Kalifornische Träume: Jan Brandts „Stadt ohne Engel“ [Kritik]

Jan Brandt Stadt ohne EngelLos Angeles ist eine schwer zu (be)greifende Stadt. Darum nähert man sich ihr gerne über ihre Einzelteile. Da ist die Traumfabrik Hollywood, die Schönen und Reichen von Beverly Hills, die Ghettos im Süden der Stadt, das hippe Venice am Pazifik, Disneyland in Anaheim und ein Speckgürtel aus endlos verwachsenen Vorstädten. Wenn nachts die Luft vor Hitze und Smog nicht flirrt, treffen sich Lichter und Sterne am Horizont.
Der französische Philosoph Jean Baudrillard schrieb in seinem wohl wichtigsten Werk Simulacres et Simulation (1981), dass Disneyland nur als unecht erscheint, um alles außerhalb davon real wirken zu lassen. Tatsächlich sieht Baudrillard diesen Unterschied zwischen dem Imaginärten und Realen nicht mehr: Alles ist eine Simulation. Los Angeles besteht aus Zeichen, die auf nichts weiter verweisen, als sich selbst. Der deutsche Schriftsteller Jan Brand hat einen weniger schwermütigen Zugang zu L.A. gefunden und seine Eindrücke in mehreren Reportagen in dem kürzlich erschienen Buch Stadt ohne Engel festgehalten.

Neben den wenigen markanten Wahrzeichen wie dem Walk of Fame oder dem Hollywood-Schriftzug sind die endlosen, mehrspurigen und ineinander verschlungenen Freeways, was einem beim Gedanken an Los Angeles vor dem inneren Auge erscheint. Den Zugang zur Stadt erschließt sich auch der Schriftsteller Jan Brandt über die grauen, oft verstopften Lebensadern. Die Fahrt vom Flughafen zur Unterkunft, die Beobachtung, dass es keine Bürgersteige gibt, die Erkenntnis, dass in einer horizontal bebauten Stadt (Stichwort akute Erdebebengefahr) ein Auto unabdingbar ist, finden auf den ersten Seiten der Sammlung Platz.

Brandt besuchte Los Angeles im Sommer 2014 für drei Monate als Stipendiat der Villa Aurora in den Hügeln der Pacific Palisades unweit von Santa Monica. Der Schriftsteller Lion Feuchtwanger verbrachte die Zeit seines Exils hier. Heute dient die Villa als Künstlerresidenz. Für drei Monate können Schriftsteller, bildende Künstler und Musiker für drei Monate kostenfrei hier wohnen, um sich inspirieren zu lassen und in Ruhe am nächsten Geniestreich zu arbeiten. Das „schlossartige Gebäude mit freiem Blick auf den Pazifik“, wie es Brandt beschreibt, ist der Ausgangspunkt für Brandts Entdeckungsreise durch die zweitgrößte Stadt der USA. Beworben hatte er sich mit einem geplanten Auswandererroman – der Nachfolger zum für den Deutschen Buchpreis nominierten Debütroman Gegen die Welt (2011) – den er bis heute nicht fertiggestellt hat. Das Ergebnis seines Aufenthalts in der Künstlerresidenz kann sich dennoch sehen lassen: Stadt ohne Engel ist ein kurzweiliges Buch geworden, mit interessanten Einsichten – auch eine Auswanderergeschichte ist dabei – in eine Stadt, die am Ende trotzdem schwer zu fassen bleibt. Vielleicht ist es auch das, was Los Angeles ausmacht.

Brandt setzt sich lieber hinters Steuer eines Mietwagens als an einen der geschichtsträchtigen Schreibtische in der Villa. Zusammen mit der Praktikantin Nina und dem Komponisten Sergey, ebenfalls Stipendiat, geht er auf Entdeckungsreise. Dabei sammelt er allerhand Geschichten mit Zufallsbegegnungen ein, die die Highlights des Buchs stellen. Dazu zählt zweifelsohne die Begegnung mit der „Auftragsdichterin“ Maia, einer High School Schülerin, die er auf einem Flohmarkt trifft. Dort schreibt sie Gedichte für die Besucher des Marktes gegen einen frei wählbaren Preis. Für den etablierten Schriftsteller ist das eine Art Erweckungserlebnis – der Mut, auf einem Markt auf Zuruf Gedichte zu verfassen, imponiert und fasziniert ihn. Ein spannender Dialog über das Schreiben und den Wert/die Bedeutung von Kunst entsteht aus dem Kontakt, der über den ganzen Aufenthalt bestehen bleibt.

Auch die darauf folgende Reportage, „Das Mädchen von nebenan“, basiert auf einer Zufallsbegegnung. Die Kellnerin Lauren und Brandt kommen aufgrund seines Basecap der Kansas City Royals ins Gespräch – sie stammt aus der Gegend, Brandt hat Verwandtschaft dort. Wie gefühlt jeder andere Kellner auch, die Brandt während seiner drei Monate in L.A. trifft, ist sie angehende Schauspielerin. Beide kommen aus der Provinz und sind in dieser Metropole gelandet, um ihren Leidenschaften nachzugehen – er der Schriftsteller, dem der zweite Roman nicht so recht aufs Papier will und sie die Schauspielerin in einer Stadt voller kellnernder Schauspieler. Daraus ergeben sich interessante Einsichten darüber, wie hart man für den Durchbruch arbeiten muss und der Glaube an sich selbst die größte Stütze ist. Zum Schluss nimmt sie ihn zu einer emotional aufwühlenden Schauspielstunde mit.

Es sind Menschen mit großen Träumen, denen er begegnet, und die bereit sind, hart dafür zu arbeiten. Dazu zählt auch der deutsche Auswanderer Kai Köbach, der es von der einfachen Küchenhilfe zum erfolgreichen Koch und Unternehmer geschafft hat. Unter diese Geschichten über ambitionierte Menschen mischen sich auch jene, die von geplatzten Träumen erzählen – die Sonne Kaliforniens wirft viele Schatten. In „Mord für ein Skateboard“ wird Brandt Zeuge, wie ein junger Mann während eines Straßenfestivals wegen seines Skateboards niedergestochen wird. Das schwer zu fassende Erlebnis macht ihm zu schaffen, bewegt ihn. Er begibt sich auf Spurensuche und findet in seinem Text ein Stück Los Angeles, das ihm am Schreibtisch in der Villa Aurora verborgen geblieben wäre. In einer anderen Reportage führt ihn der Rapper Lil Drawz für 100 Dollar durch das Ghetto Watts im Süden der Stadt. Auch dort sind schon viele Träume geplatzt.

Hohe Ambitionen scheitern schnell an ökonomischen Realitäten in L.A. Der American Spirit schwingt aber in allen Geschichten mit: Eine Niederlage ist nicht das Ende, jeder bekommt eine zweite Chance und wer es am Ende nicht schafft, der hat eben nicht alles gegeben – oder nicht so viel wie der Nächste. Brandt tritt dabei im Stile des New Journalism als teilnehmender Beobachter auf, der sich auf sein Gegenüber einlässt, ohne dabei aber zu viel über sich selbst offenzulegen.

Nicht alle Geschichten funktionieren so gut wie „Mord für ein Skateboard“ oder „Auftragsdichterin“. So lässt sich Brandt an einem heißen Sommertag von seiner Praktikantin Nina in den Universal Studios Themenpark schleifen. Neben einigen recherchierten Fakten zur Entstehung der Universal Studios, die man schnell auch selbst googeln könnte, fehlen dem Text Witz und Einsicht zu gleichen Teilen. Geradezu griesgrämig beschreibt er den Besuch des Vergnügungsparks und wirkt wie ein „runter-von-meinem-Rasen“-Opa, dem das besinnungslose Entertainment eines solchen Parks gegen den Strich geht. In diesem Moment ist er auch ein bisschen Klischee, wie die kellnernden Schauspieler: ein Schriftsteller, dem ein Familienpark zu dumm ist. Und so kommt der Text auf halber Strecke nicht über diese zahnlose Reflexion hinaus: „vielleicht ist es tatsächlich das, was alle, die hier herkommen, erwarten: einmal kräftig durchgeschüttelt werden, jene Nerven spüren, die man sonst im Alltag nie zu spüren bekommt, das Kribbeln in der Magengegend, eine kontrollierte Angst“ (S. 300). „Ein tramtastischer Tag“ schließt mit einer seitenlangen Beschreibung der Studiotour, auf die leider keine Pointe folgt. Wenn das Kulturkritik sein soll, dann fehlt es hier an Biss. Ohnehin: Der Autor hat einen Hang zu Aufzählungen, die die Reportagen nicht immer voranbringen und das lesende Auge manchmal zum Überfliegen verleiten. Die Dynamik, die an solchen Stellen fehlt, kommt dafür in den aufgefangenen Dialogen auf. Letztlich bleibt „Ein tramtastischer Tag“ aber einer der wenigen Ausrutscher in diesem gelungenen Sammelband.

Stadt ohne Engel erschien 2016 als Hardcover bei Dumont. Die Reportagen enthalten einige Farbfotografien. 

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