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Ein zögernder Ausbruch: Aus einer Zeit von Maximilian Zech

Aus der ZeitMatthias’ Leben ist schal geworden: Seit dem Studium hat sich der in einer Privatklinik arbeitende Arzt kaum verändert. Der Arbeitsalltag gleitet in ruhige Abende auf der Couch und immer so weiter. Pflichtgefühl und eine nicht verwundene Beziehung halten ihn fest, bis er, zaghaft, einen Ausbruch wagt. Aus der Zeit ist ein ruhig erzählter Roman über ein verschlafenes Leben, der beiläufig die Brüche dieses Landes streift.

Auf den ersten Seiten von Aus einer Zeit berichtet Matthias von einem guten Tag und wünscht sich trotzdem, dass die Zeit schneller vergehen möge. Es passiert einfach nicht viel, wenngleich natürlich einiges passiert. Der junge Arzt arbeitet in einer Göttinger Privatklinik in der Onkologie. Leben und Tod sind also sein täglich Brot. Er ist ein engagierter Arzt, wie man sich ihn in schweren Zeiten wünscht. Und doch schlafwandelt er durch Göttingen und sein Leben. Seine Liebe aus Studienzeiten hat ihn vor einigen Jahren gen Hamburg verlassen. Seine sozialen Kontakte sind auf den Klinikalltag eingegrenzt. Der Text liest sich entsprechend ruhig: Matthias ist ein Beobachter, ein Kapitel kommt beispielsweise einer Stadtführung durch Göttingen gleich. Das in Sachen Plot sehr schlanke Gerüst dieser Erzählung ist mit allerhand Beschreibungen detailliert verputzt.

Nur langsam schälen sich innere Brüche aus dem Text: So hat Matthias kaum noch Kontakt zu seinem Vater, der nach dem frühen Tod der Mutter eine neue Familie gegründet hat. Immer wieder kreisen seine Gedanken zurück zur Verflossenen. Ein Gefühl einer tauben Entwurzelung macht sich breit, die Ausschläge sind rar. Immer wieder sickern gesamtgesellschaftliche Diskurse in den Text, da wäre beispielsweise der nicht zusammengewachsene Bruch zwischen Ost und West, den der Erzähler selbst als im Osten geborener und im Westen lebender Mann verkörpert oder auch zwischen den Generationen, der bei einem geplatzten Date in einer Studentenkneipe zu Tage tritt, als er sich mit einem Betrunkenen über den Zustand der Welt unterhält. Matthias hält sich dabei – wie sonst im Leben auch – zurück, während seine Zufallsbekanntschaft vom Leder lässt: “Die sind vernarrt in das Gefühl, auf der richtigen Seite zu stehen, und wer immer ihnen das Gefühl gibt, dem schließen sie sich an” (97), heißt es da.

Der Anriss dieser Diskurse bleibt überwiegend ohne Konsequenzen in diesem Text, der sich in der zweiten Hälfte mehr auf die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit verengt. Matthias nimmt abrupt Urlaub, will gen Süden fahren, streift dabei seine eigene Familiengeschichte und nimmt Kontakt zu seiner inzwischen verlobten und schwangeren Ex-Freundin auf, die ihm sogar antwortet. Auch das erzählt Maximilian Zech ohne dramaturgische Fanfaren, sein Erzähler ist aller inneren Unruhe zum Trotz nur schwer in Aufregung zu versetzen. Und das ist etwas schade, denn Aus einer Zeit ist ein angenehm zu lesender Text, dem etwas mehr Dringlichkeit oder eine originellere Struktur gut gestanden hätten.

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Aus einer Zeit ist bei Bucher erschienen.

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