Ian Stansel – The Last Cowboys of San Geronimo [Kritik]

Ian Stansel – The Last Cowboys of San GeronimoZu Beginn von Ian Stansels Romandebüt The Last Cowboys of San Geronimo liegt Frank Van Loy tot im Dreck. Der Schuss ging direkt ins Herz. Den Abzug drückte der eigene Bruder, Silas. Es ist eine als moderner Western erzählte Kain und Abel-Geschichte, nur bringt der jüngere den älteren Bruder um.

Als die anglo-amerikanischen Siedler im 19. Jahrhundert auch Kalifornien für sich einnahmen, endete die Zeit des wilden Westens und lebte fortan in der amerikanischen Imagination als Western weiter. Wer die USA verstehen will, muss den Westen und den Western verstehen lernen: Bevölkert von wortkarge Männern, die ihr Schicksal fernab einer als verweichlicht verstandenen Zivilisation selbst in die Hand nehmen und in der Wildnis für Ordnung sorgen, bildeten sich viele Facetten eines amerikanischen Selbstverständnisses heraus. So ist die amerikanische Frontier-Erfahrung – also die sich stetig nach Westen verschiebende Grenze zwischen Zivilisation und Wildnis – untrennbar mit amerikanischen Vorstellungen von Männlichkeit verknüpft. Auch der 26. Präsident der Vereinigten Staaten Teddy Roosevelt wurde erst im wilden Westen zum Mann, bevor er die Nation in das 20. Jahrhundert führte.

Doch der Westen und der Western haben in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts stetig an Anziehungskraft verloren. Verschrieen als konservativ, paternalistisch und imperialistisch wurde die Geschichte der Eroberung des amerikanischen Westens historisch neu bewertet, das Genre wurde zunehmend unpopulär. Tot zu kriegen ist es dennoch nicht: Im Kino haben sich Quentin Tarantino und die Coen-Brüdern jüngst diesem ur-amerikanischen Genre angenommen. Im Serienformat erlebte er in Deadwood und jüngst in The Son oder Godless eine Renaissance. Auch in der Literatur lebt der Western in den Büchern von Cormac McCarthy und jetzt auch Ian Stansel weiter. Wie der Titel es schon vornweg nimmt, geht es um die letzten Cowboys von San Geronimo, einer Region nördlich von San Francisco. Damit lässt Stansel seinen Western also ausgerechnet in unmittelbarer Nähe zum Silicon Valley spielen.

So wirken die Hauptfiguren des in der Gegenwart angesiedelten Romans tatsächlich etwas aus der Zeit gefallen. Es ist keinesfalls ein klassischer Western, aber eine klassische Westernhandlung: Es geht um Rache. Direkt nachdem Silas Van Loy seinen älteren Bruder mit einem gezielten Schuss ins Herz niedergestreckt hat, flüchtet er mit seinem Pferd Disco. Der Autor spielt gleich zu Beginn mit den Konventionen des Genres. Hier bringt ein Mann seinen Bruder um und verfolgt wird er von der Witwe, die den Mörder ihres Mannes unbedingt vor der Polizei erwischen will. Dass man der Staatsgewalt nicht das größte Vertrauen schenkt, ist hingegen typisch für das Genre. Gerechtigkeit macht man lieber unter sich aus.

Stansel gelingt ein packender Einstieg in sein Romandebüt, das sich über seine knapp 200 Seiten wie ein Thriller liest. Von Kapitel zu Kapitel wechselt die Perspektive dabei von Verfolgtem zu Verfolgerin. In die Handlungsgegenwart sind Erinnerungen an die Familiengeschichte der beiden Brüder eingeflochten. Sie kommen aus einer Pferdefamilie. Der Vater hatte bereits Ställe, in die sich Pferdebesitzer einmieten konnten. Doch die Geschäfte liefen zusehends schlecht. Das Western-Reiten, auf das das Familienunternehmen spezialisiert war, brachte gerade genügend Geld, um irgendwie über die Runden zu kommen.

Frank, dem älteren der beiden Brüder, wurden die Geschicke des Unternehmens anvertraut – obwohl er, wenn auch ein guter Reiter, weniger von Pferden verstand als Silas. Die Zeiten des wilden Westens sind aber längst vorbei, Zielsicherheit und Reitkunst zählen heute weitaus weniger als Geschäftssinn. So ist es auch der sterbende Vater, der seinem jüngsten Sohn zu verstehen gibt, dass sie beide die letzten einer aussterbenden Art sind. Die Zukunft gehört Männern wie Frank, die neue Ideen haben und wissen, wie sie umzusetzen sind. Der wilde Westen, so scheint es, stirbt mit jeder neuen Generation ein bisschen mehr. Und so gestaltet Frank das Familienunternehmen um. Das Western-Reiten ist out, die englische Art des Reitens bringt das zahlungskräftige Klientel – und das sind mehrheitlich Frauen. Auch die Pferdewelt büßt also die Männlichkeit des wilden Westens zunehmend ein. Dem Geschäft schadet es freilich nicht. Franks Idee erweist sich als Erfolg und führt in Silas zu Verbitterung. Die eigene Unzulänglichkeit wird im Erfolg des Bruder erkannt, doch anstelle Bewunderung bricht sich blanker Hass bahn. Männlichkeitsvorstellungen und Selbstwertgefühl sind miteinander verknüpft. Doch welchen Wert hat ein Mann wie Silas noch in einer hochtechnologisierten Welt?

Die Brüder Silas und Frank befinden sich gewissermaßen in einer Zwickmühle zwischen Tradition und Moderne: Dass dem Erstgeborenen die Weiterführung der Geschäfte zugesprochen wird, ist Tradition. Die Richtung, in die dieser das Unternehmen lenkt, bricht mit dieser. Zur gleichen Zeit ist es aber auch die Performance von Männlichkeit, die den Stall der beiden Brüder zu einer Attraktion macht: Der Cowboy-Charme, die Faustkämpfe, der Alkoholkonsum und die Cowboy-Hüte sind Teil ihrer Marke.

Kapitel für Kapitel entblättert Ian Stansel die unheilvolle Dynamik zwischen den beiden Brüdern, die einen Jahrzehnte andauernden Kleinkrieg untereinander austragen. Ob Silas letztlich gestellt wird, ist nicht die zentrale Frage in The Last Cowboys of San Geronimo. Vielmehr geht es darum, wie es überhaupt soweit kommen konnte und was die Tat mit ihm macht. Eine spontane Handlung war der Mord schließlich nicht:

For the past three decades Silas Van Loy had thought of little aside from horses, women, wine, and killing his brother (S. 3).

Beide Männer – obwohl Antagonisten – sind gewisser Maßen die selbe Seite einer Medaille. Die wirkliche Heldin ist natürlich diejenige, die das scheinbare Unrecht richten will: Lena Van Loy, „a middle-aged woman atop a horse, her eyes ringed with grief but blazing with intent“ (S. 14). Sie kennt sich mindestens genauso gut mit Pferden aus, wie die beiden Männer. Auch in Entschlossenheit steht sie ihnen in nichts nach – wenngleich die erbitterte Feindschaft der beiden Brüder für sie nicht nachvollziehbar bleibt. Damit ist Ian Stansel ein stimmungsvoller, spannender Western gelungen, der die etablierten Konventionen aufnimmt und sie auf gelungene Weise variiert. Ein tolles Debüt, vor dem ich gerne den Hut ziehe.

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The Last Cowboys of San Geronimo erschien 2017 als Hardcover bei Houghton Mifflin Harcourt.

Wer sich für den den Western und damit verbundene Männlichkeitsvorstellungen interessiert, kann mehr dazu in meiner Dissertation Crisis and Masculinity on Contemporary Cable Television lesen. Die komplette Dissertation gibt es hier als PDF zum Download. 

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