Ein Versuch, der Angst den Schrecken zu nehmen: Rattatatam, mein Herz von Franziska Seyboldt

Rattatam, mein Herz Franziska SeyboldtJeder sechste Deutsche hat irgendwann in seinem Leben mit einer Angststörung zu kämpfen. Sie ist damit nach Depression eine der am weitesten verbreiteten psychischen Erkrankungen. So steht es zumindest in Rattatatam, mein Herz von Franziska Seyboldt, das jetzt bei Kiepenheuer & Witsch erscheint und in dem die Wahlberlinerin von ihrem Leben mit der Angst erzählt.

Als zwölfjähriges Mädchen kippt Franziska Seyboldt einfach um. Im Behandlungszimmer der Ärztin fällt sie gleich ein zweites Mal in Ohnmacht. Eine wirkliche Erklärung kann ihr die Ärztin nicht geben – körperlich ist alles in Ordnung mit ihr. Dennoch markiert das Erlebnis – vielleicht auch wegen dem Fehlen einer medizinisch begründeten Ursache – einen Einschnitt in ihrem Leben. Es ist auch der Moment, an dem Angst in das Leben des jungen Mädchens tritt und sie nicht mehr verlässt. Franziska Seyboldt lebt dennoch ein weitestgehend normales Leben. Sie studiert Modejournalismus und Medienkommunikation, zieht nach Berlin und angelt sich dort eine Stelle als Redakteurin bei der taz. Was die wenigsten Menschen um sie herum bemerken: Die Angst davor, plötzlich umzufallen, trägt sie beinah ständig in ihren Gedanken. Redaktionssitzungen, Lesungen oder die Fahrt in der U-Bahn werden so immer wieder aufs Neue zu regelrechten Mutproben, die die junge Frau mehr und mehr belasten.

In Rattatatam, mein Herz schildert Seyboldt ihr Leben mit der Angst in kurzen, nicht chronologischen Episoden. Der Fokus liegt dabei darauf, wie sie die Angststörung weitestgehend überwinden will. Neben einer Psychotherapie spielt das Schreiben (des vorliegenden Buches) eine bedeutende Rolle in diesem Prozess. Das Buch ist somit beides – Aufklärungsarbeit und Bewältigungsstrategie.

Inhaltlich und stilistisch wirkt Rattatatam, mein Herz auch mehr wie ein persönliches Essay als ein Ratgeber, das das ernste Thema mit einer erfrischenden Leichtigkeit angeht, die sich auch in der ungewöhnlichen wie liebevollen Gestaltung des Buches niederschlägt. So ist der Text in zwei dicke Pappdeckel gekleidet, das Kartongrau in sonnigem Gelb überpinselt.

Mit leichter Feder schildert Seyboldt, wie die Angst sie einengt. Aus diesen persönlichen, subjektiven Erfahrungen heraus schafft sie auch beiläufig Verbindungen zu einem gesellschaftlichen Kontext. Gewissermaßen erzählt das Buch von den Herausforderungen des heutigen Lebens – Informationsübersättigung, der Wunsch nach Selbstverwirklichung und Geldsorgen. Wir leben in einer zusehends urbanisierten und vernetzten Welt:

Normalerweise klingelt es ständig irgendwo: Handy, Festnetz, Tür. Oder irgendwelche Nachrichten ploppen auf: Facebook, Twitter, drei verschiedene Mailprogramme (159).

Das Gefühl, immer unter Beobachtung zu stehen, verschiedenen Ansprüchen gerecht werden zu müssen, zu funktionieren und sich unter Kontrolle zu haben, tauchen so beinah zwangsläufig als Begleiterscheinungen des modernen Lebens auf. Bezeichnend sind dafür ihre Erinnerungen an die Studentenzeit. Viele ihrer Kommilitonen sind wie sie selbst schon so gestresst, dass sich dieser Stress in nächtlichem Zähneknirschen manifestiert und eine Schiene nach der nächsten durchgebissen wird. Klug folgert die Autorin, dass dieser Stress nicht unbedingt von außen an das Individuum getragen wird:

Stress entsteht nicht dadurch, dass man den Anforderungen genügen will, die das Umfeld an einen stellt. Die Anforderungen stellt man selbst (66).

So kann die Angststörung durchaus als Folge eines Wunsches nach Selbstoptimierung gedeutet werden, der in einer hoch individualisierten Gesellschaft im Einzelnen hervorgerufen wird. Seyboldts größte Angst ist schließlich der Kontrollverlust, den eine Ohnmacht ja darstellt. An andere Stelle schreibt sie, “jeder Versprecher, jedes Zittern der Hände, jedes noch so flüchtige Erröten” könnte ein Zeichen der Schwäche sein: “Meine Performance muss stimmen” (19).

Rattatatam, mein Herz widmet sich einem schweren Thema, ohne schwer verdaulich zu sein. Das ist ein Kunststück, dass jedoch nicht ohne trübende Momente ist. Die kurzen, kaum mehr als drei Seiten langen Kapitel beschreiben in flüssiger, humorvoller Sprache Anekdoten aus dem Leben der Autorin. Der Text ist mit viel Raum gesetzt, die Schrift groß genug, um ihn selbst mit leichter Sehschwäche ohne Brille ohne Ermüden lesen zu können. Die Beschreibungen, wie die Angst Seyboldt in ihrem Alltag begleitet, sind nachvollziehbar – manch Leser wird sich auf die eine oder andere Weise wiederfinden. Der Text wird also bei den wenigsten trotz des rasanten Tempos spurlos vorbeiziehen.

Dennoch wünscht man sich manchmal noch etwas mehr Tiefe. Das wird immer dann deutlich, wenn die Autorin den Schritt aus ihrer eigenen Gedankenwelt hinaus wagt und andere Stimmen in den Text aufnimmt – sei es in Dialogen mit der Mutter, ihrem Therapeuten und einer Schauspiellehrerin oder in Rückgriffen auf Fachautoren. So plätschert manche Episode etwas inkonsequent vor sich hin. Als Beispiel sei hier eine Reise nach Lanzarote genannt,die über mehrere kurze Kapitel hinweg erzählt wird. Für Seyboldt ist allein der Flug eine Überwindung. Als sie und ihr Freund auf der Kanareninsel ankommen und ein Auto mieten wollen, fällt auf, dass beide ihren Führerschein vergessen haben. Seyboldt selbst fährt aufgrund ihrer Angststörung ohnehin nicht mehr Auto. Durch diese Situation wird sie nun dazu praktisch gezwungen, denn über Umwege kann sie eine beglaubigte Kopie ihres Führerscheins organisieren. Leider nimmt diese Verkettung letztlich genauso viel Raum ein, wie die Auseinandersetzung mit der Angst, die die Situation ja eigentlich bedeutet. Hier lässt Seyboldt viel Potential liegen. Der Text wirkt durch solche Momente unnötig gestreckt.

Letztlich trübt das den insgesamt positiven Gesamteindruck nur wenig. Rattatatam, mein Herz gibt Lesern tatsächlich einen nachvollziehbaren, wenngleich stark subjektiv eingefärbten Einblick in das Leben mit einer Angststörung. Die Lektionen, die Seyboldt dabei lernt, sollten dabei nicht nur für Menschen mit diagnostizierter Angststörung einen Gedanken wert sein.

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Rattatatam, mein Herz erschien im Januar 2018 als Hardcover bei Kiepenheuer & Witsch.

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