Birgit Birnbacher zeigt sich als Autorin mit sozialpädagogischem Impuls. In ihrem letzten Roman Wovon wir leben widmete sie sich dem Wert der Arbeit, im neuen Text Sie wollen uns erzählen rückt Neurodivergenz im Zusammenhang mit Schule und Mutter-Kind-Beziehungen in den Fokus: Oz gilt trotz guter Noten als schwer „beschulbar“, seine Mutter hat ein unstetes Nervenkostüm und die Oma ist plötzlich aus dem Krankenhaus verschwunden. Es ist ein Roman über Umwege und das, was zählt.
Oz hat Schiss: Denn er hat einen Brief von der Schule mitbekommen. Es gab einen tragischen Vorfall mit einem Hasen. Und das vor den Sommerferien. Seine Mutter ist gestresst: Sie ist promovierte Soziologin, arbeitet in der Forschung unter eher prekären Arbeitsbedingungen. Die Beziehung zum Vater des Kindes, Chris, ist konfliktbeladen.
Sie wollen uns erzählen beginnt also mit großer Fallhöhe für Oz – das Damoklesschwert des Elternbriefs schwebt über ihm. Wird es ihm die Sommerferien versauen? Der Roman erzeugt direkt am Anfang Spannung, löst sie aber nicht direkt ein. Oz hat ADHS, die Mutter Ann ist ebenso neurodivergent, wird schnell laut. Birnbacher schiebt den Konflikt, den sie auf den ersten Seiten heraufbeschwört, nach hinten. Denn Neurodivergenz ist auch erzählerisches Programm. Der Text nimmt zahlreiche Umwege über die dysfunktionalen Beziehungen, die Probleme der Arbeit, der Herkunft.
Das nicht so ganz auf den Punkt kommen, das sich in der Flatterhaftigkeit der Sprache spiegelt, ist stimmig, kann sich aber auch holprig lesen. Sie wollen uns erzählen erklärt es etwa so: Während die meisten Menschen die Gedanken-Autobahn nehmen, suchen sich Neurodivergente über kleine Nebenpfade einen Weg. Also durchaus umständlich. Und so dauert es weit über 50 Seiten, bis die Erzählung die Auffahrt zum eigentlichen Plot nimmt: Die Großmutter ist verschwunden und so muss das Mutter-Sohn-Gespann sie unter Zeitdruck in den Bergen ausfindig machen. Erschwerend kommt hinzu, dass ein Unwetter droht.
Eigentümliche Satzstellungen und Gedankensprünge machen Sie wollen uns erzählen zu einem lebendigen Text, mit dem Lesende sich erst einmal warm lesen müssen. Das ist originell und Geschmackssache. Die Autorin geht ein Risiko ein, das sich lohnt. Dennoch gibt es Abstriche zu machen: Eine Nebenhandlung, die die hippieske Tante Nell als zusätzlichen Chaostifter in den Text wirft, birgt beispielsweise viel Potenzial für Drama, wird aber nicht optimal eingelöst – bleibt nur Umweg.
Sie wollen uns erzählen ist berührend, ist gut, aber Wovon wir leben war etwas besser.
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Sie wollen uns erzählen von Birgit Birnbacher ist bei Zsolnay erschienen.
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