Allgemein,  Kritik,  Literatur

Ich habe Angst zu sehen: Eskalationsstufen von Barbara Rieger

Eskalationsstufen von Barbara RiegerJulia will eigentlich Künstlerin sein, unterrichtet aber Deutsch als Fremdsprache. Der Besuch einer Vernissage stellt ihr Leben dann auf den Kopf: Sie begegnet dem mäßig erfolgreichen Maler Joe. Obwohl sie in einer Beziehung ist, beginnt sie eine verhängnisvolle Affäre. Barbara Riegers Roman Eskalationsstufen ist strukturiert und benannt nach dem Stufenmodell von Jane Monckton Smith, das die Stufen beschreibt, die eine Beziehung bis zum Femizid durchläuft.

Julias Leben scheint schal zu werden: Ihr Partner Daniel, in dessen Wohnung sie lebt, ist ein erfolgreicher Consultant, der zwischen Wien und Düsseldorf pendelt. Die Beziehung ist also in erster Linie durch Distanz gekennzeichnet und scheint Julia nicht zu erfüllen. Auch beruflich geht es ihr ähnlich: Sie lehrt Deutsch als Fremdsprache, möchte sich aber lieber der Kunst widmen. Ein kleiner Erfolg: Eine ihrer Baum-Zeichnungen wird im Bezirksmuseum ausgestellt. Der Künstler Joe ist auch anwesend, findet Gefallen am Bild und beginnt, sie zu umwerben.

Julia lässt sich um den Finger wickeln. Ihre Beziehung zu Daniel eine reine Formalität, die irgendwann abgewickelt sein wird. Joe nimmt sie ein, sie lässt sich einnehmen. Obwohl Julia eine Erzählerin ist, die mit sprachlicher Akribie alles festzuhalten sucht, formt die Sprache sich zu stakkatohaften Rhythmen, in die sich ein Leser erst einmal einfinden muss. Ihre Erzählung, ihr eigentümlicher Rhythmus, wirkt etwas abgeschnitten von der Welt, die sie zu beschreiben versucht. Als wolle Julia nicht zu viel Platz einnehmen. Das spiegelt sich auch in ihrer Wohnsituation: Ihre Umzugskisten hat sie in Daniels Wohnung nie ausgeräumt. Und als es zum Bruch kommt, verhält es sich mit dem überstürzten Einzug bei Joe ähnlich.

Ein leicht taubes Gefühl des Abgeschnittenseins: Womöglich äußerst sich hier eine kindliche Traumatisierung: Julia hatte einen Vater, der nicht wollte; eine Mutter, die nicht konnte und sie den Großeltern übergab. Dort wurde der Großvater ihr Bezugspunkt, ein Künstler im Herzen, aber ein Bauer im Leben. Und nun, nach einem Schlaganfall, droht auch dieser wichtige familiäre Bezugspunkt zu verschwinden. Es ist auch diese ungünstige Konstellation, die in der Beziehung zu Joe mündet, der zum Dreh- und Angelpunkt ihres Daseins mutiert.

Julias Umfeld ist skeptisch: Dieser Joe hat Bilder von ermordeten Frauen gemalt. Joes eigene Frau ist einst spurlos verschwunden. Julias wenige Freundinnen finden das gruselig, Julia findet es faszinierend – wenngleich es sie auch verunsichert. Doch Joes Ermutigungen ihrer Kunst nehmen ihr diese Verunsicherungen, machen sie aber auch abhängig von seinem Zuspruch und seiner Leidenschaft, die bald gewalttätige Züge annimmt.

In ihrer Arbeit als Deutschlehrerin hat sie Erfahrungen mit häuslicher Gewalt. Eine ihrer Schülerinnen, Fatima, wird von ihrem Mann geschlagen. Julia ist betroffen, aber vielleicht nicht betroffen genug. Sie ist zu sehr gefangen von ihrem eigenen Leben – dem sterbenden Großvater, der zerbrochenen Beziehung zu Daniel, ihrer Affäre zu Joe und das Versprechen zur Kunst. Eine Parallele zwischen der Gewalt Fatimas Mannes und der von Joe offenbart sich dem Leser: Fatimas Mann ist Arzt, der in Österreich nicht praktizieren kann. Joes Kunst, seine verstörenden Bilder toter Frauen, findet keinen Anklang. Beruflicher Frust als Erklärung für Gewalt? Ein vorgeschobener Grund? Sehenden Auges und doch blind begibt sich Julia in weitere Gefahr, als die Pandemie ausbricht und Joe sie mit in die einsame Waldhütte nimmt, aus der einst dessen Frau spurlos verschwunden ist…

Eskalationsstufen zeigt lieber, als nach Erklärungen zu suchen. Und so ist sich der Leser damit überlassen, selbst die Handlungsmotivationen der Figuren zu finden. Die Beschädigungen der Vergangenheit bieten Erklärungsansätze und doch bleibt so manche Entscheidung rätselhaft – und so überträgt sich die Ohnmacht, mit der sich Julia immer tiefer in die Fänge ihres Liebhabers begibt, auf den Leser. Kein einfaches Buch.

*

Eskalationsstufen ist bei Kremyr & Scheriau erschienen.

Dieser Blog ist frei von Werbung und Trackern. Wenn dir das und der Inhalt gefallen, kannst du mir hier gern einen Kaffee spendieren: Kaffee ausgeben.