• Allgemein,  Kritik,  Literatur

    Ich bin hier nur Gast: Always Happy Hour von Mary Miller

    Always Happy Hour“Wir sind alle bloß Ableitungen […], wir alle tun nur so als ob” (42) heißt es an einer Stelle in Mary Millers Erzählband Always Happy Hour, in dem die meisten ihrer elf Erzählerinnen – weiß, um die 30, gebildet – ziemlich ähnliche, unerfüllte Leben führen, sowohl in privater wie in beruflicher Hinsicht. Ein akutes Bewusstsein für die eigene Unzufriedenheit zieht sich durch diese Geschichten – ebenso wie das Gefühl für die eigene Unfähigkeit daraus – aus sich selbst eigentlich – auszubrechen. Es ist ein starker Band, am Puls der Zeit des Milieus, das hier abgebildet wird, der, wenn man Miller etwas ankreiden will, den einen oder anderen Ausreißer gut vertragen hätte.

  • Allgemein,  Kritik,  Literatur

    Die Geister die man ruft: 100 Boyfriends von Brontez Purnell

    100 Boyfriends von Brontez PurnellEine Spritztour durch San Francisco: Die Stories in Brontez Purnells 100 Boyfriends beginnnen mit Sätzen wie “I had out-trolled myself once again” und sind – dieser eine Satz ist schon Beweis genug – zu gleichen Teilen urkomisch und melancholisch. So locker wie die Sexualmoral dieser Erzähler führt uns 100 Boyfriends durch ein durchtriebenes San Francisco, unterhaltsam, versaut und oft ganz schön perspektivlos.

  • Allgemein,  Kritik,  Literatur

    Liebe in Zeiten der Pandemie: Das Vierzehn-Tage Date von René Freund

    Das Vierzehn-Tage Date von René Freund

    René Freunds Das Vierzehn-Tage Date ist der erste Corona-Roman, der mir zwischen die Finger kam – und da Freunds Texte eher auf sonnigen Seite geschrieben sind -, mit der Erwartung an eine Lektüre, die der ganzen Misere etwas Heiterkeit schenkt. Und man wird nicht enttäuscht: Das Vierzehn-Tage Date ist nicht der große Pandemie-Text, sondern ein vergnüglicher Lese-Nachmittag, der aus dem Lockdown eine kleine Sitcom macht.

  • Allgemein,  Kritik,  Literatur

    Das letzte Hurra der Beats: Little Boy von Lawrence Ferlinghetti

    Little Boy von Lawrence FerlinghettiLawrence Ferlinghetti starb im Februar im Alter von 101 Jahren als letzter Vertreter der Beat Generation. Wenngleich er zumindest hierzulande nie die Bekanntheit von Ginsberg, Kerouac und Burroughs erreichte, ist er einer ihrer wichtigsten Figuren. Schließlich war der von ihm gegründete Buchladen City Lights Bookstore in San Francisco der Sammelpunkt der literarischen Avantgarde der 1950er Jahre. Der angeschlossene Verlag war es auch, der Ginsbergs legendäres Gedicht Howl verlegte. Ferlinghetti war selbst Dichter, sein zweiter Band A Coney Island of the Mind gilt als meistverkaufter Lyrikband aller Zeiten. Little Boy ist sein letztes Werk, ein autobiografischer Roman, der diese Bezeichnung aber schon nach wenigen Seiten sprengt.

  • Allgemein,  Essay,  Literatur

    Das Wahre, Männliche und Schmerzhafte des Alltags: Die Lyrik von Tony Hoagland

    Tony HoaglandWahrscheinlich war ich auf dem Weg vom Belmont Campus zur The Villager Tavern in Nashville, als ich an einem geschlossenen Buchladen anhielt, um durch ein paar Bücher zu stöbern, die in einem Karton zum Mitnehmen rumlagen. Dort fand ich den schmalen Hardcover Einband von Donkey Gospel (1998) des mir bis dahin unbekannten und bis heute unübersetzten amerikanischen Lyrikers Tony Hoagland. Wirklich darin gelesen habe ich erst nach meiner Rückkehr. Die erzählerische, konfessionelle Lyrik, tief im amerikanischen Alltag verwurzelt und oftmals komisch, stößt den Leser immer mal wieder in die banalen Abgründe dessen, was man Menschsein nennen könnte. Als Tony Hoagland am 23. Oktober 2018 verstarb, bekam ich es nicht mit. In Deutschland nahm auch sonst niemand Notiz.

  • Allgemein,  Kritik,  Literatur

    “Ich denke, also bin ich traurig”: I Hate You, Please Read Me von Joshua Dalton

    I Hate You, Please Read Me von Joshua DaltonJoshua Dalton ist ein junger Autor aus Texas, der am borderline personality disorder leidet. Die psychische Erkrankung vereint diese teils autofiktionalen Texte seiner ersten Sammlung I Hate You, Please Read Me, die – der ironische Titel zeigt es an – trotz aller Melancholie wirklich witzig ist. Sie zeigt auch, dass das Internet kein “Ort” für psychische Gesundheit ist.

  • Allgemein,  Kritik,  Literatur

    Entzaubert sein, klarkommen: Memorial von Bryan Washington

    Bryan Washingtons Debütroman MemorialBryan Washingtons Debütroman Memorial löst das große Versprechen seines Erzählbands Lot ein und macht noch einen großen Schritt nach vorn. Lakonisch, vulgär und unheimlich intim erzählt Washington von Benson und Mike, deren Beziehung nach vier Jahren ihrem Endpunkt zuzulaufen scheint sowie den chaotischen, längst zerfallenen Familien der beiden Männer. Berührend, komisch, vielschichtig – Memorial ist ein Triumph.

  • Allgemein,  Kritik,  Literatur

    Ein Sommer für die Ewigkeit: Hard Land von Benedict Wells

    Ein Sommer für die Ewigkeit: Hard Land von Benedict WellsGrady, Missori, 1985: Der 15-jährige Sam hat es nicht leicht. Er hat keine Freunde und seine engste Verbündete ist sterbenskrank. Benedict Wells neuer Roman Hard Land ist eine Ode an die Jugend und eine Hommage and die Texte, die sich ihrer widmen. Ein schöner Text über einen aufregenden Sommer, über den Aufbruch eines Jungen, der sich aufmacht, ein Mann zu werden.

  • Allgemein,  Kritik,  Literatur

    Berlin im Rausch: Die Linie zwischen Tag und Nacht von Roland Schimmelpfennig

    Die Linie zwischen Tag und Nacht von Roland Schimmelpfennig“Alle waren hellwach und gleichzeitig todmüde”: Tommy feiert zusammen mit ein paar Partybekanntschaften am 1. Mai in Berlin. Man ist ausgelassen, seit Tagen unterwegs, voller Drogen. Da sieht er im Landwehrkanal eine junge Frau in einem Hochzeitskleid treiben. Sie ist tot. Roland Schimmelpfennigs Die Linie zwischen Tag und Nacht nimmt den Leser mit in den Berliner Partyuntergrund, zu Rausch und Ruin, Ravern und Dealern.