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In die Magengrube: Brawler von Lauren Groff

Rezension zu Brawler von Lauren GroffLauren Groff zählt zu den besten Stimmen der amerikanischen Erzählliteratur. Nachdem ihr letzter Band Florida in eben jenem Bundesstaat, in dem sie lebt, angesiedelt war, ist der neue Band Brawler ohne konkreten geografischen Bezug, dafür aber thematisch ein fokussierter Band, der weibliche Protagonistinnen in widrigen Situationen zeigt.

Gleich die erste Erzählung „Wind“ ist ein Text der Emanzipation. Die Erzählerin berichtet von dem Tag, an dem es der Mutter reichte und sie vor dem gewalttätigen Mann – einem Cop – flieht. Ein spannungsgeladener Text, der mitfiebern lässt und von Selbstermächtigung und transgenerationalem Trauma erzählt.

In „Under the Wave“ wacht eine Frau im Urlaub auf, der zur Hölle geworden ist: Wasser weckt sie in der Nacht. Die Familie konnte sich kein Haus am Strand leisten. Der Tsunami hat sie trotzdem erwischt. Die Frau irrt nun ohne Familie durch die Verwüstung und findet ein neues Kind.

Die Titelstory dreht sich um eine Teenagerin, die körperliche Auseinandersetzungen nicht scheut. Wie sich zeigt, muss sie sich um eine sterbende Mutter kümmern: „She was a skin bag with chalk in it, far too light to be human.“ In dieser wie in anderen Stories stehen Frauen im Zentrum, die mit Umwälzungen klarkommen müssen. Ihre eigenen Mütter sind dabei oft abwesend oder haben eigene Probleme.

Etwas aus der Reihe tanzt „What’s the Time, Mr. Wolf?“ Mit rund 100 Seiten ist es die mit Abstand längste Erzählung des Bandes und erzählt gleich mehrere Jahrzehnte einer wohlhabenden Südstaaten-Bankiers-Familie, in deren Zentrum der jüngste Spross steht. Hier ist der Fokus um ein Vielfaches weiter als in anderen Erzählungen – erzählte Zeit, Figuren –, sodass man eher von einem Kurzroman als einer Kurzgeschichte sprechen kann. „What’s the Time, Mr. Wolf?“ erzählt vom Wandel der Zeit, von verfehlten Erwartungen, familiärem Zusammenhalt, aber auch familiären Lasten. Denn Chip entwickelt wie viele Familienmitglieder einen Hang zum Trinken. Anders als die Verwandtschaft hat er aber keinen Wolf in ihm – den es bräuchte, um das Familiengeschäft fortzuführen. Es ist auch das Porträt eines Zerfalls und – da sind wir dann doch wieder beim Genre Kurzgeschichte – mit einem Killer-Ende.

Insgesamt versammelt Brawler neun starke Erzählungen, von denen zwar nicht alle hängenbleiben, die aber allesamt so klug und kontrolliert erzählt sind, wie man es von der Autorin erwarten kann.

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