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Furcht und Sehnsucht: Filthy Animals von Brandon Taylor

Filthy Animals von Brandon TaylorBrandon Taylors Kurzgeschichtenband Filthy Animals ist weniger wild, als es der Titel andeutet. Die teilweise miteinander verzweigten Geschichten spielen im kühlen Midwesten der USA und zeigen in kristallklarer, ruhiger Sprache überwiegend Menschen in ihren 20ern, deren Sehnsüchte ins Leere zu laufen scheinen. Eine große Unverbundenheit eint die Protagonisten dieser elf Erzählungen.

Gut die Hälfte der Texte in Filthy Animals begleiten das Dreiergespann Lyonel, Charles und Sophie. Während letztgenannte zwei Tänzer in einer offenen Beziehung sind, gabeln sie Lyonel im Eröffnungstext “Potluck” bei einer kleinen Party auf. Lyonel ist nach einem Selbstmordversuch auf dem Abstellgleis auf seiner einst vielversprechenden universitären Laufbahn gelandet. Zwischen ihm und Charles knistert es, doch Lyonel ist verunsichert ob der schwer zu durchschauenden Verbindung zwischen Charles und Sophie. Das Katz und Maus Spiel der Drei zieht sich –  mit alternierender Fokalisierung – durch den gesamten Erzählband, ohne dass es Bekenntnisse irgendwelcher Art gibt.

So gut wie alles in Filthy Animals bleibt vage. Die Protagonisten leben etwas ziellos vor sich hin oder sind von Selbstzweifeln geplagt. Ihre Begehren zwischenmenschlicher Natur bleiben oft unausgesprochen und unerwidert. Während Lyonel weder beruflich noch privat so richtig weiß, wo seine Reise hinführen wird, hat Charles Sorgen um seine Karriere als Tänzer – sein Knie scheint aufzugeben. Doch was ist er ohne Tanz? Hat die Dreiecksgeschichte mit Lyonel und Sophie irgendeine Perspektive, die nicht auf Enttäuschungen und gebrochene Herzen hinausläuft? Der Ausblick ist pessimistisch: “When he could see himself, really see himself, he didn’t like what he saw” (63). Noch undurchsichtiger ist Sophie, die sich vordergründig offen und forsch gibt, im Leben aber schon viel verloren hat.

Eine der berührendsten Geschichten in Filthy Animals spielt ebenso im Dunstkreis der Tänzer. “Mass” öffnet mit einem Besuch beim Arzt. Bei Alek wird eine kleine Wucherung entdeckt, eine Biopsie soll Licht ins Dunkel bringen. Die Unsicherheit ob seiner Gesundheit schickt den jungen Mann zurück in die Kindheit, in der er von seinen älteren, schroffen Brüdern Ablehnung erfahren hat. Man hat heute kaum Kontakt, aber die beiden arbeiten als Ärzte – bringt die potenzielle Tragödie die Familie wieder zusammen? In diesen Geschichten passiert auf Handlungsebene oft wenig, die Bewegung findet in den Protagonisten statt. Es sind kleine Nuancen, die sich bewegen, Einsichten, die selten hoffnungsvoll sind. Immer und immer wieder lässt Brandon Taylor dabei Referenzen auf das Tierische in seinen Figuren einfließen, die, äußerlich fast taub, in einem inneren Käfig Achten laufen.

Filthy Animals ist unter seiner ruhigen, aber schonungslosen Oberfläche ein unbequemes, unheimlich souverän erzähltes Buch.

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Eine deutsche Übersetzung von Filthy Animals liegt noch nicht vor.

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