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Jede Schattierung blau: The Body Farm von Abby Geni

Abby Geni The Body Farm – Kurzgeschichten voller IntensitätEin wahrhaft gelungener Erzählband kann der höchste literarische Genuss sein – Geschichten, die den Leser in fremde Leben werfen, ohne jedes Geheimnis preiszugeben. Abby Genis The Body Farm versammelt elf Stories mit einer durchschnittlichen Länge von zwanzig Seiten – kein Wort zu viel, keines zu wenig, beseelt von einer Magie, die keine doppelten Böden braucht. Selten hat man einen thematisch so variationsreichen und qualitativ konsistenten Erzählband gelesen – The Body Farm ist eine bemerkenswerte Sammlung, die Lesenden elf Fenster zu anderen Leben öffnet.

Abby Geni zeigt sich als Autorin mit erstaunlicher Empathie und Ideenreichtum: Ihre Stories erzählen von einer Frau, die auf einen soziopathischen Heiratsschwindler hereinfällt, einem Vater, der seine queere Tochter vor der religiös fanatischen Ex-Frau rettet, einem Mann, der seine im Knast sitzende Jugendliebe besucht, oder einer Frau, die nach und nach alle Sinne verliert. Es ist keine Wohlstandsprosa, auch wenn die Protagonisten nicht von Armut betroffen sind, geht es hier um etwas. Eine existenzialistische Dringlichkeit liegt in diesen Stories, eine beeindruckender als die nächste.

Wenn man doch zwei herausgreifen möchte, dann jene, die den Band öffnen und schließen: „The Rapture of the Deep“ erzählt von einer Meeresbiologin, deren Liebe fürs Tauchen ihr in die Wiege gelegt wurde. Ihre Mutter war für jede Extremsportart zu haben, nahm die Tochter mit zum Tauchen, kletterte auf riesige Bäume und stürzte schließlich in den Tod. Ihr Job besteht darin, Haie zu taggen – die Zeit unter Wasser ihr Himmelreich. Doch auch dieses ist rot eingefärbt – denn sie hat einen schweren Haiangriff überlebt. Der Bruder, der nichts von der Abenteuerlust der Mutter hat, versucht, sie zu erreichen. Der Todestag jährt sich, die Sorge um die nicht gerade ungefährliche Beschäftigung der Schwester nagt. Sie geht ihm aus dem Weg – „The Rapture of the Deep“ ist eine Erzählung über Entfremdung, Verlust, Resilienz und Leidenschaft, so einnehmend erzählt wie der Sog der Tiefe, in die die Protagonistin gleitet.

„The Body Farm“ schließt den Band mit dem wohl ungewöhnlichsten und gruseligsten Setting. Die Erzählerin arbeitet als Entomologin an einem Ort, an dem Körper der Verwesung preisgegeben werden, um Rückschlüsse für Forensik und Strafverfolgung zu gewinnen. Die Erzählung ist nicht nur ein Schaufenster in den vielleicht ungewöhnlichsten Job, den man haben kann. Es ist auch die Geschichte über die Partnerin und ihren Exfreund und Stalker, ein unnachgiebiger Mann, der sie schon zu mehreren Ortswechseln gezwungen und sie dennoch immer wieder gefunden hat. Wie Gerechtigkeit erlangen? Wie unversehrt bleiben?

The Body Farm ist ein sehr gegenwärtiger und doch zeitloser Band. Ganz gleich, ob es um eine lesbische Liebesbeziehung unter Gefahr eines toxischen Mannes oder einen älteren Mann geht, der sich liebevoll um die an Alzheimer erkrankte Frau kümmert – in den Erzählungen geht es um die Verwundbarkeit unserer Existenzen und die Kostbarkeit, die jeder Moment darstellt, in dem wir tun, was wir fühlen. In feinen, konzentrierten Strichen zeichnet Abby Geni diese glaubhaften Leben in teils desolaten Situationen, sodass man jede dieser Erzählungen bewegt und mit süßer Wehmut verlässt. Perfekt.

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