein über Glauben bei einer Beschneidungsquote von über 50 Prozent in den USA erschließen? Und spielen religiöse Aspekte wirklich keine Rolle bei der Beschneidung von Mädchen?

Dieses Kleinklein führt dann auch zu Exponaten, die zur Erschließung dieses ohnehin weiten Feldes meines Erachtens zu sehr abschweifen. Beispielsweise zeigt ein Exponat Fotos von Ehepaaren, bei dem beide Partner in aufeinanderfolgenden Tagen voneinander gestorben sind. Das ist zweifelsohne interessant, aber gehört der gewaltige Verlust des Ehepartners noch in eine mit Gewalt & Geschlecht überschriebene Ausstellung? Die durch die Räume surrenden Vorhänge zeigen es an: Trennscharfe Grenzen gibt es nicht. An der einen oder anderen Stelle hätte man dennoch beherzt einen Strich ziehen können.

Gewalt & Geschlecht Militärhistorisches Museum DresdenDas klingt natürlich nach viel Kritik. Sie wiegt letztlich aber nicht schwer. Tatsächlich ist Gewalt & Geschlecht eine durchweg interessante Ausstellung, bei der es an manchen Stellen hinsichtlich ihrer Struktur und Gestaltungselemente leicht hakt. Glücklicherweise schenkt die Ausstellung dem Besucher beim Wechsel zwischen ihren zwei Räumen eine Atempause von der inhaltlichen Dichte. Im Außenbereich stehen imposante, das Thema spielerisch aufnehmende Kunstinstallationen, darunter auch die ominöse, kondomüberzogene Rakete. Warum diese schöne Botschaft allerdings eine Krise auslösen sollte, erschließt sich mir nicht. Es ist ein schöner Gedanke: Vielleicht sollte man auch Trumps Twitter-Telefon mal einen Pariser überstreifen.

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Gewalt & Geschlecht ist noch bis zum 30. Oktober 2018 zum Preis von 7 Euro im Militärhistorischen Museum der Bundeswehr in Dresden zu besichtigen.

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