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Ein Puma in Hollywood: Open Throat von Henry Hoke

Open Throat von Henry HoakeOpen Throat ist zwar nicht das Debüt des jungen Amerikaners Henry Hoke, aber die erste Veröffentlichung mit nennenswerter Distribution. Deutschsprachige Verleger sollten sich um die Rechte an dem Roman reißen, er ist nicht weniger als eine literarische Sensation: Erzählt aus der Perspektive eines Pumas, der in den Hügeln unter dem berühmten Hollywood-Schriftzug gestrandet ist, entfaltet sich ein fesselndes Portrait der Stadt und eines unstillbaren Hungers.

Der Beobachter im Gebüsch: Henry Hokes Großkatze lebt im Verborgenen, ist auf der Hut, ist hungrig und durstig und verloren. Geboren irgendwo im Hinterland musste sich der Puma eines Tages ein neues Revier suchen und fand hinter dem “long death”, einer Schnellstraße, in der Halbnatur der Hügel Hollywoods eine ausweglose Heimat. Mal aus der Frosch-, mal aus der Vogelperspektive blick er dabei auf Menschen, die der endlosen Stadt L.A. – in der lautmalerischen Sprache des Berglöwen allay – für einen Spaziergang entfliehen und das Raubtier zu ihren Füßen oder über ihren Köpfen schlicht übersehen, weil sie zu beschäftigt damit sind, sich über ihre Therapeuten zu unterhalten oder auf ihre Smartphones zu glotzen. Hin und wieder streift er durch eine Zeltsiedlung der zahlreichen Obdachlosen der Stadt, um nach Wasser und Nahrung zu suchen. (Nicht zufällig betrachtet der Puma diese Außenseiter am Rande der Gesellschaft als seine Leute.) Nur die Hunde bemerken ihn. Hin und wieder gerät ihm ein Nagetier oder auch ein Kojote zwischen die Kiefer. Vor Menschen hält er sich versteckt – auch wenn die Verlockung des Hungers groß ist.

Die prekäre Lage verschärft sich, als ein Wanderer die Zeltstadt der Obdachlosen in Brand steckt und sich ein Waldbrand entwickelt. Der Puma muss vor den Flammen tiefer in die Wohngebiete der Stadt fliehen, wo er nicht nur von den Augen einer seltsam gestreiften Großkatze entdeckt wird.

I feel more like a person than ever because I’m starting to hate myself (115).

Hoke findet einen sprachlichen Zugang zu dem Wesen des Tieres durch kurze, parataktische Sätzen ohne Interpunktion in angemessen einfach gehaltenem Vokabular, das der Puma durch seine Beobachtungen mit zum Teil mit komischen Effekt in seine Gedankensprache integriert. Open Throat ist ist ein kurzer Roman über viele Dinge: Es ist ein Portrait über L.A. als (geografischer) Endpunkt westlicher Zivilisation, dem zwiespältigen Verhältnis zwischen Mensch und Natur sowie über Sichtbarkeit: Open Throat ist eine Art Outsider-Roman über ein Wesen inmitten und doch außerhalb der Gesellschaft. Eine queere Lesart bietet sich also geradezu an: Das Gefühl, fehl am Platz zu sein, die Sehnsucht nach Verbindung, die Angst davor, entdeckt und missverstanden zu werden, sind omnipräsent. Und so schafft es Hoke ausgerechnet in Form eines Pumas den vielleicht menschlichsten Erzähler des Jahres zu finden.

Mit Open Throat gelingt Henry Hoke ein berührender, melancholischer, zugänglicher und doch hoch literarischer Text, der ohne Beispiel ist. So aufregend, originell und inspiriert kann Erzählliteratur 2023 sein.

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Open Throat ist bei Picador erschienen. Eine deutsche Übersetzung liegt noch nicht vor.

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