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Liebe, gegenwärtig: Allegro Pastell von Leif Randt

Allegro PastellLeif Randt hat mit Allegro Pastell ein hervorragendes Buch über die Liebe zwischen Millennials geschrieben, das mit viel Eleganz, aber am Puls der Zeit und ohne jeden Kitsch geschrieben ist. Damit ist Allegro Pastell sogar auf der Shortlist des Preises der Leipziger Buchmesse gelandet. Gewonnen hat er ihn dann leider nicht – verdient hätte er es aber. Wenn man heute über Liebe schreibt, dann doch bitte so.

Ich gebe zu: Auf Seite zwei musste ich kurz mit den Augen rollen: Schlendert Jerome da doch tatsächlich mit seinem Girlfriend Tanja durch die Stadt. Girlfriend. Oh weh – wird das ein Roman zum Fremdschämen, voller Anglizismen und Hashtags, auf hip getrimmt und am Ende hochnotpeinlich? Absolut nicht. Denn Jerome and Tanja reden nun einmal so. Tatsächlich ist wie dieser Roman erzählt ist,- in E-Mails, Textnachrichten, Voicemails und klassischen Erzählpassagen – dessen große Stärke. Es ist bewundernswert, dass dieser Text keine Nähte hat. Ohne zu stolpern springt Randt zwischen Gegenwart und Vergangenheit, Textnachrichten und Gesprächen, der Handlung und den Ideen seiner Protagonisten hin und her. Besonders die Verknüpfung von analoger und digitaler Welt habe ich in der deutschsprachigen Literatur noch nie so bruchlos flüssig und glaubhaft gelesen – da schlucke ich gerne jeden Anglizismus mit einem Zungenschnalzen.

Es ist jedoch nicht nur das Wie, durch das ich einen ernsthaften Crush für Allegro Pastell entwickelt habe. Zur Handlung: Jerome ist Mitte Dreißig und arbeitet als selbstständiger Webdesigner in einem Frankfurter Vorort. Er wohnt im Haus der Eltern, die nach der Scheidung nach Lissabon respektive Frankfurt zogen. Tanja wohnt in Berlin, wird demnächst Dreißig und hat vor etwas mehr als drei Jahren einen mit Begeisterung empfangenen Roman geschrieben. Sie begegnen sich in Frankfurt, als Tanja dort eine vierteilige Webserie ihres Romans vorstellt. Für den Beginn einer Beziehung eher ungewöhnlich, entwickelt sich ein One Night Stand: “Der Sex im erstaunlich stickigen Zimmer war nicht besonders gut, aber es war spürbar, dass er einmal gut werden könnte, er trug ein Versprechen in sich” (19-20).

Beide haben trotz des Versprechens erst einmal nicht vor, zusammenzuziehen. Sie treffen sich abwechselnd für ausgedehnte Wochenenden in Frankfurt oder Berlin, schreiben sich Textnachrichten und E-Mails, sind ständig in Kontakt, begleiten sich so auch aus der Ferne in ihrem Alltag. Es hat geklickt zwischen beiden, sie leben moderne, unabhängige Leben, wünschen sich beide keine Kinder. Doch die Unverbindlichkeit kommt nicht ohne Widersprüche: “Dass man vorher schon einmal verliebt gewesen war, dass man schon früher begehrt hatte und weiterhin begehre, hatte beide eifersüchtig gemacht” (109).

Allegro Pastell erzählt davon, wie sich Jerome und Tanja immer wieder neu aneinander gewöhnen sowie dem Austausch von Ideen und Sichtweisen, die eine intensive Begegnung mit sich bringt. Ohnehin: Allegro Pastell ist sowohl ein Liebesroman als auch ein Ideenroman, der mich streckenweise an Don DeLillo erinnerte. Klar verhandelt er die Fragen, die sich zwangsläufig aufdrängen, wenn zwei Menschen nicht voneinander lassen können: Wann ist es wirklich ernst? Wie kann man das Gefühl der wattigen Zuneigung am Leben erhalten, ohne dass es einem die Kehle zuschnürt? Und wie verbindlich kann eine Liebe überhaupt sein, wenn man eigentlich lieber unverbindlich lebt, alle Möglichkeiten ausschöpfen will?

Doch gleichzeitig fängt der Roman das Lebensgefühl dieser selbstständig arbeitenden, urbanen Menschen ein und präsentiert als Beifang jede Menge interessante Ideen, die beiden Protagonisten durch den Kopf schwirren, wie dieses Bonmot:

Jerome schätzte es, wenn Menschen in der Lage waren, Wehmut zu entwickeln. Nostalgie bewertete er deutlich kritischer. Jerome glaubte, das Wehmut als politisch links und Nostalgie als politisch rechts einzustufen war. Im Aufkommen von Wehmut erkannte er ein Eingeständnis von Schwäche und Schutzbedürftigkeit, während Nostalgie die selbstgerechte und zumeist stolze Glorifizierung einer Vergangenheit war, die es nie gegeben hatte (46-47).

Dabei gelingt es Randt wunderbar, Umständen Worte zuzuweisen, die schwer zu benennen sind und macht dies scheinbar mühelos. Mit  “vorauseilende Wehmut” beschreibt er beispielsweise, wie sich “eine allgemeine Traurigkeit über das Verstreichen der Zeit […] mit einer warmen Euphorie [mischt], die sich vom Magen her hinauf in seinen Brustkorb ausbreitete” (77). Auch Jeromes Idee von einer Gesellschaft, in der alle nur drei Tage die Woche ihren Primärberuf ausüben, damit sie entweder vier Tage Wochenende haben oder die Zeit nutzen, andere Berufe auszuüben (in seinem Fall wohl Landschaftsgärtnerei) ist nicht nur interessant, sondern in der Zeit von Corona, Kurzarbeit und Fachkräftemangel hochaktuell.

Seinen narrativen Sog entwickelt Allegro Pastell gleichwohl aus der Frage, ob Jerome und Tanja ein Happy End beschert sein wird. Aller Chemie zum Trotz hat es die Liebe auch hier natürlich nicht leicht. Zu Tanjas dreißigsten Geburtstag wird ihr die sich entwickelnde Beziehung wohl zu viel – sie kollidiert mit anderen Möglichkeiten. Währenddessen begegnet auch Jerome in Person einer Kindergartenliebe einer weiteren Möglichkeit eines Lebens. Man fiebert richtig mit und je mehr Seiten man gelesen hat, desto stärker breitet sich das Gefühl vorauseilende Wehmut im Leser aus. Ein großartiger Text und – da lehne ich mich gern aus dem Fenster – der beste deutschsprachige Roman, den ich bisher auf diesen Seiten rezensiert habe.

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Allegro Pastell erschien bei Kiepenheuer & Witsch.