Weihnachten im Panzer: Aurora von Sascha Reh

sascha reh auroraSascha Reh legt mit Aurora ein schwungvolles Update der Weihnachtsgeschichte vor: Der Reporter Ole reist von Kopenhagen nach Bornholm mit dem Auftrag, über einen starken Schneesturm zu berichten. Es ist ein eher bescheidener Auftrag, der signalisiert, dass seine Karriere aufs Abstellgleis zu geraten droht. Doch dann findet er sich unverhofft in einem Abenteuer wieder: Denn plötzlich taucht Eric in einem Panzer auf, mit dem er auf dem Weg zu einer schwangeren Frau ist. Als sie unterwegs die Hebamme Tamara einsammeln, entwickelt sich sein langweiliger Auftrag zu einem rasanten Kammerspiel, dass die Weihnachtsgeschichte im Kontext aktueller Debatten um Geschlecht neu erzählt.

Wie Schauspieler gefangen in einem Skript, das ein anderer geschrieben hatte (83).

Ein abgehalfterter Journalist, ein einsamer Mechaniker und eine iranische Hebamme treffen sich in einem Panzer: Das klingt nach dem Beginn eines Witzes mit zünftiger Pointe, ist aber Sascha Rehs zeitgenössische Vision der Heiligen drei Könige. Sie wandeln nicht durch eine nahöstliche Landschaft, sondern tuckern in einem Panzer über die eingeschneite Ostseeinsel Bornholm. Schneeverwehungen reichen bis an die Dächer der Häuser, Orkanböen tragen unaufhörlich eisige Luft und Neuschnee über die erstarrte Landschaft.

Auch die drei Protagonisten des Romans scheinen auf die eine oder andere Weise erstarrt. Der Journalist Ole hat seine eigene Kolumne verloren und muss nun über das Wetter berichten. Er scheint vom Leben geschlagen, ist erfolglos und allein. Er ist auch der Außenseiter in der Inselgemeinschaft. Das Verhalten seiner beiden Mitreisenden ist erratisch und geheimnisvoll. Denn die Hebamme Tamara kennt die Schwangere nicht, zu der Eric so dringend mit seinem Panzer will – und eigentlich kennt auf einer kleinen Insel wie Bornholm jeder jeden. Auch zwischen ihr und Eric vermutet Ole ein Geheimnis. Während Eric in der Führerkabine wortkarg und ausweichend das schwere Gefährt durch den aufgetürmten Schnee treibt, umkreisen sich Ole und Tamara wie zwei gefangene Zootiere.

Gesellschaftliche Bruchlinien werden sichtbar. Tamara ist dünnhäutig und ausweichend, Ole ein herablassender Mann, der in einer zusehends liberalen Gesellschaft den Anschluss verloren hat. Je weiter die Reise voranschreitet, desto deutlicher wird, dass hier drei Menschen zusammengekommen sind, deren Leben auf sich verengenden Bahnen geraten sind. Die Versprechungen der Jugend sind nun, jenseits der 30, Enttäuschungen und unerfüllten Träumen gewichen.

Sascha Reh inszeniert diese Weihnachtsgeschichte temporeich mit süffisant bis schnippischen Dialogen, die eine große Verunsicherung in seinen drei Protagonisten erkennen lassen. So gibt sich Ole gegenüber Eric, den er als Simpel bezeichnet, überheblich und Tamara gegenüber latent aggressiv, um seine eigene Unsicherheit und Machtlosigkeit zu kaschieren. Er ist einer dieser weißen Männer, denen heute jedes Unheil der Welt vorgeworfen wird und ist sich dessen durchaus bewusst. Doch wie verhält man sich, wenn man doch nicht aus der eigenen Haut kann? Wie bringt man in Einklang, dass alle Menschen gleich und doch einzigartig sein sollen? Auch Eric ist ein verunsicherter Mann, der einsam ist. Will er wirklich einer schwangeren Frau helfen oder einfach nur nicht an Heiligabend allein sein? Tamara, die sich ruhig und besonnen gibt, ist unerfüllt. Eigentlich wollte sie mal Schauspielerin werden. Jetzt ist sie eine Hebamme, deren eigener Kinderwunsch bisher unerfüllt blieb.

Diese drei Menschen sind nicht nur in einem Panzer gefangen, sondern auch in Vorstellungen, die unter anderem an ihre Sexualität geknüpft sind. Selbstverwirklichung und der Wunsch nach Gemeinschaft erscheinen plötzlich wie zwei Paar Schuhe, die es zusammenzuschnüren gilt.

Dieser gesellschaftspolitische Überbau kommt in dem Roman nicht als Diagnose, sondern eher als Momentaufnahme zu tragen. Und während seine drei Erzähler zum Ende hin sich schweren Fußes durch meterhohen Schnee kämpfen müssen, erzählt Sascha Reh mit erfrischender Leichtfüßigkeit. Darum funktioniert Aurora in erster Linie auch als unterhaltsame Lektüre, die etwas einfängt, ohne es allzu fest zu umschlingen. Denn so wie in diesem Roman sich Frau und Mann nicht ganz entkommen können, kann man sich als Leser auch Aurora von der ersten Seite an nur schwer entziehen.

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Aurora ist bei Schöffling & Co. erschienen.

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