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Fehlgeschlagene Verbindungen: Foto auf Anfrage von Simon Chevrier

Rezension: Foto auf Anfrage von Simon ChevrierJeder will was, aber wenig gibt’s: In Foto auf Anfrage von Simon Chevrier driftet ein hübscher Endzwanziger durch das Toulouse des Jahres 2020. Die Pandemie droht, das Leben einzufrieren. Dabei ist es schon ziemlich kühl: Eine Beziehung ist zu Ende, das Lehramtsstudium nach dem Bachelor praktisch abgebrochen und der Vater stirbt. Das Foto eines wie selbstverständlich zur Kamera schauenden jungen Mannes, der an seinem eigenen großen Zeh lutscht, zieht ihn in den Bann, wird zur Manie, zur Identifikation und Aufgabe – herauszufinden, wer dieser junge Mann ist – und wer man selbst sein könnte.

Foto auf Anfrage von Simon Chevrier ist ein beeindruckend luzides Debüt, frei von Pathos oder Selbsterhöhung, beinahe faktual erzählt, nicht umgangssprachlich, aber auch nicht „literarisierend“ – unprätentiös reihen sich die fragmentierten Erfahrungen etwa eines halben Jahres aneinander, elliptisch, ohne Lesende im Dunkeln tappen zu lassen. Im Leben des Mannes brechen viele Säulen weg, die ausnahmslos wichtigste jene zum geliebten Vater – eine Beziehung, die für einen Schwulen natürlich nie frei von Widersprüchen ist, weil es da so eine Ahnung gibt, dass man trotz aller Fürsorge eben nicht der geworden ist, der gewünscht war.

Ebenso zu Ende sind das Studium, weil der Erzähler erkannt hat, dass ihm das Leben als Englischlehrer nichts taugt, sowie eine Beziehung. Letzterer Bruch scheint am wenigsten dramatisch, sind neue Kontakte doch dank Grindr schnell gefunden, wenn man jung und hübsch ist. Gleichwohl ist ein Leben in Toulouse nicht gerade günstig, sodass er auch noch eine zweite App auf dem Handy installiert hat – zur Vermittlung bezahlter Kontakte.

Zusammengehalten werden diese Stränge durch die Faszination, die der Erzähler an Peter Hujars Fotografie „Daniel Schook Sucking Toe“ gefunden hat. In den vielen Leerstellen, die es im zunehmend fragmentiert erscheinenden Leben gibt, begibt er sich auf Recherche nach diesem Mann und findet dabei die Welt der New Yorker Bohème der 1980er, die jener Zeit von einer ganz anderen Pandemie dahingerafft wurde. Somit bindet Simon Chevrier seinen vielleicht als post-postmodern zu lesenden Roman über einen Homosexuellen an eine andere Ära zurück und reiht sich ein in eine Genealogie queerer Kunst, an der er selbstbewusst fortschreibt. Foto auf Anfrage ist kein Coming-out-Roman oder AIDS-Text. Es ist auch kein Coming-of-Age-Roman modernistischer Prägung, wie man sie heute noch vielfach findet, auch beim Albino-Verlag, der den von Christian Ruzicska aus dem Französischen übersetzten Text hierzulande verlegt.

Foto auf Anfrage ist ein sich autofiktional lesender Text eines namenlosen Ich-Erzählers, der bis auf kleinere Details in praktisch jeder westlichen Großstadt spielen könnte: Zwanglose Hook-ups und der Wunsch nach Verbindung, Gelegenheitsjob und die Suche nach Sinn, digitales Einerlei und der Drang nach Verkörperung gehen hier Hand in Hand – ein steter Drift mit unklarem Ziel. Schnörkellos, ohne kühl zu sein – faszinierend gut!

 

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Foto auf Anfrage von Simon Chevrier ist bei Albino erschienen.

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