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Künstlerin in der Krise: Strahlen von Verena Stauffer

Rezension zu Strahlen von Verena Stauffer Eine Künstlerin ist blockiert. Das bedeutet auch: finanzielle Nöte. Gut, wenn man Freunde im internationalen Jet Set hat. Strahlen beginnt betörend in New York, macht Station in Mailand, spannt ein Liebesdreieck, das maximal dysfunktional und asymmetrisch wirkt, nur um nach hundert Seiten nochmal neu zu starten – und den vielversprechenden Roman im Mittelteil zu verstolpern.

Die ersten hundert Seiten von Stauffers Strahlen sind nicht hervorragend, aber interessant und gut: Die persönliche Schaffenskrise der Künstlerin entspinnt sich im Milieu ihrer gebildeten und vermögenden Freunde. Die laden sie nicht nur ein, sie wollen sie auch verkuppeln. Nur ist der New Yorker Juraprofessor ein Konservativer und darüber hinaus extrem eifersüchtig. Passt also eigentlich nicht, aber da die Erzählerin sich eben erst aus einer Beziehung löst, nutzt sie die Gelegenheit zur Ablenkung. Und falls es doch passt – finanziell abgesichert wäre sie dann immerhin. Das wäre sie auch mit Stephan, den sie bei einem Urlaub in Mailand kennenlernt, zu dem die Freunde eingeladen haben.

„Geräuschlosigkeit kann zu einem Hall werden, der immer lauter wird. Ich hörte die Stille. Stefans Verschwinden aus meinem Leben führte zu einem neuen Geräusch, es war die Stille der Einsamkeit“ (S. 93).

Die Stille der Einsamkeit bleibt aber nicht lang, denn im zweiten Teil des Buches begegnet Ava zwei weiteren Männern. Dieser Teil bricht aber mit dem vorherigen, interessanten Auftakt: Die Kunst als Amüsement und Projekt der internationalen Elite, gespiegelt in asymmetrischen Beziehungen zu tendenziell toxischen Männern, eingebettet in die Schaffenskrise einer Malerin – so könnte man dieses erste Drittel beschreiben.

Der zweite Teil wirft die Erzählerin in eine neue Dreiecksbeziehung und wechselt das Milieu – nach Wien bzw. in virtuelle Welten. Auch der Modus des Erzählens scheint verändert. Sind die ersten hundert Seiten weitaus szenischer, wird es in der Folge diskurshafter – immer wieder gibt es erklärende Passagen zu verschiedenen Themen, die dem Text Momentum rauben. Das beginnt im zweiten Teil mit dem Thema Online-Dating: Strahlen führt mit E einen neuen Charakter ein, den die Erzählerin über eine Dating-Plattform findet. Statt die Gegenwärtigkeit einer überwiegend virtuell stattfindenden „Beziehung“ sprachlich wie formell abzubilden – wie es andere Autoren, etwa Leif Randt, schon überzeugend gemacht haben –, präsentiert uns Strahlen diesen Austausch wie ausformulierte literarische Dialoge und nicht wie digitale Kommunikation. Anstelle der Gegenwärtigkeit und des Rausches einer aufkeimenden Verliebtheit wirkt der Text hier verkopft und langatmig.

Apropos langatmig: Den zweiten Mann dieses zweiten Liebesdreiecks, das uns Strahlen präsentiert, hat Stauffer zwar gleich zu Beginn als flüchtige Begegnung eingeführt, räumt ihm aber erst 150 Seiten später eine größere Rolle ein. Auch mit Tiam beginnt Ava eine Affäre. Die Anziehung ist intensiv, aber wieder bremst eine thematische Überfrachtung den Text aus: Zwischenzeitlich liest Ava dem Liebhaber mit iranischen Wurzeln mehrere Seiten lang eine Geschichte über Xerxes vor. Während der Liebhaber dabei einschläft, haben Lesende diese Gnade nicht – es sei denn, sie überspringen ein paar Seiten. Diesem zweiten und längsten Abschnitt des Romans fehlen Fokus und Sog.

Mäandernd in seiner dramatischen Struktur, zusehends in Reflexionen versunken und mit einer Sprache, die immer wieder Gefahr läuft, vom reflektiert-Melancholischen ins Pathetische zu rutschen, verläuft sich die Autorin. Erst im letzten Teil zieht sie die Spannungsschrauben wieder fester, geht konzentrierter vor und führt eine weitere Ebene ein, in der analoge und virtuelle Wirklichkeit verschmelzen. Es ist zu spät.

Verena Stauffer hatte interessantes Material in den Händen und es hundert Seiten lang gelungen aufs Papier gebracht – und sich in thematischer Überfrachtung verlaufen. Stauffer war zweimal für den Österreichischen Buchpreis nominiert und las 2025 beim Ingeborg-Bachmann-Preis – vielleicht ist Strahlen ja nur ein Ausrutscher. Leider nicht gut.

Strahlen von Verena Stauffer ist bei der Frankfurter Verlagsanstalt erschienen.

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