Ein Täubchen fliegt durch toxische Luft: Am See von Bianca Bellová

Am See Bianca BellováBianca Bellová hat mit Am See einen kurzen, harten Entwicklungsroman geschrieben, der sich ein bisschen wie ein pechschwarzes Märchen liest. Im Mittelpunkt steht der Junge Nami, der in einem fiktiven Land in der ehemaligen Sowjetunion seine eigene Geschichte sucht, während er durch eine bedrückende Gegenwart wandelt.

Am See eröffnet mit einer scheinbaren Kindheitsidylle. Als Kleinkind sitzt Nami im Sommer mit seinen Großeltern, bei denen er ohne Eltern lebt, auf einer Decke am See. Eine junge Frau in einem roten Bikini ist auch da, fasziniert ihn. Schwimmen kann er noch nicht. “Schwimm, du Stör”, ruft der Großvater und schmeißt ihn ins Wasser. Der Junge versinkt in der Dunkelheit, doch sein Überlebensinstinkt bringt ihn zurück an die Wasseroberfläche. Diese Szene, in der eine Idylle plötzlich zerfällt, wird bereits von der knappen Sprache der Autorin unterlaufen und steht symbolisch für das Leben Namis, dem selten mehr als das nackte (Über-)Leben bleibt. Er lebt in einem nicht näher benannten, unter russischem Einfluss stehenden Land. Die Bewohner seines tristen Heimatdorfs Boros leben von der Fischzucht. Das Leben ist einfach und von harter Arbeit geprägt. Über allem steht unheilvoll ein totalitäres Staatsgefüge, das Land und Leute aussaugt.

Nicht nur der Staat erscheint bedrohlich. Auch alte Mythen und patriarchale Strukturen bestimmen das Leben der Leute. Tauchen Probleme auf, fürchtet man den Zorn des Seegeistes; man hofft auf die Wiederkehr eines im Gebirge schlafenden Kriegers. Der Seegeist hat gewissermaßen auch allen Grund, zornig zu sein: Der Wasserstand sinkt beständig, das Wasser ist so verschmutzt, dass die Menschen vom Baden Ekzeme haben. Das Wasser ist nicht trinkbar. Das Leben in Boros ist folglich entbehrungsreich. Und es wird nicht einfacher: Während eines Unwetters kommt Namis Großvater um. Als die Großmutter sich den Oberschenkelhals bricht, fährt man sie auf den See hinaus, wo sie dem Seegeist überlassen wird. In ihr Haus zieht der Kolchosevorsitzende mit seiner Frau und ihrem dreiarmigen Kind. Nami wird in den Hühnerstall gesperrt und sich selbst überlassen.

Am See ist ein düsterer Roman, geschrieben in einer klaren, schonungslosen Sprache. Lediglich in den Dialogen, die Bianca Bellová schreibt, kann sie dieser insgesamt bedrückenden Erzählung etwas Komik beimischen. So macht Nami seiner ersten Liebe ein Kompliment über ihr Ekzem: “bei den meisten ist es rot und geschwollen, aber deins ist so… rosig, niedlich halt” (46).

Aber auch diese erste Liebe soll vergiftet werden, als beide eines Nachmittags russische Soldaten kreuzen. Nami muss zuschauen, wie das Mädchen vergewaltigt wird. Er flieht:

Es ist immer dasselbe: Sie lauern ihr im Wald auf, machen ihr Leben kaputt, und keiner bestraft sie, weil weder unsere Polizei noch unsere Gerichte Macht über sie haben. Elende Dreckskerle (73).

Ohnmächtig ob seiner Lebensumstände sucht er schließlich Orientierung in der eigenen Geschichte. Er macht sich auf in die Hauptstadt, um die Frau im roten Bikini aus seiner ersten Erinnerung zu finden. Ohne weitere Anhaltspunkte ist das natürlich ein schwieriges Unterfangen, besonders weil sich die Stadt ähnlich erbarmungslos zeigt wie sein Heimatort.

Nami reist durch ein Land, das toxisch geworden ist und seine Menschen bis auf wenige Ausnahmen scheinbar mit ihm. Sein Leben ist geprägt von harter Arbeit, Armut und herben Rückschlägen. Die Suche nach sich selbst ist ein Kampf ums Überleben in einer Gesellschaft, die sich selbst zerfrisst: Der Staat ist kalt und korrupt, die Bevölkerung von der Arbeit so kaputt, dass für Freude kaum noch Kraft übrig ist und die Natur wurde so zerstört, dass die Menschen krank davon werden.

Dennoch: Mit Am See zeigt Bianca Bellová, dass ein bisschen Wärme viel Kälte überstehen kann. Denn Nami begegnet auch Menschen, meistens Frauen, die ihm helfen zu überleben und seine Menschlichkeit nicht zu verlieren. Der tschechischen Autorin ist dabei ein wirklich lesenswerter Roman geglückt, den man so einfach gar nicht einordnen kann. Vielleicht ist sich die Autorin auch selbst nicht so sicher, wie sie die Menschheit sieht, so wie ihr Protagonist zwischen allerhand Grausamkeiten und wenigen Momenten des Lichts durch eine zerstörte Umwelt taumelt. Natürlich will sie dabei auch etwas über Geschichte erzählen und wie sie die Gegenwart informiert, auch wenn man darum Schweigen hüllt. Am See erzählt auch, wie die Reise zu uns selbst zu Güte führen kann. Empfehlenswert.

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Am See erschien im tschechischen Original unter dem Titel Jezero. die deutschsprachige Erstausgabe ist bei Kein & Aber erhältlich.

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