Das Ende der Phrasendrescherei: Überqualifiziert von Joey Comeau

Überqualifiziert Joey ComeauEinem Bewerbungsschreiben würde man eigentlich keinen literarischen Wert zuschreiben. Nicht so Joey Comeau. Der hat mit Überqualifiziert eine Art autobiografischen Briefroman geschrieben, der aus ziemlich absurden Bewerbungsschreiben besteht. Bei allem Witz sind sie allerdings auch von einer großen Melencholie bewohnt. Ein kurzweiliger, absolut lesenswerter Text.

Verkäufer bei Levi Strauss, Santa Claus in der Park Lane Mall, Horrorfilmautor bei Paramount Pictures, Systemanalyst im Queen Elisabeth Krankenhaus: Scheinbar wahllos schreibt Joey Comeau in Überqualifiziert Motivationsschreiben an verschiedene Unternehmen, viele davon weltbekannte Konzerne. Doch er folgt den üblichen Phrasen dieser Schreiben nicht. Jedes der ein bis zwei Seiten langen Schreiben verliert die Spur eines normalen Bewerbungsschreiben schon im ersten Absatz. So begründet er seine Bewerbung als Vertriebsmitarbeiter bei einem Magnethersteller damit, dass er als Kind einen Kühlschrankmagneten verschluckte.

Keines dieser Schreiben wurde mit der Hoffnung auf eine Anstellung verfasst, als klassische Bewerbungsschreiben sind sie natürlich nicht ernst gemeint. Dennoch ist jedes davon ein ernstes Anliegen: Joey Comeau hat einen herben Verlust erlitten, dem er ausgerechnet in Form von Bewerbungsschreiben Luft gibt:

Mein Bruder Adrian liegt im Krankenhaus. Er wurde von einem Betrunkenen angefahren, und der Arzt legte mir eine Hand auf die Schulter und sagte Wir müssen zuversichtlich bleiben. Meine Freundin Susan sagte Er wird es schaffen, und meine Mutter sagt immer wieder Eine Mutter sollte niemals ihre Kinder überleben (11).

Die Phrasen, die ihm im Krankenhaus ob des letztlich vergebenen Überlebenskampfes seines geliebten Bruders gegeben werden, verweisen auf das übergeordnete Projekt dieses Textes: Denn Überqualifiziert ist gewissermaßen eine Kampfansage gegen den Versuch, menschliche Erfahrungen in Phrasen aufzulösen. Er unterwandert also die Kälte von einem nach Selbstoptimierung fordernden, professionalisierten Arbeitsmarkt, in dem der Mensch hinter einer Reihe Formulierungen und Qualifikationen verschwindet. Ein Bewerbungsschreiben ist irgendwie auch ein Akt der Selbstzensur. Die Texte in Überqualifiziert sind genau das Gegenteil. Sie sind geradezu enthemmt in ihrer radikalen Offenheit.

Die versammelten Schreiben wirken oft frei assoziiert und zeugen von einem fantasievollen Geist, der gleichzeitig auch etwas verloren ist. Mal erzählt Joey Comeau den angeschriebenen Unternehmen gruselige Anekdoten aus seinem Leben, mal hochrot peinliche Details, die man nicht einmal dem engsten Vertrauten erzählen würde. Das erste Mal wird ebenso thematisiert wie die Entblößung vor der Webcam.

Obwohl ein Verlust im Zentrum dieses Textes steht und die Kritik an einem depersonalisierten, neoliberalen Arbeitswelt kaum zu übersehen ist, ist Überqualifiziert ein urkomischer Text. Komik liegt schließlich im Überschreiten von Grenzen und sie entsteht nicht nur durch den Bruch mit den Anforderungen eines Motivationsschreibens, sondern eben auch durch die tabubefreiten Inhalte selbst. Mit Überqualifiziert ist Joey Comeau auf nur 90 Seiten ein echtes Kunststück gelungen: Inmitten all der Haken, die der kanadische Autor hier schlägt, erzählt der Text auf originelle Weise nicht nur von einer oberflächlichen, nach Selbstoptimierung und -zensur verlangenden Welt, sondern auch von einem Mann, der seinen Bruder verloren hat und droht, den Verstand zu verlieren.

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Die Originalausgabe erschien 2009 unter dem Titel Overqualified. Die deutsche Erstausgabe erschien dieses Frühjahr beim Luftschachverlag.

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