Alles ist verrutscht: Warten auf Schnee von Karoline Menge

Warten auf Schnee von Karoline MengeErst verschwindet die Mutter, dann das ganze Dorf: In Karoline Menges Debütroman Warten auf Schnee sind zwei Schwestern mit schwindenden Vorräten auf sich allein gestellt. Beseelt von einer entrückten, schwermütigen Atmosphäre, mengt die Debütantin ihrer Erzählung Märchenelemente bei und formt ein literarisches Rätsel, das schwer zu knacken ist.

“Meine Mutter ging an einem Nachmittag im Januar”: Beinah kühl informiert die sechzehnjährige Pauli den Leser mit der ersten Zeile des Romans vom Verschwinden der Mutter. Warum sie gegangen ist, wie lange oder wohin, bleibt offen. Die Mutter ist nicht die erste oder einzige Person, die das “Neunundsechzig-Seelen-Dorf, plus einundfünfzig Kühe” verlässt (28). In völliger Abgeschiedenheit – die nächste Stadt ist mehrere Stunden entfernt und die Welt außerhalb ist der Erzählerin nur aus Büchern bekannt – bleibt Pauli mit ihrer zwei Jahre jüngeren Adoptivschwester Karine zurück.

Sie sagte uns, sie wolle gehen, sie wolle es den anderen gleichtun und etwas Neues finden, irgendwo hinter den Hügeln (23).

Die Schwestern, die sich immer ein bisschen fremd geblieben sind, obwohl sie sich ein Zimmer teilen, verbringen die Zeit mit Routinen. Sie erledigen ihre Aufgaben, lesen in Büchern und besuchen wöchentlich eine ältere, demente Frau – außer den beiden jungen Frauen die letzte verbliebene Person im Dorf.

Es ist eine rätselhafte, schwermütig-entrückte Atmosphäre, die Warten auf Schnee durchzieht. Das Dorf wirkt aus der Zeit gefallen, ohne erkennbar in der Vergangenheit zu spielen. Der Leser weiß nicht mehr als Pauli, tappt genauso wie sie im Dunkeln über das unheimliche Verschwinden aller Dorfbewohner, die nach und nach unbemerkt und fluchtartig ihre Häuser verlassen haben. Das macht es auch etwas schwer, sich in dieser Erzählung einzufinden, weil sie sich nicht klar einordnen lässt. Unverkennbar lehnt sich Karoline Menge an Grimm-Märchen an, besonders eine Sequenz erinnert an Rotkäppchen, aber auch an die menschenleeren, dichten Wälder von Stephen Kings Maine muss man während der Lektüre denken. Ganz besonders erinnert Warten auf Schnee an die spanische Meisterin der Kurzgeschichte, Cristina Fernández Cubas, deren Texte durch fantastische Elemente immer wieder ins Unheimliche kippen, ohne Erklärungen anzubieten.

Bedeutungen verstecken sich hinter dickem Nebel, sind nur schemenhaft erkennbar und entziehen sich einer genauen Betrachtung. Die Wahrnehmung der Welt wirkt unbenennbar entrückt. Sie scheint der Protagonistin zu entgleiten:

Nichts ist mehr so wie vorher, alles ist verrutscht, die Bäume stehen nicht mehr an ihrem ursprünglichen Platz” (179).

Das macht Warten auf Schnee zu keiner einfachen Lektüre, weil die Autorin – wie die Mutter ihre Kinder – den Leser sich selbst überlässt. Doch immerhin kann sich dieser bei der Suche nach Erklärungen für die seltsamen Vorgänge an der zweifellos schönen Sprache der Autorin festhalten, die dem Leser immer wieder atmosphärische Bilder schenkt, zum Beispiel wenn der “Schein [einer] Taschenlampe über die Regale [zittert]” (80).

Es bleibt dem Leser selbst überlassen, aus diesen Bildern eine Bedeutung zu extrahieren und Antworten auf die Fragen zu finden, die der Text aufwirft. Kann die Schlaflosigkeit der Erzählerin als Erklärung dienen? Oder verliert sie den Verstand? Einiges spricht für eine familiäre Vorbelastung: In den Erinnerungen an die Mutter wirkt diese manisch depressiv, geht erst nur verkleidet, dann gar nicht mehr ins Dorf. Sie verschwindet stundenlang im Wald oder liegt tagelang regungslos auf der Couch. In diesen Erinnerungen findet der Leser Anhaltspunkte zur Deutung des Textes. Immer wieder gleitet Paulis Gedankenwelt in eine sich auflösende Kindheit ab. Sie ist behaust von einer Angst, dass Dinge verschwinden, wenn sie aus dem Blick geraten – oder sie ganz plötzlich ganz anders erscheinen. Ist das vielleicht die veränderte Wahrnehmung einer jungen Frau, die erwachsen wird? 

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Warten auf Schnee erscheint bei der Frankfurter Verlagsanstalt.

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