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Asymmetrie: Ich ertrinke in den Wassern meiner eigenen Liebe von Julia Franck

Rezension: Ich ertrinke in den Wassern meiner eigenen LiebeRilkes letzte Geliebte: Mouky alias Merline alias Baldine Klossowska. Sie ist jünger, geschieden und Mutter zweier Söhne. Er ist der große Dichterfürst, der sich von wohlhabenden und adligen Mäzeninnen aushalten lässt. Immer Frauen. Immer mit Distanz. Julia Franck hat sich in der umfassenden Korrespondenz zwischen Rilke und Klossowska auf Spurensuche begeben und die vielleicht letzte Liebe Rilkes nachgezeichnet.

Doch ist Baldine Klossowska wirklich die letzte Liebe? Auch wenn sein letzter Brief wahrscheinlich an sie ging, war die Romanze zum Zeitpunkt seines Todes weitestgehend erloschen – man hatte sich viele Monate nicht mehr gesehen, die Briefe kamen seinerseits nur noch spärlich. Gleichwohl hat er neue Kontakte geknüpft, meist zu jüngeren, schönen und intelligenten Frauen, denen er auch im Siechtum weitaus häufiger schrieb. Julia Franck zeichnet ein Bild Rilkes als zaudernder Liebhaber, der sich der Aufmerksamkeit der Frauen erfreut – vor allem wenn sie Geld haben und seine Dichterei querfinanzieren können durch die Bereitstellung von Residenzen –, dem es aber auch schnell zu eng wird. Eine Vielzahl Brieffreundschaften pflegt er in den letzten Lebensjahren, mit wechselnder Intensität – „einmal begonnene Verhältnisse kann und möchte er nicht aufgeben, er hält sich die Frauen gewogen“ (S. 150).

Das ist natürlich eine Qual für Frauen wie Klossowska, die er Mouky oder Merline nennt. An ihr ist Julia Franck auch mehr interessiert. Über Rilke ist schließlich schon viel geschrieben worden, während Klossowska weitestgehend in Vergessenheit geraten ist. Sie hatte es nicht einfach – ihre erste Ehe scheiterte, als Frau am Anfang des 20. Jahrhunderts eine schwierige Situation. Wir lernen sie als weitestgehend mittellos kennen. Während Rilke als bekannter und verehrter Dichter ein eigenes Auskommen hat und sich bei Engpässen auf die wohlhabenden Frauen verlassen kann, die ihm verfallen sind, hat Klossowska dieses Glück nicht. Dabei ist sie selbst künstlerisch tätig – als Baldine malt sie Aquarelle und – sofern Geld für Materialien da ist – auch Ölgemälde.

„Sie haben mich geformt, geborgen, gezogen – ich bin ein Apfel Ihres Obstgartens“ (S. 150).

Das Talent für die Malerei liegt in der Familie. Ihr Bruder Eugen Spiro war seinerseits ein erfolgreicher Künstler. Noch erfolgreicher wurde ihr Sohn Balthus, der recht kontroverse Darstellungen minderjähriger Mädchen malte.

Ich ertrinke in den Wassern meiner eigenen Liebe ist ein kurzer Text von etwa 160 Seiten, braucht aber etwas Zeit. Vorwissen über Rilke und seine Zeit ist hilfreich, um all die Namen, Orte und Werke einzuordnen. Darüber hinaus müssen sich Lesende an die wechselnden Namen, unter denen die Geliebte auftaucht, gewöhnen. Auch dass Rilke hier als René und nicht Rainer angesprochen wird, ist etwas gewöhnungsbedürftig. Doch das ist natürlich marginal – was Lesende wirklich anstrengen kann und das Tempo etwas bremst, ist das Hin und Her zwischen den beiden. Die schmachtenden Briefe Klossowskas finden mal offene, mal verschlossene Augen. Mal ist der Briefwechsel lebhaft, dann wieder sehr einseitig. Sie verzehrt sich. Er zieht sich zurück. Es ist ein sich wiederholender Kreislauf, in dem Klossowska jede Zuwendung himmelhochjauchzend aufnimmt und zu Tode betrübt ist, wenn auf den nächsten Brief monatelang keine Antwort kommt.

Welch Qualen diese asymmetrische Liebe hervorruft! Geradezu aufopferungsvoll schreibt sie dem Dichterfürsten hinterher, der sich immer wieder entzieht.

Ich ertrinke in den Wassern meiner eigenen Liebe ist eine Mischung aus Essay und biografischer Erzählung, reich an Zitaten im französischen Original mit nachfolgender Übersetzung. Julia Franck lässt Lesende mitleiden mit der verzweifelt Liebenden und ist gleichzeitig ein Porträt Rilkes in Abwesenheit – der Text ist eine Einladung, eine fast vergessene Malerin zu entdecken, der es eben nicht vergönnt war, gönnerhafter Freunde zu haben.

Ich ertrinke in den Wassern meiner eigenen Liebe von Julia Franck ist beim Verlag Pfaueninsel erschienen.

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