• Allgemein,  Film,  Kritik

    “What a fucking world”: The Dead Don’t Die

    the dead don't die

    Nicht tot zu kriegen, aber ziemlich nah dran: Der Zombie-Hype. The Walking Dead fährt jedenfalls längst nicht mehr die Quoten von vor fünf Jahren ein und auch wenn ich eisern am Ball bleibe, kann man das eigentlich nur noch als hate watching bezeichnen. Einer der coolsten Typen unter den Autorenfilmern, Jim Jarmusch, hat  mit The Dead Don’t Die trotzdem einen Zombiefilm gedreht – wobei man das Genre hier in Anführungszeichen setzen sollte. Es ist ein typischer Jarmusch geworden – eigen, ironisch und leider ziemlich spannungsarm.

  • Allgemein,  Kritik,  Literatur

    Ein Haus auf dem Land/Eine Wohnung in der Stadt von Jan Brandt

    Die Frage, wie wir Leben wollen, ist unausweichlich mit dem Ort dieses Lebens verwoben. In zunehmendem Maße ist dieser Ort die Stadt. Während dort die Mietspiegel stetig steigen und man sich fragt, wer sich das alles überhaupt noch leisten kann, haben Dörfer fernab der Speckgürtel mit Überalterung und dem Fehlen der Annehmlichkeiten moderner Lebenswelten zu kämpfen - jeder, der in Brandenburg mobil ins Internet will, weiß, was ich meine. Jan Brandt hat mit Ein Haus auf dem Land/Eine Wohnung in der Stadt zwei Bücher in einem Geschrieben - einmal erzählt er von seinem Leben in Berlin und einmal von seiner ostfriesischen Herkunft und dem Kampf um den Erhalt des Hauses seines Urgroßvaters.   Jan Brandts persönliche, buchlange Essays stellen den Leser vor eine Entscheidung: Welchen der beiden Texte will man zuerst lesen? Ein Haus auf dem Land/Eine Wohnung in der Stadt hat zwei Cover - es sind sogesehen zwei Bücher, die in einem gebunden wurden. Natürlich sind sie thematisch auch verwandt und es gibt hier wie da Querverweise. Man könnte die Aufteilung in zwei Bücher also durchaus auch als Spielerei betrachten. Ich entschied mich für Eine Wohnung in der Stadt (wie im wahren Leben). In diesem Essay hat Jan Brandt chronologisch seine Erfahrungen in Berlin niedergeschrieben. Er zog 1998 in die Hauptstadt, die zu jener Zeit mehr Einwohner verlor als sie hinzu gewann und über reichlich unsanierten, spott billigen Wohnraum verfügte. Für Brandt eine ideales Umfeld - denn er stand zu dieser Zeit erst am Anfang seiner Karriere als Schreibender. Der Umzug von Köln, wo er vorher studierte, nach Berlin war also vornehmlich ökonomischen Überlegungen geschuldet.   Neben den günstigen Mieten bot Berlin auch ein aufregendes Lebensumfeld für einen aufstrebenden Künstler. Jan Brandt war schließlich nicht der einzige, den es in die Hauptstadt verschlug. So erfährt der Leser auf den ersten Seiten auch viel über die dort blühende Literaturszene um die Jahrtausendwende. Diese gerät aber mit den Jahren zunehmend aus dem Blick: Nach den Künstlern kommen die Investoren, die Mieten steigen und jeder Wohnungswechsel will gut überlegt sein. Bis es schließlich nichts zu überlegen gibt: Jan Brandt wird eines Tages wegen Eigenbedarf gekündigt. Für fast ein ganzes Jahr zum Wohnungssuchenden, der sich in Menschentrauben durch Wohnungsbesichtigungen schiebt.  In dieser zweiten Hälfte liest sich Eine Wohnung in der Stadt ein bisschen wie ein Krimi. Denn neben der Suche nach einer bezahlbaren und schönen Wohnung treibt Brandt sich auch damit um, den Eigenbedarf zu widerlegen und vielleicht doch nicht umziehen zu müssen. Manische Züger werden erkennbar, die Wohnungssituation wird das bestimmende Thema seines Lebens. Er spioniert sogar tagelang dem Sohn seines Vermieters hinterher- Zeit zum Schreiben bleibt kaum.   Irgendwann in der Zwischenzeit erfährt Brandt auch, dass das Haus seines Urgroßvaters zum Verkauf steht. Die Überlegung, zurück in die alte Heimat zu ziehen, drängt sich plötzlich auf. Ausführlich wird dies in dem anderen Essay, Ein Haus auf dem Land, beschrieben. Hier zeigt sich Brandt wie auch schon in seinem Essayband über Los Angeles als auf Details achtender Beobachter, der aus seinem Leben berichtet, ohne zu persönlich dabei zu werden. Das führt manchmal aber auch zu Redundanzen und Wiederholungen. Das hat einerseits mit der Zweiteilung des Buches zu tun. In einem Text und chronologisch erzählt, wären diese ohnehin wenigen inhaltlichen Dopplungen wahrscheinlich ausgeblieben. Durch die Teilung in zwei Essays steht jeder der texte gut auf eigenen Beinen- man muss sie also auch nicht auf einmal Lesen. Redundant wird Brandt in einer Passage in der er über mehrere Seiten aufzählt, welche Ereignisse der Weltgeschichte sich in der Zeit, seit der das Haus des Urgroßvaters erbaut wurde, ereignet haben. Nach einer halben Seite habe ich an das Ende des Kapitels geblättert. Ich hatte es auch so verstanden - es war ein sehr altes Haus und sein Abriss vernichtet auch ein Stück der Identität und Geschichte des Heimatdorfes.   Interessanter lesen sich dafür die Kapitel, die sich um Brandts eigene Familiengeschichte drehen. Es ist eine Geschichte, die davon geprägt war, aus dem Dorf wegzuziehen (wie er selbst). Ein Großteil seiner Verwandtschaft lebt in den USA. Diese Auswanderungsgeschichte begann mit dem Bruder seines Urgroßvaters, nun scheinen die Spuren, die beide auf zwei Kontinenten hinterließen, abgerissen zu werden.   Letztlich ist Leser von Ein Haus auf dem Land/Eine Wohnung in der Stadt ein Vergleich zwischen zwei Lebensräumen. Trotz aller Unterschiede zeigt sich dabei auch, dass manche Entwickung auch nicht vor dem Land halt macht. Wo Menschen sind, da ist auch Wandel. Während die Berliner Altstadtwohnungen saniert und ganze Viertel gentrifiziert werden, muss auf dem Land ein altes Haus eben einem seniorengerechten Neubau weichen. Wirkliche neue Einsichten sollte man von Ein Haus auf dem Land/Eine Wohnung in der Stadt vielleicht nicht erwarten - die Diskussion um steigende Mieten ist inzwischen omnipräsent. Doch das soll dem Buch kein Abbruch tun. Ein Haus auf dem Land/Eine Wohnung in der Stadt eine gelungene, sich manchmal etwas in Details verlierende, Gegenwartsbeschreibung, die sich überdies flüssig liest. Es sind persönliche Texte, eine Stimme, die sich in einen größeren gesellschaftlichen Diskurs einschreibt.    *  Ein Haus auf dem Land/Eine Wohnung in der StadtDie Frage, wie wir Leben wollen, ist unausweichlich mit dem Ort dieses Lebens verwoben. In zunehmendem Maße ist dieser Ort die Stadt. Während dort die Mietspiegel stetig steigen und man sich fragt, wer sich das alles überhaupt noch leisten kann, haben Dörfer fernab der Speckgürtel mit Überalterung und dem Fehlen der Annehmlichkeiten moderner Lebenswelten zu kämpfen – jeder, der in Brandenburg mobil ins Internet will, weiß, was ich meine. Jan Brandt hat mit Ein Haus auf dem Land/Eine Wohnung in der Stadt zwei Bücher in einem geschrieben – einmal erzählt er von seinem Leben in Berlin und einmal von seiner ostfriesischen Herkunft und dem Kampf um den Erhalt des Hauses seines Urgroßvaters.

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    Verdrehte Köpfe: Trennungen, Verbrennungen von Helmut Krausser

    Trennungen, VerbrennungenZwischen Wannsee und Plattenbau hat Helmut Krausser mit Trennungen, Verbrennungen ein äußerst amüsantes Kaleidoskop des Berliner Lebens geschrieben. Menschen begegnen und verlieren, belügen und betrügen sich. Und während sie durch scheiternde Beziehungen stolpern, verirren sie sich auch in einer verunsicherten Gesellschaft, in denen tradierte Normen zunehmend aufweichen,- ohne, dass man ihnen vollends entkommen kann.

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    Unsicherheit ist das Leben: Violet Street von Local Natives

    Violet Street von Local NativesAls ich die Band Local Natives zum ersten Mal hörte, saß ich in der Bibliothek über meiner Magisterarbeit. Das Debüt Gorilla Manor lebte vom großäugigen Sturm und Drang der Jugend und dem dreiteiligen Falsetto-Gesang, der die Band bis heute auszeichnet. Ich schrieb damals über postmoderne Adoleszenzromane, Gorilla Manor, das ich seitdem eigentlich nicht mehr hören kann, war unter anderen mein Soundtrack, der mich durch schreibende Stunden begleitete. Die Adoleszenz ist heute vorbei – auch für Local Natives. Man ist im Leben angekommen, Mitte 30. Doch ist man jemals wirklich da? Das vierte Album der Band, Violet Street, erzählt in elf eingängigen Popsongs davon, dass man auch nach den vermeintlichen Meilensteinen des Lebens ein Reisender bleibt.

  • Allgemein,  Kritik,  Literatur

    Ein seltsamer Regen: Warum die Vögel sterben von Victor Pouchet

    Warum die Vögel sterben von Victor PouchetIn der Normandie regnet es tote Vögel und in Paris interessiert es keinen: Abgesehen von Victor Pouchets Protagonisten in seinem Debütroman Warum die Vögel sterben. Der ziellos durch sein Leben driftende Promotionsstudent, der mit seinem Erschaffer zumindest den Nachnamen teilt, will dem unheimlichen Phänomen auf den Grund gehen. Da sich der Vogelregen in seiner Heimatstadt ereignete, fühlt er sich persönlich betroffen. Die Reise führt ihn in die eigene Kindheit.

  • Allgemein,  Kritik,  Literatur

    “Wir sind ja auch Menschen hier draußen”: Die kennen keine Trauer von Bjarte Breiteig

    Die kennen keine Trauer Bjarte Breiteig Luftschacht Rezension Der Wiener Luftschacht Verlag hat mit Die kennen keine Trauer von Bjarte Breiteig einen äußerst ökonomisch erzählten Band im Programm. Die sieben Erzählungen begnügen sich mit 80 Seiten. Viel zu kurz, denkt man. Aber das heißt ja nichts Schlechtes: Die guten Erlebnisse sind schließlich immer viel zu schnell vorbei. Das bedeutet allerdings nicht, dass Die kennen keine Trauer von schönen Momenten erzählt.

  • Allgemein,  Dresden,  Kritik

    Das Flüstern des Apfelbaums: Von Pflanzen und Menschen im DHMD

    Von Pflanzen und Menschen im DHMDPünktlich zur vollen Blüte des Frühlings startet im Deutschen Hygiene-Museum Dresden eine neue Sonderausstellung, die von Pflanzen und Menschen erzählt (nur konsequent, nachdem die Beziehung zwischen Mensch und Tier letztes Jahr aufgearbeitet wurde). Ein hochaktuelles Thema: Schon lange am Gären, erreicht der öffentliche Diskurs um den Klimawandel so langsam den Siedepunkt – die Fridays for Future Demonstrationen zeigen es an ebenso wie die Umfrageergebnisse der Grünen.

  • Allgemein,  Kritik,  Literatur

    Im Spiegel der Erinnerungen: Erstaugust von Lisa Elsässer

    Erstaugust Lisa Elsässer RezensionIch bin immer wieder verzückt von den sprachlichen Qualitäten schweizerischer Erzählliteratur. Auch wenn das gesprochene Deutsch der Eidgenossen mir unverständlich bleibt, auf dem Papier kommt es klar wie Gebirgsquellwasser und bildreich wie die schönsten Alpenpanoramen. Auch Lisa Elsässer findet in ihrem Erzählband Erstaugust immer wieder schöne Formulierungen, vermag es dabei aber nicht, ihrem Material die nötige Dringlichkeit zu verleihen. Erstaugust ist eher ein kleines Rinnsal, das gemächlich vor sich hin plätschert.