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Die Straße führt nach innen: Grüne Welle von Esther Schüttpelz

Rezension zu Grüne Welle von Esther SchüttpelzEine Frau verfängt sich abends nach dem Kinobesuch in einer Umleitung, die sie an die Orte ihres Studiums vorbeiführt, aber letztlich nicht zur Autobahn, die sie raus aus der Stadt zu Mann und Haus bringen würde. Immer wieder sagt sie sich: Bei der nächsten roten Ampel dreh’ ich um. Aber sie hat, was die meisten Autofahrer eigentlich gerne immer hätten und der Romantitel schon verrät – Grüne Welle.

Einmal im Monat trifft sich die Protagonistin – weder sie noch irgendein anderer Charakter in diesem Roman hat einen Namen – mit ihrer einzigen und daher besten Freundin zum Kino. Wie jeden Monat setzt sie sich im Anschluss in ihren in die Jahre gekommenen Golf, fährt aus der Stadt in die nahegelegene Kleinstadt, wo sie in einer Stadtvilla mit ihrem Mann, einem Anwalt, wohnt. Die Frau ist Künstlerin, aber nicht sonderlich erfolgreich. Viel mehr erfahren Lesende erstmal nicht über die Frau, die auf einsamen Landstraßen durch die Dunkelheit fährt, ohne zu wissen, wohin.

Eine stille, aber soghafte Atmosphäre hat der Text besonders im ersten Drittel; das rätselhafte Verfahren der Frau, die etwas verloren und auf den Zufall einer roten Ampel vertrauend durch die Nacht fährt, gleicht einem Kammerspiel, aufgeführt in einem Golf, im Kopf der Protagonistin, in den die passenderweise etwas mäandernde Sprache der auktorialen Erzählerin blickt. Anfangs, als die Umleitung sie an ihrer alten WG vorbeiführt sowie an der Galerie, in der sie ihre erste Ausstellung hatte, glaubt man, einer Erzählung über die Desillusionierung des Erwachsenwerdens, dem Erodieren junger Ambitionen an den Realitäten des Alltags, beizuwohnen.

Die grüne Welle ist durchaus als Metapher für Agency und Selbstbestimmtheit zu lesen. Bald mehren sich die Hinweise, dass diese Frau ungeplant, aber scheinbar auch nicht ohne Intuition, vor ihrer Ehe, ihrem ganzen, engen Leben flieht …

Grüne Welle ist ein stimmungsvoller, einnehmender Roman, der vor allem am Anfang dank der originellen sowie dicht erzählten Situation, die in medias res beginnt, einen Sog entfaltet. Ein überwiegender Teil dieser Erzählung bleibt diese Frau tatsächlich hinter dem Steuer ihres Golfs, verlässt es nur, weil sie im Morgengrauen nach einer durchgefahrenen Nacht ein Reh überfährt und an einer Dorftankstelle zwei Tramperinnen einsammelt. Diese jungen Frauen, die ein kleines Abenteuer wagen, dienen Schüttpelz als Folie für ihre Protagonistin und weiten die Erzählung etwas, nehmen ihr die zunehmend melancholisch-manische Enge des Fahrzeugs.

Allerdings wird die Erzählung zur Mitte hin – pardon – etwas fahrig. Die jungen Frauen bleiben ein paar Kilometer länger an Bord, als es für die Erzählung wirklich nötig wäre. Eine Nebenhandlung, in der die beste und einzige und auch etwas durcheinander wirkende Freundin den Mann der Protagonistin aufsucht, bleibt etwas inkonsequent für das große Ganze. Durch diese Vergrößerungen des Textkörpers macht Schüttpelz ihre Grüne Welle etwas kleiner. Anders ausgedrückt: Grüne Welle ist ein ganz guter Roman, hätte aber eine herausragende Novelle sein können.

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Grüne Welle von Esther Schüttpelz ist bei Diogenes erschienen.

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