Elefanten müssen erneut als Metapher für die Absurdität heutiger Verhältnisse herhalten: Nachdem Gaea Schoeters in Das Geschenk 20.000 Dickhäuter in Berlin erscheinen ließ, um eine wunderbare Politiksatire zu spinnen, treibt Sasha Filipenko in Die Elefanten ein bitterböses Spiel über die Normalisierung des Ausnahmezustands. In einer unbenannten Hauptstadt – denkbar als Moskau – sind die Tiere wie bei Schoeters plötzlich da, werden aber nicht als Problem erkannt, das von den Herrschenden zu lösen ist, sondern als etwas, mit dem sich die Bevölkerung arrangieren muss – und die dies scheinbar bereitwillig auch tut.
Sasha Filipenko legt beharrlich seinen Finger in die Wunden: Unermüdlich schreibt der Belarusse satirisch gegen die Verhältnisse an, die er in seiner Heimat und dem großen Bruderstaat sieht. Mit Die Elefanten treibt er es auf die Spitze und zieht gleichsam einen größeren Horizont. Denn sein neuer Roman ist nicht so geografisch eindeutig verortet wie vergangene Werke – man kann, muss ihn also nicht zwingend als Erzählung über russische Verhältnisse lesen.
Wir sind zu Beginn zu Gast beim großen Schriftsteller Alexander, der patriarchalisch über die Familie herrscht, die Familie mit seinen genialen Ideen für Erzählungen unterhält, die er dann von seiner Frau, die ihn nur ehrfürchtig siezt, schreiben lässt. Plötzlich steht ein Elefant im Wohnzimmer. Die Neuheit löst nicht viel Schrecken aus, wird eher als Gelegenheit erachtet, sich ins Gespräch zu bringen und sie literarisch zu verarbeiten. Die Enttäuschung ist erstmal groß: Denn auch die Nachbarn haben Elefanten. Im ganzen Viertel, ja die ganze Stadt scheint Besuch von Dickhäutern bekommen zu haben, die quasi aus dem Nichts in den Wohnungen erschienen sind. Was tun? Man ist etwas ratlos und wartet, was die Politik dazu sagt. Da kommt allerdings nicht viel. Man begreift die Elefanten nicht als Problem, sondern als Gegebenheit, mit der man sich arrangieren muss. Jeder ist also letztlich dafür verantwortlich, sich um seinen Elefanten zu kümmern. Die Tochter des Schriftstellers, Anna, stellt ein paar Fragen, belässt es aber dabei. Sie lebt eigentlich wie die Made im Speck, versucht sich dank der gesellschaftlichen Position des Vaters als Schauspielerin, liebt Aufmerksamkeit – eigenes Geld verdienen muss sie scheinbar nicht.
Aber sie ist auch verliebt in den Comedian Pawel, der aus weitaus weniger privilegierten Verhältnissen stammt. Und dieser Pawel, unsterblich in seine Anna verliebt, stößt sich an den Elefanten, kann nicht akzeptieren, dass sie einfach da sind, für Schäden sorgen, und niemand etwas unternimmt. Tatsächlich verschließen sich seine Mitmenschen vor den ja eigentlich nicht zu übersehenden Dickhäutern.
Der Elefant im Raum: Das Sprichwort nimmt in Die Elefanten wahrhaft absurde Züge an. Und man kann sie als Metapher für zahlreiche Dinge nehmen – beispielsweise den Angriffskrieg auf die Ukraine oder auch den Klimawandel. Er steht für Wahrheiten, vor denen die Menschen die Augen verschließen, weil sie eben extrem unbequem sind und Engagement nicht nur nicht belohnt, ja geradezu gefährlich ist. Pawel, der sich auflehnt, wird folglich auch zur Zielscheibe des Staats. Nicht die Elefanten sind das Problem – sondern Pawel.
„Der Mensch muss dressiert werden. Dafür ist ein Staat ja da. Alles dient dem alleinigen Ziel – dass der Mensch nicht in die Manege scheißt und die Zuschauer nicht attackiert“ (S. 138).
Irrwitzig und grausam ist Die Elefanten, ernst-nicht-ernst. Filipenkos Erzählung ist ein Metatext, der sich selbst kommentiert und nahelegt, dass er eigentlich vom Schriftsteller Alexander geschrieben wurde. In Form von Foristen – die ebenfalls Avatare des Schriftstellers Alexander und somit auch des eigentlichen Autors Filipenko sind – kommentieren sie die Handlung und deuten sie. Ebenso zwischengestreut sind Anweisungen des Innenministeriums zum Umgang mit den Elefanten sowie Pawel. Das macht die textliche Ausgestaltung abwechslungsreich und unterhaltsam, bremst hin und wieder aber auch den narrativen Sog. So durchbrechen die Kommentierungen den Text auf Handlungsebene oft schon nach wenigen Absätzen wieder und wieder. Hier würde man sich gelegentlich wünschen, etwas mehr Zeit in der Handlung zu verbringen und die Kommentierungen am Ende der jeweiligen Kapitel zu finden.
Doch da hört die Kritik auch schon auf: Sasha Filipenko beweist einmal mehr, dass er zu den führenden satirischen literarischen Stimmen unserer Zeit gehört.
Die Elefanten von Sasha Filipenko ist bei Diogenes erschienen.
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