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Verrückt, wozu der Geist fähig ist: Death in Her Hands von Ottessa Moshfegh

Ottessa Moshfegh Death in Her HandsEs ist kein Geheimnis auf diesen Seiten, dass ich Ottessa Moshfegh für eine der besten Schriftstellerinnen ihrer Generation halte. Homesick for Another World ist einer der besten Erzählbände dieses Jahrzehnts, ihr letzter Roman My Year of Rest and Relaxation schaffte es in meine Top 3 des Jahres 2018. Nun folgt mit Death in Her Hands ihr dritter Roman und er bestätigt das große Versprechen ihrer ersten Veröffentlichungen. Auf Ottessa kann man sich verlassen – klug, fantasievoll, unterhaltsam. Einfach gut!

Ottessa Moshfeghs Meisterschaft ist schon auf den ersten drei Seiten ihres neuen Romans sichtbar. Die Einführung ihrer Figur und der Geschichte, die sie anhand ihrer erzählen will, gelingt kompakt und mit beneidenswerter Leichtigkeit. Es beginnt mit einer Notiz, die die 72-jährige Witwe Vesta bei ihrem morgendlichen Spaziergang durch das zu ihrem Land gehörende Birkenwäldchen mit ihrem Hund Charlie findet:

Her name was Magda. Nobody will ever know who killed her. It wasn’t me. Here is her dead body (1).

Von Magdas leblosem Körper gibt es jedoch keine Spur. Anstelle die Polizei zu informieren, untersucht Vesta die Notiz eingängig, sie ist wie ein Streichholz, das auf einen in Benzin getauchten, einsamen Geist trifft. Vesta ist allein. Ihr Mann Walter ist vor einem Jahr an Krebs gestorben. Sie hatten keine Kinder, das Haus hat sie nach dessen Tod verkauft und hat sich dafür ein altes Pfadfinderinnen-Camp in einem abgelegenen Kaff in Neuengland gekauft. Sie hat nicht einmal einen Telefonanschluss – niemand würde sie anrufen. Und so lebt sie zusammen mit ihrem Hund jeden Tag die gleiche Routine und scheint damit glücklich zu sein. Wenn da nicht diese Notiz in ihr Leben gekommen wäre.

Death in Her Hands ist ein Spiel mit den Konventionen des Kriminalromans und das Schreiben selbst. Magdas Geschichte spielt sich im Kopf der Protagonistin ab. Die ist eine zutiefst unzuverlässige Erzählerin – der Leser ist ganz in den Wahrnehmungen Vestas gefangen. Ob es Magda überhaupt gab und wenn ja, wer sie wirklich war, ist weniger wichtig als die Bedeutung, die sie für die Erzählerin selbst annimmt. Die fährt, nachdem sie die Notiz intensiv untersucht hat – auch unter dem Gesichtspunkt ihrer literarischen Qualität (Vesta behauptet zum Beispiel, dass sie selbst hätte Autorin sein können, wenn sich sich der Sache verschrieben hätte) – zur nächsten Bibliothek und bemüht eine Suchmaschine für ihre Recherchen. Zu Magda findet sie nichts, dafür eine Anleitung zum Schreiben eines Kriminalromans. Das zweite Kapitel nimmt dann der Fragebogen aus dieser Anleitung ein, mit dem sie Magda erst einmal erfindet.

Die Konventionen des Kriminalromans verschwimmen im Verlauf zunehmend mit Anleihen aus der Horrorliteratur. Vesta wird paranoid – sieht Schatten, verdächtigt die Bewohner der Kleinstadt, vermutet, dass sich jemand an ihrem Gemüsebeet zu schaffen gemacht hat. Eingeflochten in ihre wahnhafte Untersuchung des vermeintlichen Mordfalls sind Erinnerungen an Vestas Ehe: Während Walter zu Beginn von Death in Her Hands idealisiert wird, entwickelt sie mehr und mehr Abscheu gegen den Verstorbenen. Er hat sie dominiert, nebenbei Affären gehabt und okkupiert noch immer ihren “Mindspace”.

Dass der Leser in der subjektiven Wahrnehmung der sozial isolierten Erzählerin gefangen ist, involviert ihn bei der Klärung des Kriminalfalls und schafft Spannung. Doch das Mittel der unzuverlässigen Erzählung dient nicht nur der Dramaturgie: Death in Her Hands erzählt uns viel von der nicht zu überwindenden Lücke zwischen subjektivem Erleben und den objektiven, äußeren Umständen. Auch verweist Vestas Investition in Magda auf eine Sinnsuche am Ende eines Lebens. Es ist kein Zufall, dass sich Magdas Einschätzung ihrer Ehe, die schließlich ihr ganzes Leben vereinnahmte und nun beendet ist, mit jeder Seite dunkler erscheint. Versucht sie durch die eigenhändige Klärung dieses Falls ein schiefes Leben geradezurücken? Zweifellos ist Death in Her Hands auch ein Testament für den Kaninchenbau, der der menschliche Geist sein kann.

Death in Her Hands ist weniger ein Kriminalroman als das Portrait einer älteren, einsamen Frau, die zunehmend von ihrem eigenen Geist gefangen genommen wird. Es ist letztlich ein melancholischer Roman über Einsamkeit, der – und das ist die große Kunst von Moshfegh – sich bis zu dieser Erkenntnis unglaublich unterhaltsam liest. Gut möglich, dass sich Death in Her Hands mit Allegro Pastell um einen Platz auf meiner diesjährigen Bestenliste streiten wird. Uneingeschränkte Empfehlung!

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Death in Her Hands ist bei Penguin Press erschienen.