Allgemein,  Kritik,  Literatur

Letzte Männer: August von Callan Wink

Callan Wink AugustCallan Winks Der letzte beste Ort ist einer der besten Erzählbände der letzten Jahre. Drei Jahre später entführt der Debütroman August den Leser wie bereits die Stories ins “Flyover country”, also jenen Regionen der USA, die man meistens nur von oben sieht, wenn man von New York nach Los Angeles fliegt. Tatsächlich ist August eine Weiterentwicklung einer seiner Stories aus Der letzte beste Ort, “Breatharians”. Im Roman entwickelt Wink die Geschichte der auseinanderfallenden Farmersfamilie weiter und begleitet den zwölfjährigen August bis ins junge Erwachsenenalter, von Michigan in die Rocky Mountains von Montana.

August ist eine klassische, in die drei Bewegungen aus Auszug, Erfahrung in der Fremde und Rückkehr gegliederte Coming-of-Age Geschichte. Die ersten Seiten stellen eine expandierte Fassung der Kurzgeschichte “Breatharians” dar: August wird auf einer Farm groß, auf der ein altes und neues Haus stehen. Das alte Haus wurde von seinen Großeltern mütterlicherseits gebaut, das neue von seinem Vater, der die Farm als Milchbauer fortführt. In diesem neuen Haus wohnt auch Lisa, die während der Schulzeit bei Augusts Vater anheuerte und als Geliebte geblieben ist. Die Situation ist also angespannt, August lebt zwischen den beiden Häusern. Die räumliche Trennung zwischen Mutter und Vater zieht sich auch als schwer zu überwindende Distanz zwischen Männern und Frauen durch den gesamten Text. Geschlecht und vor allem Vorstellungen von Männlichkeit spielen eine große Rolle in August, wobei Callan Wink mit seiner Erzählung zu sehr in der männlichen Perspektive verhaftet bleibt, um verschiedene Positionen wirklich miteinander zu verhandeln. Ohnehin: Wortkarg und schroff wie die Rockies bleibt August am liebsten für sich, bedeutungsvolle Begegnungen mit dem anderen Geschlecht sind entsprechend rar und dann nicht selten problematisch.

Adulthood meant he wouldn’t have to suffer anyone else’s company unless he chose to (85).

Callan Wink verzichtet auf einen stringenten Plot, der den Text dramaturgisch strafft und vorwärts zu einer Auflösung treibt. Der Autor erzählt von den verschiedenen Lebensstationen seines Protagonisten, manche Jahre werden in nur wenigen Seiten abgehandelt, andere Episoden nehmen mehr Raum ein. Die erste davon kennt man bereits aus “Breatharians”: Als Zwölfjähriger wird August von seinem Vater gebeten, den Heuschober von sich ungestört vermehrenden Katzen zu befreien. Pro Katzenschwanz soll er einen Dollar bekommen – ein Auftrag, den er geflissentlich erfüllt. Seiner Mutter ist Augusts Involvierung in das Farmgeschehen ein Dorn im Auge – sie möchte ihn für andere Erfahrungen öffnen. Als es schließlich zur Scheidung kommt, verlassen Mutter und Sohn die Farm und ziehen schließlich nach Montana, wo die Mutter eine Anstellung als Bibliothekarin findet. August spielt im Football Team seiner High School, bleibt aber unter sich. Dem Nachbarn hilft er in der Freizeit bei der Renovierung seines Hauses. Dessen Freundin wird die beste Freundin seiner Mutter – und irgendwann Augusts erste Liebe (allerdings erst nachdem diese den Nachbarn verlassen hat, um einige Zeit beim Friedenskorps in Afrika zu arbeiten). Charakteristisch für den Text sind Männergespräche, wie mit seinem Vater, dem verlassenen Nachbarn und später, als er sich gegen den Willen seiner Mutter stellt und die Arbeit auf einer Rinderfarm dem College vorzieht, mit seinem Vorgesetzten. Es sind also Männer, die ihm einige Jahre voraus haben und ihn über Männer und Frauen aufklären wollen.

Gemessen an den Orten, an denen der Roman spielt, ist August bevölkert von “men’s men”. Frauen sind das Gegenüber. Augusts Vater erklärt ihm beispielsweise Folgendes:

Would  it make sense to you if I said that I think the best part of a man lives in a woman? Or, maybe, the best part of a man lies in the ideas his woman has about him, what he could be or how he might act if only she could get him to realize his best self. A good woman might be a man’s only hope for salvation on earth. Get me?” (43-44).

Das sind in der heutigen Zeit durchaus problematische Vorstellungen. Die Frau ist die Erlöserin, die dem Mann dabei helfen kann, sein bestes Selbst zu werden. Die Männer in den ländlichen, durch harte Arbeit geprägten Milieus, die der Roman abbildet, sind von der kernigen Art und wie im klassischen Western kommt der Frau Bedeutung als zivilisatorische Kraft zu. Eine eher undankbare Aufgabe, denn eigentlich nervt der ganze Weiberkram diese Typen in der Regel. Es ist auch eine Welt, in der diese Art von Männern von den Frauen abgehängt werden. Augusts Vater wird von seiner intellektuellen Frau verlassen und heiratet später einen Universitätsprofessor. Augusts zeitweiliger Schwarm geht an eine Elite-Uni an der Ostküste. An die Frage des Geschlechts wird hier auch die Frage nach Bildung gehangen – die Frauen in August sind intellektuell. Die landwirtschaftlich arbeitenden Männer begreifen sich als bedrohte Art. Wieder Augusts Vater:

Let me put it real simple: Men will ruin the world. Women can save the world, but they’ll ruin men in the process. Get me? (191).

August reagiert auf die Einsichten seines Vaters in der Regel mit einem Schulterzucken. Er sitzt zwischen den Stühlen, ergreift nicht Partei für die eine  oder andere Seite – er ist ohnehin besser für sich. Ein echter Cowboy eben, der sich lieber in einer kleinen Farm schindet als ans College zu gehen.

August ist ein hervorragend geschriebener Text mit einem tollen Gespür für die Orte, zu denen er den Leser mitnimmt. Je weiter man sich seinem Ende nähert, desto mehr stellt sich ein Gefühl vorauseilender Wehmut ein, diesen jungen Mann, die man sie so recht greifen kann, wieder zu verlassen. Dennoch ist August kein vollends überzeugender Roman geworden: Callan Wink, der selbst in Montana lebt und sich von literarischen Zirkeln lieber fernhält, hat zweifelsfrei einen Platz in seinem Herzen für diese bedrohte Form von Männlichkeit, wenngleich er ein Bewusstsein dafür hat, dass sie der Gesellschaft eher abträglich ist, “die Welt ruiniert”. Doch abgesehen von Augusts Mutter fehlt den Frauen in diesem Text eine Stimme, um hier für Balance zu sorgen. Viele Nebencharaktere driften durch den Text, ohne Kontur zu gewinnen. Selbst August bleibt, gemessen an der Tatsache, dass er Protagonist dieser Erzählung ist, seltsam enigmatisch. Hier wäre mehr möglich gewesen.

*

August ist bei Random House erschienen. Eine deutsche Übersetzung liegt noch nicht vor.