Ostdeutsche Malerei und Skulptur 1949–1990 im Albertinum

Ostdeutsche Malerei und Skulptur 1949–1990 im AlbertinumBilderrausch: Im Rahmen der Reihe “Focus Albertinum” haben die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden ihr Archiv geöffnet und eine Sonderausstellung rund um Malereien und Skulpturen der DDR zusammengestellt. Es ist eine ungeahnt vielseitige Präsentation aus kaum bekannten Werken von größtenteils weniger geläufigen Künstlern, die überrascht und begeistert. Ein Glücksfall. Und lange überfällig.

Der neue Eigentümer von Hermann Bruse
Der neue Eigentümer von Hermann Bruse

Wenn ich an Kunst in der DDR denke, sehe ich vor meinem inneren Auge Werke im Stil des Sozialistischen Realismus. Doch wer Ostdeutsche Malerei und Skulptur 1949–1990 besucht, wird alles andere als mit einer durch und durch ideologisierten stilistischen Einöde konfrontiert. Im Gegenteil: Eine derartige Bandbreite an Stilen sieht man in thematisch organisierten Sonderausstellungen selten. Und es ist schön, dass man sie überhaupt zu sehen bekommt: Viele dieser Werke schlummerten einen Dornröschenschlaf im Archiv der Kunstsammlungen, nur wenige der Werke waren in den vergangenen Jahren in Sonderausstellungen oder der Dauerausstellung des Albertinums zu sehen. Das mag vielleicht daran liegen, dass Namen wie Wieland Förster oder Bernard Heisig keine Publikumsmagneten sind, wie jene, die an den Wänden der Dauerausstellung hängen. Sicherlich spielt das Zurücklassen des DDR-Muffs eine Rolle – quasi als Akt der Abgrenzung und Umarmung des Westens. Bald 30 Jahre nach dem Mauerfall ist das lange Verstecken dieser Arbeiten aber auch ein deutliches Symptom anhaltender deutsch-deutscher Entfremdung. Der Blick zurück und eine Neubewertung der Werke ist längst überfällig. Die Ausstellung Ostdeutsche Malerei und Skulptur 1949–1990 ist somit auch dezidiert im Nachklang des 2017 entflammten Bilderstreits einzuordnen, dessen Gegenstand die Frage war, ob ostdeutsche Kunst nach der Wende nicht schlichtweg – eventuell zu unrecht – in den Depots entsorgt wurde.

Es ist eine berechtigte Frage, wenn man Ostdeutsche Malerei und Skulptur 1949–1990 besucht. Kunst in der DDR war eben nicht nur ideologisch verkrusteter Sozialistischer Realismus. Gleichwohl gehört diese Art der Kunst auch dazu. Verstecken muss man sie deswegen nicht.

Die Ausstellung ist nach dem Jahr des Ankaufs organisiert und nicht nach dem Jahr der Entstehung einzelner Werke. Dieser Ansatz verdeutlicht eine durchaus wechselhafte Ankaufspolitik und gibt zugleich Gelegenheit, wie im Begleitheft der Ausstellung zu lesen ist, “die kanonbildende Macht des Museums generell kritisch zu hinterfragen – nicht nur zu DDR-Zeiten”.

Ostdeutsche Malerei und Skulptur 1949–1990 im Albertinum
Wilhelm Lachnit – Der Tod von Dresden (1945)

Noch bevor man die Ausstellungsräume betritt, trifft der Besucher auf Bilder, in denen Künstler sich expressiv mit dem Horror des Krieges und der Bombardierung Dresdens auseinandersetzten. Bilder wie Der Tod von Dresden von Wilhelm Lachnit, entstanden um 1945, fanden beispielsweise erst 1957 in den Bestand des Albertinum, weil es seinerzeit als zu formalistisch auf Ablehnung stieß. In den ersten 20 Jahren nach dem Krieg wurde eine Einkaufspolitik verfolgt, in der experimentelle Ausdrucksweisen umstritten waren. Für Kunst um der Kunst Willen war vorerst kein Platz. Der Sozialistische Realismus galt als verpflichtend. Das Ziel war es, die Trennung zwischen Kunst und Leben aufzuheben, also Kunst zu fördern, die im Sinne einer marxistisch-leninistischen Gesellschaft war und von allen verstanden wurde. Entsprechend sind es Bilder wie Der neue Eigentümer von Hermann Bruse, die den Arbeiter als Fabrikinhaber darstellen oder Werke, die Demonstrationen und den Kampf gegen den Imperialismus abbilden, die in den ersten Jahren der DDR kanonisiert wurden.

Ostdeutsche Malerei und Skulptur 1949–1990 im Albertinum
Thea Richter – Sitzende (1988), im Hintergrund Werke von Hartwig Ebersbach

Diese vermeintliche stilistische Eintönigkeit wurde schon in den 1970er Jahren mehr und mehr überwunden. Dem Besucher bietet sich eine berauschende Vielfalt, in der auch abstrakte, konkrete und neo-expressionistische Arbeiten von Künstlern wie Wolfgang Mattheuer zu sehen sind. Besonders Werke aus den 1980er Jahren wie die Skulptur Sitzende von Thea Richter deuten auf eine Desillusionierung und ein nahendes Ende der DDR hin.

Ostdeutsche Malerei und Skulptur 1949–1990 Albertinum
Konkrete Kunst von Karl-Heinz Adler

Wer die Ausstellungsräume verlässt, findet weitere Arbeiten von Künstlern aus der ehemaligen DDR, die es seinerzeit nicht in den Bestand der Staatlichen Kunstsammlungen geschafft haben, wie die Konkrete Kunst von Karl-Heinz Adler, dem man erst im letzten Jahr eine temporäre Ausstellung in den Räumen der Dauerausstellung widmete. Diese Werke werden als Erwerbungswunsch präsentiert – ein Zeichen dafür, dass die Arbeiten dieser Künstler in Zukunft wieder öfter ausgestellt werden könnten. Dabei setzt das Albertinum auch auf die Partizipation der Besucher: In den Ausstellungsräumen liegen Zettel aus, auf denen diese ihre Wünsche darüber äußern können, welches der präsentierten Werke in Zukunft dauerhaft zu sehen soll. Gemessen an der Vielfalt und Qualität der gezeigten Arbeiten, eine wahrlich schwere Entscheidung. Aufregendere Bilder als ein paar realistisch gemalte, eingelegte Pfirsiche von Monet, die dank des Namens scheinbar unbewegbar in der Dauerausstellung langweilen, sind allemal dabei.

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Ostdeutsche Malerei und Skulptur 1949–1990 ist noch bis zum 07.01.2019 im Albertinum zu sehen.

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