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Alles wird Nichts wird Alles: Schleifen von Elias Hirschl

Schleifen von Elias HirschlBis alle Differenz zu nichts wird: Schleifen ist das vorläufige Meisterstück von Elias Hirschl, der hier Sprachwissenschaft und Mathematik, Geschichte und uferlose Imagination virtuos verwebt. Schleifen ist ein aufregender Text über Sprache und Sinn, man erinnert sich an Cormac McCarthys Stella Maris oder auch an Don DeLillo, zutiefst philosophisch und unterhaltsam zugleich, ein unheimlich komplexes Werk, das sich seinen Lesern aber nicht verschließt – etwas, das, seien wir mal ehrlich, extrem selten in der deutschsprachigen Literatur geworden ist.

Franziska Denk wächst im US-Exil auf, weil die intellektuellen Eltern vor den Nazis fliehen mussten. Die größte Hürde in der schwierigen Kindheit des Mädchens ist aber ihre gesundheitliche Konstitution: Allmögliche Krankheiten werden ihr durch deren bloße Erwähnung übertragen. Erwähnt jemand die Pest, bekommt sie Beulen. Die Magie der Sprache, unsere Wirklichkeit zu konstituieren, erlebt Franziska Denk am eigenen Leib. Das Heranwachsen ist also problematisch – soziale Interaktionen bergen die Gefahr überfallmäßiger, obskurer Erkrankungen, die sie tagelang ans Bett fesseln. Der Vater ist derweil in der Südsee unterwegs und erforscht unbekannte Sprachen, er kehrt nicht zurück, die Mutter – von Möbiusschleifen fasziniert – landet in der Psychiatrie.

Durch einen Zufall wird die zwischenzeitlich ebenfalls in der Psychiatrie gelandete Franziska Denk den Mathematiker Otto Mandl kennenlernen – erstmal als Brieffreund. Da seine Briefe irgendwann Krankheiten auslösen, tauscht man sich in leeren Briefen aus. Irgendwann wird Denk aus der Anstalt entlassen. Der Krieg ist vorbei, sie zieht nach Berlin und beginnt mit Mandl Sprachexperimente. Sie steigt zur Intellektuellen auf, schreibt komplizierte Konzeptliteratur und beginnt mit Mandl ein Projekt, eine Plansprache zu entwickeln, das aber scheitert, weshalb man den Umweg über eine irrsinnige Objektsprache zur Reduktion der Sprache führt. Denk wird Sektenführerin der Nonverbalisten, die die Ordnung der Welt alsbald gehörig ins Wanken bringen – Wörter verlieren ihre Bedeutung, Sinn zerfällt.

Schleifen ist ein von wundersamer Imaginationskraft beseelter Roman, der Lesende über immer absurdere (Neben-)Handlungen auf Trab hält. Es wird über Sprache und Mathematik philosophiert, es werden ganze Forschungszweige erfunden, die sich u.a. mit der spannenden Frage beschäftigen, ob Denk und Mandl denn nun ficken oder nicht. Hirschls Sprache ist schelmisch, springt über Register, von profan zu wissenschaftlich, vermengt in einen Wirbelsturm, der alle Bedeutung auflöst. Ist dieser Roman ein poststrukturalistisches Projekt oder post-post-strukturell? Geht es ihm um Literatur und Sprache oder um Tendenzen der Gegenwart, in der Wörter in Form von Fake News tatsächlich “ansteckend” sind und allmählich ihre Bedeutung verlieren (z.B. “Trauma”, “triggern” etc.)?

Schleifen ist ein wilder Ritt, der unterhält, der herausfordert, manchmal auch ein bisschen ermüdet. Der bei Zsolnay erschienene Roman – übrigens auch literarische Heimat von Franziska Denk – stellt einmal mehr unter Beweis, dass die wahrlich aufregende Literatur – nicht zwingend inhaltlich, sondern in der Form (Leute, es geht um Kunst!) – gegenwärtig in Österreich zu finden ist.

Schleifen wird 2026 schwer zu toppen sein. Absolut essentielle Literatur.

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