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Die großen Fragen des Lebens: Paula Modersohn-Becker & Edvard Munch

Die großen Fragen des Lebens: Paula Modersohn-Becker & Edvard Munch Zwei Künstler beschäftigen sich um die vorletzte Jahrhundertwende mit den Fragen des Lebens in ihren Bildern – begegnet sind sie sich aber wahrscheinlich nie. Das Albertinum zeigt die Werke von Paula Modersohn-Becker und Edvard Munch, dem weltbekannten Norweger und der gebürtigen Dresdnerin. Leben und Tod, Jugend und Alter, Mensch und Natur sind die Sujets beider Künstler, übersetzt in unterschiedliche Formsprachen – still, einfach in der Form und gedeckt in der Farbwahl die Dresdnerin; dynamisch, direkt, farbenfroh der Norweger. Die großen Fragen des Lebens: Paula Modersohn-Becker & Edvard Munch ist eine abwechslungsreiche Schau mit faszinierenden Arbeiten – auch ohne Munchs bekanntestes Werk.

Denn Edvard Munchs „Schrei“ gehört nicht zu den ausgestellten Werken. Das ist vielleicht erst einmal ein Wermutstropfen, aber nach dem Besuch der Schau hat man ihn auch nicht vermisst. Es ist sicherlich kein bewusster Verzicht, aber es fügt sich: Das Fehlen des ikonischen Bildes öffnet den Fokus auf die zahlreichen Meisterwerke, die nicht weniger faszinierend sind.

Paula Modersohn-Becker, Sitzendes Mädchen mit Schafen am Weiher (1903)
Paula Modersohn-Becker, Sitzendes Mädchen mit Schafen am Weiher (1903)

Die vorletzte Jahrhundertwende markiert den Beginn der Moderne. Alte Regeln wurden abgelehnt, neue Formsprachen gesucht. Die Kunst begann, in verschiedene Richtungen zu streben – Symbolismus, Impressionismus, Expressionismus und Jugendstil bringen eine neue Vielfalt; die Motive entfernen sich von Repräsentation und Religion hin zum Menschen und zur Natur.

Die großen Fragen des Lebens: Paula Modersohn-Becker & Edvard Munch ist nach verschiedenen Themen organisiert, mit denen sich beide Künstler beschäftigen, wenngleich nicht jedes Thema gleichermaßen bearbeitet wurde. Auffällig ist, wie stark sich beide voneinander unterscheiden. Vor allem zu Beginn der Ausstellung finden Besucher überwiegend landschaftliche Ölgemälde von Modersohn-Becker, die offenbar besonders von Birkenbäumen angezogen war, da diese in mehr als einer Handvoll Werke zu finden sind. Ihre mittelgroßen, hochformatigen Landschaftsansichten mit oder ohne Mensch, oft Mädchen, sind neben den Darstellungen von Birken durch eine sehr erdige, gedeckte Farbwahl geeint. Diese Landschaften leuchten nicht – sie sind nicht romantisiert. Gleichsam sind es auch keine detaillierten Darstellungen – stattdessen scheint die Vereinfachung der Darstellung ihr Prinzip gewesen zu sein. Ebenfalls auffällig ist, dass auch Personen in diesen Bildern in ähnlich erdigen Farben und in einfachen Formen dargestellt sind – sie erheben sich nicht über die Natur, sondern fügen sich ein.

Paula Modersohn-Becker, Mutter mit Kind (1906)
Paula Modersohn-Becker, Mutter mit Kind (1906)

Eher einfach, gedämpft, zurückhaltend und statisch wirken Modersohn-Beckers Ölgemälde, die eine fast herbstliche Ruhe ausstrahlen. Das Thema Mutterschaft wird nur durch sie besetzt, und im Bild einer Stillenden („Mutter und Kind“, 1906) zeigt sie eine unaufgeregte und in der Darstellung realistischere Szene. Eines ihrer berührendsten Werke.

Edvard Munchs Werke strahlen eine größere Dynamik aus, ziehen Betrachter durch ihre Farbigkeit an und stärker in ihre Momenthaftigkeit hinein. Weniger Fläche, mehr Bewegung, könnte man sagen. Auffällig ist, dass in den Werken beider religiöse Motive kaum eine Rolle spielen. Der Mensch in der Natur – besonders einnehmend hier der farbenfrohe Akt in der Natur („Jüngling am Meer“) – oder Momente der Intimität verweisen auf eine Abkehr altmeisterlicher Praktiken. Besonders ergreifend sind hier Munchs Werke, die Krankheit und Trauer zeigen und vom frühen Verlust seiner Schwester an Tuberkulose geprägt sind.

Edvard Munch, Jüngling am Meer (1908)
Edvard Munch, Jüngling am Meer (1908)

Nicht nur in den Motiven sind die Arbeiten von Modersohn-Becker und Munch vom Aufbruch in eine neue Zeit der Kunst geprägt. Vor allem von Munch sind einige beeindruckende grafische Arbeiten zu sehen, die völlig zeitlos sind, beispielsweise „Der Kuss IV“ (1902) oder der Kombinationsdruck „Mädchen auf der Brücke“ (1918), bei dem man sich in der Formsprache sehr an sein bekanntestes Werk erinnert fühlt. Bei Modersohn-Becker gibt es wunderbare Kohlezeichnungen zu entdecken, die anders als ihre Ölgemälde eine erstaunliche Detailtiefe zeigen und in der Darstellung selbstbewusster (Selbst-)Akte der damaligen Zeit weit voraus waren.

Das Albertinum zeigt in der Ausstellung auch einige Werke anderer Künstler jener Zeit aus dem eigenen Bestand. Beim Thema Krankheit stiehlt Oskar Zwintschers „Dein Wille geschehe“ (1893) fast die Schau – und hätte es verdient, zukünftig einen Platz in der Dauerausstellung zu finden. Diese Werke sollen sicherlich die Vielfältigkeit illustrieren, mit der diese Themen um 1900 bearbeitet wurden, nehmen manchmal aber etwas den Fokus von den eigentlichen Hauptdarstellern der Ausstellung.

Edvard Munch, Mädchen auf der Brücke (1918)
Edvard Munch, Mädchen auf der Brücke (1918)

Die großen Fragen des Lebens: Paula Modersohn-Becker & Edvard Munch ist die einnehmendste Sonderausstellung, die das Albertinum in den letzten Jahren gezeigt hat – sie verspricht zwei Stunden Kunstgenuss. Die lange Schlange an der Kasse zeigt: Das kommt gut an (Achtung bei der Planung des Besuchs: Zeitslots!).

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Die großen Fragen des Lebens: Paula Modersohn-Becker & Edvard Munch ist bis zum 31.05.2026 im Albertinum zu sehen.