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Irgendwas bleibt: Nach Mattias von Peter Zantingh

Nach Mattias von Peter ZantinghPeter Zantingh stellt seinem Roman Nach Mattias ein Zitat von Glen Hansard voran, in dem dieser sinngemäß schreibt, dass er hofft, dem Planeten mehr Gutes als Schlechtes zu hinterlassen. Genau um diese Frage dreht sich der episodenhafte Text dann auch: Acht Menschen erzählen aus ihrem Leben, nachdem ein junger Mann namens Mattias gestorben ist. Welchen Fußabdruck er in diesen Existenzen hinterlassen hat, ist mal mehr, mal weniger deutlich.

Mitunter am deutlichsten sind die Spuren, die Mattias in seiner Partnerin Amber hinterlassen hat. Sie hat das erste und letzte Wort in diesem Text, der dadurch, dass er von acht verschiedenen Personen erzählt wird, die miteinander zum Teil nicht bekannt sind, stellenweise an einen Erzählband erinnert. Mit Der Sprung erschien ebenfalls bei Diogenes vor Kurzem bereits ein ähnlich strukturierter Text, wenngleich die Protagonisten in in diesem Roman öfter zu Wort kamen und sich deren Wege auch stärker kreuzten, sie ein engeres Geflecht bildeten. Die einzelnen Kapitel in Nach Mattias wirken im Vergleich dazu beinah voneinander losgelöst und wie in sich abgeschlossene Erzählungen. Diesen Eindruck hat man vor allem in späteren Kapiteln.

Als wir Amber begegnen, ist der Schock des Verlustes von Mattias noch frisch: Sie erzählt davon, wie kurz nach seinem Tod sein neues Fahrrad geliefert wird oder sie ein Buch findet, dass er zur Zeit seines Ablebens las. Sie erzählt auch davon, wie sie eines Tages unverhofft seinem besten Freund Quentin über den Weg läuft, der dann gleich im folgenden Kapitel zu Wort kommt.

In diesen beiden ersten Kapiteln fließt der Text sehr organisch und als Leser entwickelt sich stückchenweise ein Bild von Mattias und der Lücke, die er im Leben jener, die ihm nahe standen, hinterlässt: Mattias war ein Mann voller Ideen, der aber Schwierigkeiten hatte, diese zuende zu bringen; ein lebensfroher Mensch, der gelegentlich über seinen eigenen Tatendrang stolperte.

Im weiteren Verlauf von Nach Mattias muss man unweigerlich an den Schmetterlingseffekt denken. Die Protagonisten erzählen nicht nur über Mattias, sondern überwiegend über ihr Leben. So erfahren wir beispielsweise, dass Quentin ein leidenschaftlicher Läufer ist und den Sport während seiner Stationierung in Afghanistan aufnahm. In einem späteren Kapitel kommt dann ein blinder Mann, Chris, zu Wort, den Quentin während des Laufens nach Matthias’ Tod begleitet. Chris findet also eine Freundschaft, die es ohne Mattias möglicherweise nie gegeben hätte, obwohl er diesem nie begegnete. Er ist nicht der Einzige in diesem Buch, der Mattias nie traf. Das macht unter anderem auch den Reiz des Textes aus: Die Suche nach Verbindungen, die sich zwischen zwei Unbekannten ergeben können. Es gibt dem Roman auch Abwechslung, schließlich taucht der Leser wieder und wieder in andere Lebenswelten ab. So gibt es Passagen, die dem einen sicher mehr zusagen werden als dem anderen. Das macht das Leseerlebnis allerdings auch etwas wechselhaft. Spannung zieht Nach Mattias des Weiteren aus der Frage, warum der junge Mann überhaupt so plötzlich aus dem Leben gerissen wurde.

Insgesamt ist Nach Mattias ein gelungener Text, wenngleich er sich aufgrund seiner Struktur etwas durchwachsen liest. Zantingh erinnert seine Leser, dass das Leben von heute auf morgen vorbei sein kann und man vielleicht nicht auf ein ungewisses “Später” warten sollte, um die Lebensbilanz positiv zu gestalten. Das ist natürlich ein Gedanke, der nah am Geist unserer Zeit ist. Es reicht schon der Blick aufs Thermostat: Das dem Text vorangestellte Hansard-Zitat schließt dann auch mit den Worten “We sin against the earth by being alive”.

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Nach Mattias ist bei Diogenes erschienen.