Amerikanische Alpträume: Carousel Court [Kritik]

joe mcginniss caroussel court schmiertiger rezension dominic schmiedlDas „Hotel California“ der Eagles bleibt aktuell: man kann zwar einchecken, weg kommt man aber nie. Im aktuellen Roman von Joe McGinniss Jr. wird der kalifornische Traum einer jungen Familie zum Schrecken, an dem sie zu zerbrechen droht. Carousel Court präsentiert ein Amerika, das mit offen liegenden Nerven am Abgrund steht und die Zähne fletscht.

Carousel Court ist eine ähnlich düstere Diagnose der amerikanischen Gesellschaft wie schon das 2008 erschienene Debüt The Delivery Man. Dieses erschien zum Ausbruch der Finanzkrise, zeigte aber den Zerfall Amerikas in erster Linie aus moralischer Sicht. Wie viele literarische Erstlinge ein Coming of Age-Roman, ist The Delivery Man ein Echo von Bret Easton Ellis‘ Unter Null (Original: Less Than Zero, erschienen 1985): Eine erbarmungslose Sonne scheint auf Heranwachsende herab, die gefühlsmäßig so taub sind, dass sie Sex und Gewalt kaum noch berühren. Kojoten sind allerorts zu hören, sie dringen als Sinnbilder für das Wilde aus der Ödnis der Wüste in die Gesellschaft ein. Während Clay in Ellis‘ Unter Null – ebenso ein Coming of Age-Roman – ständig an einer Werbetafel mit der Aufschrift „Disappear Here“ („verschwinde hier“) in seinen Streifzügen durch Los Angeles vorbeifuhr, eröffnete McGinniss sein in Las Vegas angesiedeltes Debüt mit den Worten „Find Yourself Here“ („Finde dich hier“). Dieses „hier“ ist eine moralisch verkommene Glitzerstadt voller Krimineller und jugendlicher Prostituierter, gefangen in einem Strudel aus Gewalt und Verrat. Der amerikanische Traum wird nur noch in materiellen Werten definiert, zwischenmenschliche Beziehung werden kommodifiziert. Träume und Selbstfindung werden so zu Schlagworten auf Werbemitteln.

Auch Carousel Court beginnt mit dem Verweis auf eine Werbetafel: „Dream Extreme“. Was auf den Luxus einer neuen Siedlung für die bessere Mittelschicht hinweisen soll, bekommt im Kontext dieses Romans eine verhängnisvolle Bedeutung. So gleicht der Vorort in Los Angeles‘ uferlosem Speckgürtel, in dem sich Nick und Phoebe Maguire niederlassen, einem Krisenort: Aus der umgebenen, kargen Landschaft Südkaliforniens dringt das Geheul der Kojoten, Gerüchte über gewaltsame Einbrüche machen die Runde, ebenso wie Häuserpfändungen. Manche Bewohner fackeln ihre Häuser ab und fliehen in der Nacht. Einer der Nachbarn hält in einem im Vorgarten aufgestellten Zelt mit geladener Waffe Wache. Auch sonst erscheint Kalifornien nicht als das Paradies, das es sein kann, sofern man über die richtigen Mittel verfügt: Der Weg zum Pazifik führt über verstopfte Asphaltadern und dauert Stunden. Anstelle einer kühlen Meeresbrise und palmengesäumten Stränden bleibt nichts als erdrückende Hitze, vor der nur klimatisierte Räume und Autos Schutz bieten. McGinniss beschwört in seinen Beschreibungen der Gegend nicht weniger als eine apokalyptische Hölle:

Ripples of heat rise from the black asphalt. The parking lot is a field of smoldering briquettes and she’s walking through it (9).

Die über glimmende Briketts Laufende ist die Pharma-Vertreterin Phoebe, die von einem Termin bei einem Arzt kommt. Sie und ihr Mann Nick sind samt Sohn Jackson erst kürzlich nach Los Angeles gezogen. Sie arbeitete erfolgreich in Boston, erst als Analystin, dann für ein Pharmaunternehmen. Er ist ein junger Filmmemacher, der davon träumt, Dokumentationen in fremden Ländern zu drehen und dem kalten Winter in New England entfliehen wollte. Die großen Ambitionen scheiterten aber an den Realitäten des Lebens: Als junger Familienvater muss er sich einen Lebensunterhalt finanzieren. Als er ein lukratives Angebot aus Los Angeles erhält, beschließen beide, umzusiedeln. Wie sich im Laufe der Erzählung herausstellt, fliehen sie auch vor den Dämonen der noch jungen Ehe.

Doch der Neustart an der Westküste misslingt: Sie kaufen sich ein Haus, dass sie sich gar nicht leisten können. Der gut bezahlte Job bleibt ein leeres Versprechen. Die Finanzkrise hat die USA fest im Griff: Wie viele andere Amerikaner drohen auch die Maguires bankrott zu gehen und ihr Haus zu verlieren. Der Haussegen hängt schief: Die Eheleute sind angespannt und ausgelaugt. Ein Großteil der Kommunikation beläuft sich auf knappen, immer beißenderen Textnachrichten. In nur wenigen Kapiteln treten beide gemeinsam auf.

Beißen bis die Kojoten kommen

Auch Drahtseile reißen irgendwann. Nick und Phoebe sind ständig unterwegs, um irgendwie das Haus und ihren Lebensstandard zu halten. Das Festkrallen am Mittelklasse-Lebensstandard nimmt dabei fast schon Züge von Prostitution an: Als attraktive Pharma-Vertreterin schmeichelt sich Phoebe in die Gunst der Ärzte, um ihre Produkte zu verkaufen und sich Clonazepam zu verschaffen (sie hat nur bei Letzterem Erfolg). Nick schindet währenddessen seinen Körper beim Auflösen gepfändeter Häuser, getrieben davon, nicht bald selbst den Scherbenhaufen des eigenen geplatzten Immobilientraums zusammenfegen zu müssen.

Es ist eine zynische Welt, in der sich beide wiederfinden. Doch der eigentliche Sündenfall ist nicht die Selbstüberschätzung, trotz einer schwierigen finanziellen Ausgangslage in Los Angeles als junge Familie direkt in die bessere Mittelschicht mit eigener McMansion durchstarten zu können. Das Fundament des Eigenheims ist auf Betrug gebaut: Bevor beide nach Los Angeles kamen, um dem kalten Winter in New England zu entfliehen, unterhielt Phoebe während ihrer Zeit als Analystin eine intensive Beziehung zu ihrem Mentor JW. Als sie die Beziehung auflöste, gab er ihr 100.000 Dollar als Startkapital, das sie als Anzahlung für das Haus verwendete. Doch die junge Ehe steht nicht nur aufgrund der Affäre auf einem wackligen Fundament, denn Phoebe baute übernächtigt und unter Einfluss von Pharmazeutika einen Autounfall, bei dem der junge Sohn verletzt wurde. Das Eheleben ist folglich von Misstrauen geprägt, das auf Gegenseitigkeit beruht. Sie, die einst verbissene Karrierefrau, traut Nick nicht zu, die Familie aus ihrer Misere zu führen.

Doch sie unterschätzt ihn: Unabhängig schmieden beiden Pläne, wie sie den kalifornischen Traum am Leben halten können. Sie sucht Kontakt zum einflussreichen JW, der aber mehr als nur uneigennütziger Samariter sein will. Nick beginnt, die von ihm ausgeräumten Häuser illegal an Familien zu vermieten, die bereits alles verloren haben. Ein Hund beißt den Nächsten – bis die Kojoten kommen.

In einer knappen, schnörkellosen und deshalb eindringlichen Prosa zeigt McGinniss, dass gute Absichten nicht reichen, wenn sie sich den äußeren Bedingungen gegenüber blind zeigen. Und wenn das Ego beim Karren-aus-dem-Dreck ziehen die Führung übernimmt, wird es schmutzig.
Die 97, meist zwei bis drei Seiten langen Kapitel, entblättern Stück für Stück die kritische Vergangenheit der jungen Familie und begleiten die beiden von Ehrgeiz und Verlustängsten getriebenen Eheleute durch ein sich überhitzendes Amerika. Dabei offenbart McGinniss eine zum Teil brutale Sicht auf das gegenwärtige Amerika, die sich so fiebrig wie ein Thriller liest.

Die besprochene Ausgabe von Carousel Court ist die erste Auflage (Hardcover) und erschien im August 2016 bei Simon and Schuster. Weder The Delivery Man noch Carousel Court sind bis heute in deutscher Sprache erhältlich.

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