Christopher Wilson – Guten Morgen, Genosse Elefant

Christopher Wilson - Guten Morgen, Genosse ElefantDer zwölfjährige Juri hat einen der gefährlichsten Jobs der Welt: Unverhofft wird er zum Vorkoster Josef Stalins. So zusammengefasst, liegt es durchaus nahe, dass es sich bei Guten Morgen, Genosse Elefant um eine zähe, schwere Kost handelt. Doch der Roman des britischen Autors Christopher Wilson erzählt mit einer guten Portion Humor von abscheulichen Männern aus der Perspektive eines furchtlosen wie unbedachten Kindes, der gerade deswegen lange nachwirkt.

Bei manchen Romanen braucht man zwanzig Seiten, bis man sich in ihnen einfindet – sofern es überhaupt gelingt. Christopher Wilson braucht genau drei Seiten, bis man als Leser einen Narren an dem zwölfjährigen Juri gefressen hat. Es ist ein Lehrstück, wie man in wenigen Absätzen einen dreidimensionalen Charakter entwirft. In einem redseligen Plauderton nimmt Juri den Erzähler mit in das sozialistische Russland Anfang der 1950er Jahre. Er entwirft ein Kindheitsidyll, nur um es ein paar Sätze später tragisch einzufärben. Juri ist der Sohn eines Veterinärs im Hauptstadtzoo. Beide leben in einer Personalwohnung “gleich gegenüber vom Seelöwenteich hinter der Bisonweide” (12). Er spielt gern Fußball, ist gut in Biologie und spielt Klavier.

Dabei ist es erstaunlich, dass er überhaupt am Leben ist. Als Sechsjähriger wurde Juri von einem Milchwagen angefahren und durch die Luft geschleudert, nur um von einer Straßenbahn überfahren zu werden:

Ich bin beschädigt. Aber nur mein Körper. Und der Verstand. Nicht die Seele, die ist stark und ungebrochen (12).

Einer seiner Arme ist verkümmert, er bekommt Anfälle und hat Probleme, die Bedeutung mancher Worte zu erfassen.Sein Gesicht ist aber auch von einem freundlichen Lächeln geprägt – mit großer Wirkung: Er hat “ein Gesicht, das jeden zu lieben scheint, der es anschaut” (15). Sein “mitfühlendes, weit offenes, lächelndes Gesicht” bringt ihm jedoch oft Ärger. Menschen schenken ihm leicht Vertrauen: “Ein Magnet zieht Eisenspäne an, ich Geständnisse” (17). In einer totalitären Diktatur, in der einem Menschen ein falsches Wort Jahre der Strafarbeit im Gulag einbringen kann und man am besten schon das Denken unterlässt, eine gefährliche Eigenschaft.

Juri spürt aufgrund seines Unfalls auch keine Furcht oder empfindet Hass. Der Junge geht erstaunlich unbeschwert durch das Leben, obwohl es ihm nichts als Zitronen an den Kopf wirft. Seine Wahrnehmung der Welt erscheint nicht mit deren bedrückender Realität synchronisiert. Wie will man unbeschwert bleiben, wenn im Flur immer zwei gepackte Koffer stehen und die Mutter spurlos verschwand, als man fünf Jahre alt war?

Die zwei gepackten Notfallkoffer sind vergebens, denn eines Abends wird Juris Vater in die wahre Höhle des Löwen gerufen. Da Stalin Anfang der 1950er Jahre massenweise Ärzte aufgrund einer herbeifantasierten Verschwörung verschleppen ließ, muss der Veterinär den schwächelnden Stählernden untersuchen. Dessen Diagnose missfällt jedoch. An dem assistierenden Jungen findet er allerdings Gefallen. Vielleicht sind es die verbindenden Gemeinsamkeiten: Auch Stalin war bekanntlich “beschädigt”, seit er als Junge von einer Kutsche angefahren wurde. Da dem Mächtigen einige Vorkoster “abhanden” gekommen sind, wird dies Juris neue Aufgabe sein. Er bleibt bei Stalin – es bleibt ihm nichts anderes übrig – und ist ihm in dessen letzten Lebenswochen so nah wie niemand sonst.

Das weckt Begehrlichkeiten. Die Datscha, in der der Roman spielt, ist eine wahre Schlangengrube. Die anderen Minister des russischen Großreichs gehen hier ein und aus, veranstalten üppige Sauf- und Fressgelage (natürlich gibt es auch Bananen in der Datscha), schauen amerikanische Filme (natürlich zu Bildungszwecken) und bespitzeln sich gegenseitig. So trägt Stalin seinem neuen Vorkoster auf, ihm alles zu berichten, was dessen Untergebene sich so erzählen. Kaum ist dieser nach der ersten Begegnung mit dem Wodsch auf dem Flur, wird er von Genosse Bruhah (reales Vorbild wohl Lawrenti Beria) abgepasst, der gleiches von ihm verlangt und dieser Forderung Nachdruck verlangt, indem er dem Jungen die Nase bricht. Der gutmütige, unerschrockene Juri findet sich inmitten von Ungeheuern wieder. Es ist eine beinah völlig entmenschlichte Umgebung, in der Juri nur auf wenig Wohlwollen hoffen kann.

Aufgrund seines Alters und seiner Vorgeschichte sieht und hört er zwar alles, versteht es aber nicht. Die Gefahr, in der er sich befindet, ist ihm kaum bewusst. Gleichzeitig isoliert ihn seine Naivität davor, sich korrumpieren zu lassen. Er muss lernen, an den richtigen Stellen den Mund zu halten, um zu überleben. Und dass Ideologie oft nur ein Vorwand machthungriger Menschen ist.

Trotz des Settings und der Thematik ist Guten Morgen, Genosse Elefant ein über weite Strecken erstaunlich vergnüglich zu lesender Roman, der seine Spannung daraus zieht, dass dem Leser die finsteren Gewitterwolken bewusst sind, die über dem armen Juri aufziehen. Christopher Wilson hat seinem Protagonisten eine Erzählstimme gegeben, die sofort gefangen nimmt. Und dieser Umstand lässt die Stiche, die unweigerlich kommen, nur tiefer ins Herz sinken. Guten Morgen, Genosse Elefant hat den Zauber, den ein Roman braucht, um seine Leser selbstvergessen in der Erzählwelt abtauchen zu lassen. Die Illusion ist fast perfekt. Wenn es etwas gibt, dass man Christopher Wilson ankreiden könnte, dann der Umstand, dass Juri für sein Alter und seine Krankenakte erstaunlich eloquent ist. Aber sei’s drum: Eine der stärksten Veröffentlichungen dieses Sommers.

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Guten Morgen, Genosse Elefant erschien 2017 im Original unter dem Titel The Zoo. Die deutsche Übersetzung von Bernhard Robben wird bei Kiepenheuer & Witsch verlegt.

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