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Gott der Ziegen: Eradication von Jonathan Miles

Rezension zu Eradication von Jonathan MilesDie invasivste Art ist immer noch der Mensch. In Jonathan Miles‘ hervorragendem Roman Eradication wird ein von Trauer gezeichneter Mann auf eine einsame Insel geschickt, um das isolierte Eiland vor einer Ziegenplage zu befreien. Es ist eine Art Abenteuerroman, eine Robinson-Crusoe-Geschichte, eine Umwelterzählung und ein Traumatext.

Die kleine Insel Santa Flora liegt im Pazifik, ziemlich isoliert und eigentlich einzigartig. Hier lebten endemische Vogel- und Pflanzenarten. Aber Walfänger setzten dort vor über hundert Jahren ein paar Ziegen aus, die sich ungebremst vermehrten und das Ökosystem an den Rand des Kollaps brachten. Um zu retten, was zu retten ist, schickt eine Organisation einen Freiwilligen für fünf Wochen dorthin, um, ausgestattet mit Proviant und einer Waffe, die paar tausend Ziegen auszulöschen. Dieser jemand ist Adi.

Adi ist eigentlich Städter einer nicht näher benannten Hauptstadt einer nicht näher benannten, wahrscheinlich lateinamerikanischen Nation. Mit Ziegen hat er genauso wenig zu tun wie mit Survivalism, Naturschutz oder der Jagd. Allerdings scheint ihm die Vorstellung, etwas für die Umwelt zu tun und Zeit für sich zu haben, attraktiv: Er hat seinen Sohn verloren und über den Verlust auch seine Frau.

Eradication ist ein schlanker Roman, der das Fish-out-of-Water-Motiv gleich zu Beginn etabliert, als Adi das Boot betritt, das ihn auf der Insel aussetzen soll. Der barsche Ton an Bord kollidiert mit dem des Lehrers und Jazzmusikers aus der Großstadt. Der Mann, der eine Grenzerfahrung hinter sich hat und sich nun freiwillig der nächsten Grenzerfahrung aussetzt, kämpft nicht nur mit der Umwelt, sondern auch mit sich selbst. Da ist die Trauer um den Sohn und die Frage, ob er ist, was er sein muss, um seinen Zweck zu erfüllen: ein Killer. Ein paar tausend Ziegen, jung und alt, bringt man eben nicht mal so eben um.

Eradication zeigt nicht nur die Extreme, die aus Trauer entstehen können, sondern spiegelt unwiederbringlichen Verlust in der Natur wider. Bei beidem zeigt sich der Mensch als Feind – sich selbst gegenüber und der Natur. Die Ziegen, die hier zum Abschuss freigegeben sind, sind ja nicht von selbst auf das fragile Eiland geschwommen. Unbedacht hat der Mensch sie dort ausgesetzt, um gegebenenfalls etwas zu schlachten zu haben – nach erfolgtem Walfang. Der Mensch als invasivste aller Arten, die die Natur verdinglicht und sich möglicherweise letztlich auch selbst auslöscht: Absolut fesselnd!

Eradication von Jonathan Miles ist bei Riverrun erschienen. Eine deutsche Übersetzung liegt nicht vor.

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