Allgemein,  Dresden,  Kritik

Das komatöse Land: Der ehemalige Sohn von Sasha Filipenko

Der ehemalige SohnWir schreiben das Jahr 1999: Zisk ist ein ganz normaler Jugendlicher, der weniger Lust hat, Cello fürs Konservatorium zu lernen als mit seinen Freunden Fußball zu spielen und zu Konzerten zu gehen. Aber er wächst in einem nicht ganz normalen Land auf. Sasha Filipenkos Roman Der ehemalige Sohn nimmt uns mit in die belarussische Hauptstadt Minsk und zeichnet ein graues Bild eines totalitären Staates, in dem sich wenig bewegt. Man kann sogar zehn Jahre ins Koma fallen, ohne etwas zu verpassen.

Der ehemalige Sohn ist ein dezidiert politischer Roman, der sich aber wunderbar leichtfüßig liest. Wir lernen Zisk eigentlich nur kurz kennen, bevor eine große Tragödie sein Leben auf Eis legt. Die traurige Frage, die dahinter steht: Verpasst er irgendetwas in diesem Land, in dem sich ohnehin nichts bewegt?

Der Auftakt ist recht konventionell: Zisk sitzt zuhause bei der Großmutter und übt Cello. Am Konservatorium könnte es knapp werden mit der Versetzung. Es ist ein schöner Tag, draußen spielen Jungen Fußball, er will zu ihnen. Doch die Großmutter ist dagegen, er soll lernen und etwas aus sich machen. Die Schule ist, wie wir in der nächsten Szene erfahren, ideologisch durchdrungen – natürlich ganz im Sinne des großen Nachbarn.. Da wird der Geschichtslehrer geschunden, weil er sich nicht unbedingt an die offizielle Geschichtsschreibung hält. Für Zisk wird es eng – es ist der Tag der Notenkonferenz. Während die Lehrer sich beratschlagen, wer fliegt, wird traditionell ein Veteran eingeladen, um einen Vortrag zu halten. Doch dieses Mal hat man sich vergriffen. Der eingeladene Veteran hält sich nicht an die offizielle Geschichte: “Die Deutschen hielten mich für einen Partisanen, die Partisanen und die Roten für einen Kollaborateur der Deutschen. […] Wir haben nicht gewonnen, und vom Krieg erzählen dürfen nur die Sieger. Mein Leben, mein Schicksal ist ein einziger permanenter Rückzug” (28-29).

Der Veteran war also weder auf deutscher, noch auf russischer Seite. Aber eine belarussische Seite – gab es die? Der Vortrag rührt die Schüler jedenfalls auf, aber nicht zu sehr, um sich am Abend nicht für ein Konzert in der Stadt zu verabreden. Bis hierhin könnte man denken, in einem typischen Coming-of-Age Roman zu stecken – hier hinterfragt ein junger Mann die Strukturen, die ihm übergestülpt werden sollen. Doch Der ehemalige Sohn macht hier einen Schwenker. Denn weil ein schwerer Regenschauer über die Stadt hereinbricht, flüchten die Konzertbesucher panisch in eine Unterführung, die zur anderen Seite aber verschlossen ist. Es ist eine beklemmend zu lesende Szene. Über 50 Menschen sterben in dem Gedränge, Zisk fällt ins Koma.

Die Einzige, die sich noch für Zisk einsetzt, ist die Großmutter. Die Ärzte erzählen ihr, der ist “Gemüse”. Es wäre also Verschwendung, ihn länger am Leben zu lassen. Die Frau, die für einen Großteil des Romans die eigentliche Hauptfigur ist, pflegt ihn aufopferungsvoll. Die Mutter gründet derweil eine neue Familie – ausgerechnet mit dem Arzt, der Zisk am liebsten zum Organspender gemacht hätte.

Zehn Jahre vergehen, Zisk erwacht: Im Privaten hat sich viel verändert. Die Mutter hat eine neue Familie, die Freundin hat sich anderweitig umgeschaut, andere haben das Land längst verlassen. Das Land selbst aber ist in einer totalitären Starre verharrt. Es ist eher schlimmer als besser geworden. Für Zisk ein kaum erträglicher Zustand, er würde gerne etwas ändern…

Der ehemalige Sohn zeigt uns Belarus als graues Land, in dem alle Menschen aussehen, als wäre immer Regen. Er zeigt auch ein Land mit wenig Herzlichkeit. Griesgrämig und eigennützig erscheinen die Menschen mit Ausnahme von Zisk und seiner Großmutter.

Aus der Ferne betrachtet, ist der Roman ein interessanter und aufgrund seines humorvollen Erzählstils unterhaltsamer Blick gen Osten, den man gerne auch als Erinnerung lesen kann, wie es wirklich in einer Diktatur zugeht und was das Leben in einer mit den Herzen der Menschen macht. Für seine Landsleute ist Der ehemalige Sohn wohl eher als Weckruf gedacht an ein Land, dass geradezu fremdgesteuert in einer fremden Sprache durch die Geschichte dämmert. Schon ein früher Satz in diesem Roman breitet das ganze Dilemma aus: “Ihr denkt nicht in dieser Sprache, ihr träumt nicht in dieser Sprache, ihr könnt nicht scherzen. Gib doch zu, dass du noch nie einen Witz auf Belarussisch erzählt hast” (31).

*

Der ehemalige Sohn ist bei Diogenes erschienen.

Dieser Blog ist frei von Werbung und Trackern. Wenn dir das und der Inhalt gefallen, kannst du mir hier gern einen Kaffee spendieren: Kaffee ausgeben.