Jill Eisenstadt – Swell [Kritik]

jill eisenstadt swellDiese Welle hatte eine lange Zeit gebraucht, um das Ufer zu erreichen: Nach 26 Jahren veröffentlicht die amerikanische Autorin Jill Eisenstadt ihren dritten Roman Swell. Der liest sich so schwungvoll, dass man den Eindruck bekommt, mit dem Schreiben verhält es sich wie mit dem Fahrradfahren: Wer es einmal kann, verlernt es nicht.

Mit Swell bewegt sich die Autorin auf sicherem Terrain: Wie From Rockaway und Kiss Out! hat Jill Eisenstadt auch diesen Roman in ihrem Heimatort Rockaway angesiedelt. Dass sie sich das lange Zeit nicht erlaubt hat, war auch einer der Gründe, warum sie lange Zeit keinen Roman veröffentlicht hat. Denn Eisenstadt wollte eigentlich keine Autorin sein, die nur über einen Ort schreibt (lies hier ein Interview mit der Autorin). Dass sie nun doch zu Rockaway, einer Halbinsel in Queens, New York, zurückgekehrt ist, ist ein Glücksfall. Der vornehmlich von Feuerwehrmännern, Polizisten und Rettungsschwimmern bevölkerte Ort bietet der Autorin genügend Stoff für ihre mit Witz erzählte Geschichte um eine New Yorker-Familie, die in das Haus einer schroffen 92-Jährigen zieht.

Alles beginnt mit einer Katastrophe: 1993 läuft die Golden Venture vor Rockaway auf Grund. An Bord des Schiffes waren illegale Einwanderer aus China. Einer davon landet im Haus von Rose Impoliteri, die ihn bei sich aufnehmen und ihn aufpeppeln will. Der schwer mitgenommene Mann ist auf ihre Hilfe angewiesen; ganz im Gegensatz zu ihrem Sohn Gary. Der, so vermutet Rose, warte nur darauf, dass sie stirbt und er mit seiner Frau in das begehrte Strandhaus einziehen kann. Dabei hat er aber die Rechnung ohne seine widerspenstige Mutter gemacht, die die Nachbarskinder Scary Impiliteri nennen: Als er in der Nacht der Golden Venture-Katastrophe nach dem Rechten sehen will, erschießt ihn Rose kurzerhand und schiebt dem zwischenzeitlich ebenfalls verstorbenen Chinesen die Tatwaffe unter.

Nach diesem rasanten Einstieg macht die Erzählung einen Sprung ins Jahr 2002. Der 11. September ist noch kein Jahr her und hat tiefe Spuren in der Gemeinschaft hinterlassen: Viele der Feuerwehrleute Rockaways kamen in den Trümmern des World Trade Centers um. Von ihnen blieb nichts außer einem bisschen Staub. Und als wäre dieses Trauma nicht genug, stürzt 2002 auch noch ein in New York gestartetes Flugzeug über Rockaway ab.

Genau auf dieser traumatisierten Halbinsel wollen die Glassmans ihr Familienidyll finden. Wie viele New Yorker jener Zeit fliehen sie aus einem Sicherheitsbedürfnis heraus aus der Stadt. Das Manhattan-Apartment der Familie wurde bei den Terroranschlägen stark mitgenommen und ist ohnehin unbewohnbar. Sie ziehen also in das „Murder House“ von Rose, die inzwischen von ihrer Schwiegertochter in ein Heim verfrachtet wurde. Gerüchte, dass es in dem Haus spukt, machen die Runde. Die wahre Heimsuchung ist aber die Vorbesitzerin, die ihrem sprechenden Namen (impolite = unhöflich) alle Ehre macht und unvermittelt wieder vor der Tür steht. Es scheint, als könne sie einfach nicht loslassen – vom Haus und der mysteriösen weißen Tasche, die sie stets mit sich führt.

Es ist ein denkbar ungünstiger Zeitpunkt: Sue Glassmann ist zum dritten Mal schwanger und dabei, zum Judentum zu konvertieren. Dies war schließlich der letzte Wunsch ihrer verstorbenen Schwiegermutter – so sagt man es zumindest („Sue is in the ignoble position of converting for a dead person“). Es ist jedenfalls das perfekte Druckmittel für Sy Glassmann, dem egomanischen Schwiegervater, der das Haus für die Familie – sich natürlich eingeschlossen – unter der Bedingung kaufte, dass Sue konvertiert. Beistand kommt in dieser hektischen Zeit vom neuen Nachbar Tim, der wie Rockaway selbst für Eisenstadts Leser ein alter Bekannter ist. Er ist die treue, wenn auch naive Seele Timmy aus Eisenstadts Debütroman From Rockaway. Auch er hat einiges zu verwinden: In seiner Zeit als Rettungsschwimmer verlor er ein junges Mädchen in den Fluten des Atlantiks. Als er später Feuerwehrmann wurde, verlor er dann viele Freunde in den Trümmern des World Trade Centers. Er war auch dabei, als Rose ihren Sohn erschoss – ein Geheimnis, dass er für sich behielt und ihm nun schwer zu schaffen macht, da er befürchtet, dass Scary Impiliteri den Glassmans etwas anhaben könnte. An dem Strandhaus klebt sie schließlich wie am eigenen Leben.

Loslassen ist dann auch das große Thema dieses schwungvoll erzählten Vorstadtromans. Loslassen, von Besitztümern, Traditionen, tragischen Ereignissen und dem Menschen, der man früher vielleicht einmal war. Exemplarisch dafür ist Tim, der von allen Timmy genannt wird und seine alte Identität als Rettungsschwimmer abzuschütteln versucht, zur gleichen Zeit seinen Helferkomplex nicht loswird und sich in das Leben der Glassmanns einmischt. Daran schließt sich ein weiterer Aspekt des Romans an: Während die Wunden der Vergangenheit nur langsam heilen, muss eine Gegenwart navigiert werden, in der die nächste Katastrophe jederzeit geschehen kann („Never mind that an asteroid just missed hitting the planet“). Doch sind es nicht unbedingt die großen Katastrophen, die die Glassmanns und Tim ins Straucheln bringen. Eisenstadt zeichnet mit flotter Feder das Bild einer paranoid und instabil gewordenen Gesellschaft, der sie das Bild des Geisterhauses entgegensetzt: Zuhause ist, wo wir auseinanderbrechen. Und so sind es Alltagschaos, fehlgeleitete Kommunikation, Unachtsamkeit und die Angst vor dem nächsten großen Knall, die den wunderbar schrulligen Charakteren in Swell im Weg stehen. Eisenstadt ist damit ein feinsinniger, aber vor allem auch unterhaltsamer Roman gelungen, der sich besonders durch humorvolle Beobachtungen aus dem Alltag der einzelnen Figuren auszeichnet und dabei dem Leser genügend kleine Rätsel aufgibt, die die Neugier von der ersten bis zur letzten, 261. Seite des Romans so lebendig hält, wie die an Marotten nicht gerade armen Figuren.

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Swell erschien im Juni 2017 bei Lee Boudreaux.

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