Auf der schicken Kastanienallee wohnt, wer in Wien einen Namen hat. Anwälte, Psychologen, Ärzte und ein Trafikant. Louise K. – ein Pseudonym – hat ein knappes Dutzend Figuren zu einem süffisanten Sittenbild zusammengeworfen, in dem es nicht nur um die lieben Nöte der Bessergestellten geht, sondern auch um Leben und Tod.
Beim Lesen von Kastanienallee mutiert die innere Lesestimme zu einem Vortrag im Wiener Schmäh: Bissig amüsiert erzählt Louise K. in kurzen Kapiteln mit alternierenden Fokalisierungen zwischen den Bewohnern der prestigeträchtigen (fiktionalen) Allee, an die auch ein exklusiver Tennisclub und eine Privatklinik anschließen – ebenso wie eine Trafik. Dort arbeitet Hermann Hartl, der diese von seinem Onkel, der ihn großzog, übernommen hat. Ein bequemer und unangenehmer Mensch, der eher beiläufig zu einer Frau, Heidi, gekommen ist – man hatte im Suff ein Kind gezeugt: die behäbige, unattraktive Jessica, die, wie ihre Eltern eigentlich auch, nicht viel zu bieten hat und voller Missgunst ist. Im Familienunternehmen, allen voran Hermann, kümmert man sich um den Bedarf an Zigaretten und Illustrierten im feinen Viertel und schaut, ob man die hochbetuchten und nicht ganz so hellen Kunden nicht auch ein bisschen ausnehmen kann.
Der größte Fisch, an dem die Hartls angeln, ist Rudi, alleiniger Erbe einer Villa und eines stattlichen Vermögens, aber aufgrund seiner schwierigen Geburt entwicklungsbeeinträchtigt. Neben den Hartls kümmert sich auch der Anwalt Günther Krawanek um Rudis Finanzen. Da der einst helle Stern des Anwalts schon etwas untergegangen ist und er ein paar schlechte Geschäfte gemacht hat, veruntreut er hier und da etwas Geld – bei dem planlosen Rudi oder dem Tennisclub, dessen Kassenwart er praktischerweise ist.
Hier liegt viel Konfliktpotenzial, vor allem weil Hermann Hartl fleißig herumschnüffelt, um genug Geld beiseitezuschaffen, um den großen Abflug gen Rio zu machen – selbstredend ohne die ungeliebte Familie. Distanziert und nicht ohne Häme wird das Ganze von den anderen Anwohnern beobachtet, die allesamt natürlich auch ihre kleinen Dramen hinter den schönen Fassaden erleben.
Louise K. hat sich einen bunten Reigen an Personal ausgedacht, der die feine Wiener Gesellschaft hopsnimmt. Selten verbringt sie mehr als drei Seiten am Stück bei einem Charakter, bevor es zum nächsten geht. Gepaart mit dem spitzen Ton, in dem der Roman geschrieben ist, entsteht ein voyeuristischer Sog, dem man sich nur schwer entziehen kann. Lohnenswert ist, dass manche Fährte sich hier als Finte entpuppt – und so Erwartungen unterläuft, ohne sie aber komplett umzukehren. Das liest sich amüsiert, angenehm spannend und flüssig. Wenn man dem Nachwort Glauben schenkt, könnten sich Lesende sogar auf eine Fortsetzung freuen.
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Kastanienallee ist bei Kremayr & Scheriau erschienen.
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