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Die 3 Bücher des Jahres 2023

Die 3 Bücher des Jahres 2023Es zeichnet sich ein Trend ab: Wie schon im Vorjahr beschäftigen sich viele literarische Werke mit ökologischen Fragen. Ob Ein heißes Jahr von Philippe Djian oder Eva von Verena Kessler in diesem Jahr oder die weiterhin unerreichte Joy Williams mit Harrow im vorherigen Jahr: We are fucked, scheinen uns diese Autoren im Hinblick auf das Klima zu sagen. Weitere drängende Themen auf dem Papier (oder Reader) sind Arbeit sowie Regionalität. Es folgt der literarische Jahresrückblick mit den meines Erachtens besten Büchern 2023.

Weg aus der Stadt, hin zur Natur, solange sie noch existiert: So oder so ähnlich könnte man das Gros der Bücher zusammenfassen, die ich in diesem Jahr gelesen und rezensiert habe. Ob Hinter der Hecke die Welt von Gianna Molinari oder Nincshof: Kleine Ortschaften spielen oft die Hauptrolle. Selbst der in Berlin spielende Text Unsere Stimmen bei Nacht von Franziska Fischer kann mit Urbanität nichts anfangen und verliert sich in einem alternativen Traum von Schöner Wohnen. In Eva denkt eine Lehrerin laut darüber nach, ob man vielleicht besser keine Kinder mehr bekommen solle. Philippe Djians Ein heißes Jahr beschreibt die aus den Fugen geratene Welt im Jahr 2030 – als Rückzugsort dient die zu trockene oder überschwemmte Natur wohl hier nicht mehr. Aber ohne weitere Vorrede die Longlist des Jahres mit allesamt lesenswerten, uneingeschränkt empfehlenswerter Bücher:

Die Top 3 Bücher des Jahres 2023

Open Throat von Henry Hoke

Open Throat von Henry HoakeKein Roman hat mich in diesem Jahr so berührt wie Henry Hokes Open Throat, einem kurzen Roman über einen in den Hügeln von Los Angeles gestrandeten Puma. Thematisch könnte dieser Text ob seines tierischen Erzählers in Klischees kippen. Die Gefahr von Peinlichkeiten ist groß – und in Hokes talentierten Hände absolut nicht zu finden. Denn er reduziert die Sprache angemessen und schält gerade dadurch eine existentialistische Poesie, die nur dieser verhungernde Berglöwe schnurren kann. Open Throat ist ein wunderbarer Text über Einsamkeit, unser Verhältnis zur Natur und ein originelles Portrait von Los Angeles.

Das damalige Fazit: So aufregend, originell und inspiriert kann Erzählliteratur 2023 sein.

Wovon wir leben von Birgit Birnbacher

Kaum noch Luft: Wovon wir leben von Birgit BirnbacherArbeit nervt. Zumindest manchmal. Es ist aber nicht ganz so, wie es Deichkind in ihrem Gassenhauer postulieren. Denn Arbeit ist ein sozial integratives, sinnstiftendes Element moderner Gesellschaften. Ohne Arbeit keine Freizeit heißt es an einer Stelle sinngemäß in Wovon wir leben: Die Zeit zerfällt ohne eine sinnvolle Tätigkeit. Birnbachers Protagonistin steigt jedenfalls aus dem Gesundheitswesen aus, weil sie dort nicht mehr Mensch sein konnte und sich die Arbeit in ökonomischen Zwängen verlor. Sie fährt zurück in das Bergdorf, aus dem sie kommt und wo ihr schweigsamer, emotionsloser Vater noch lebt. Die Mutter ist zwischenzeitlich verschwunden. Nebenan schreit eine Ziege. Und da ist ein Städter, der sich nach einem Herzinfarkt im Dorf erholt – und aktuell von einem bedingungslosen Grundeinkommen lebt. Es ist ein angenehm reduziert erzählter, überzeugender Text über Arbeit und Neuanfänge.

Das damalige Fazit: Ein Glanzstück des noch jungen Jahres.

Was der Tag bringt von David Schalko

Ein Mann löst sich auf: Was der Tag bringt von David SchalkoSchalkos Protagonist ist pleite und muss seine Eigentumswohnung vermieten, um über die Runden zu kommen. An acht Tagen im Monat wird sein Zuhause zur Airbnb-Unterkunft. Aber wo kommt er unter? Erst einmal bei Freunden. Später macht er einen absurden Roadtrip. Sein Leben löst sich dabei immer weiter auf: Die eigene Wohnung wird ihm fremd und es wird ihm deutlich, wie wenig er eigentlich sozial integriert ist. Keine Arbeit, kein Zuhause, nur ein paar bestenfalls semi-gute Freunde: Was bleibt von einem? Wie soll man Sinn finden?

Am Ende patrouillierte er durch die Räume. Keine Spur von ihm selbst. Als ob hier niemand wohnte.

Das damalige Fazit: Ein kluger Roman, der es wagt, in die Leere unseres Selbst zu blicken.

 

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