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Das Wahre, Männliche und Schmerzhafte des Alltags: Die Lyrik von Tony Hoagland

Tony HoaglandWahrscheinlich war ich auf dem Weg vom Belmont Campus zur The Villager Tavern in Nashville, als ich an einem geschlossenen Buchladen anhielt, um durch ein paar Bücher zu stöbern, die in einem Karton zum Mitnehmen rumlagen. Dort fand ich den schmalen Hardcover Einband von Donkey Gospel (1998) des mir bis dahin unbekannten und bis heute unübersetzten amerikanischen Lyrikers Tony Hoagland. Wirklich darin gelesen habe ich erst nach meiner Rückkehr. Die erzählerische, konfessionelle Lyrik, tief im amerikanischen Alltag verwurzelt und oftmals komisch, stößt den Leser immer mal wieder in die banalen Abgründe dessen, was man Menschsein nennen könnte. Als Tony Hoagland am 23. Oktober 2018 verstarb, bekam ich es nicht mit. In Deutschland nahm auch sonst niemand Notiz.

Dieser Blog ist eigentlich kein Ort für Lyrik, was daran liegt, dass ich nur sehr selten Lyrik lese und mein Verständnis für diese Textgattung eher eingeschränkt ist. Entsprechend möchte ich den Leser bitten, den folgenden Ausführungen nachzusehen, dass ihnen vielleicht die gebote Tiefe und Begrifflichkeiten fehlen. Sie sollen eher als laienhafte Würdigung dieses durchaus streitbaren Dichters dienen und ihn mit einem Sprachraum bekannt machen, der aufgrund fehlender Übersetzungen keinen beziehungsweise nur einen eingeschränkten Zugang zu ihm hat. Und das ist schade: Denn Tony Hoaglands Gedichte – zugleich tiefgründig und banal und auf verschrobene Weise witzig in ihren abgründigsten Momenten – geht unerschrocken in die Kampfzonen von Konsumkultur, bringt so pointiert wie ein Schlag in die Magengrube das Wahre und Verlogene, Schöne und Hässliche unserer Welt zum Vorschein.

Donkey Gospel: Wie überleben wir uns nur selbst?

Wie abgründig kann ein Dinner bei Kerzenschein sein? Geradezu süffisant führt es uns Tony Hoaglands Gedicht “Candlelight” aus Donkey Gospel vor Augen: Das lyrische Ich tritt hier im Mondschein auf die Veranda, nicht ohne zu bemerken, dass er – das lyrische Ich in diesen Gedichten ist immer unverkennbar männlich weiß – auf einer Ameisenstraße steht. Aber:

you have to decide what
you’re willing to kill.
Saving your marriage might mean
dinner for two

by candlelight on steak
raised on pasture
chopped out of rain forest
whose absence might mean

an atmospheric thinness
fifty years from now
above the vulnerable head
of your bald grandson on vacation

Geradezu beiläufig erzählt uns das lyrische Ich eine Geschichte von Leben und Tod und den damit verbundenen Tauschgeschäften. Es werden Eheprobleme impliziert, deren Natur nicht weiter ausgeführt wird, welche jedoch durch ein Kerzenscheindinner geglättet werden könnten. Zur unmittelbaren Rettung dieses privaten Glücks geht das lyrische Ich ein Tauschgeschäft mit der Welt ein – um das eine zu retten, müssen andere geopfert werden. In diesem Fall das Rind, zu dessen Fütterung möglicherweise Regenwald abgeholzt wurde. Aber alles kommt eventuell zurück – das Glück ist in diesem Szenario nur geborgt (ist es das nicht immer?). Denn das Fehlen dieses Regenwaldes könnte natürlich zur Ausdünnung der Ozonschicht beitragen, die dem Enkel des Ehepaares 50 Jahre später vielleicht Hautkrebs einbringt. Es ist ein geradezu absurder Kreisschluss, der sich hier vollzieht. Das Gedicht endet aber noch nicht, Hoagland belässt uns im Restaurant bei Kerzenschein und im Hintergrund gespielter Klaviermusik,

the fingertips of the pianist
float over the tusks

of the slaughtered elephant
without a care,
as if the elephant
had granted its permission.

In elegant erzählten Zeilen bringt Hoagland den Ekel des Menschseins in den Schein des Kerzenlichts. Er erzählt uns von der gedankenlosen Bereitschaft der Menschen, ihr persönliches, momentanes Glück über die Ausbeutung der Natur samt ihrer boomeranghaften Konsequenzen für den Menschen selbst zu tauschen. Das Bild ehelichen Glücks wird in der Gewissheit aufgelöst, dass die schöne Atmosphäre mithilfe des Elfenbeins eines ausgeschlachteten Elefanten hervorgerufen wird – die Glückseligkeit des Einen ist die Horrorshow des Anderen.

“Candlelight” schlachtet den Alltag wie der Elfenbeinjäger den Elefanten, um den Zynismus darin hervorzuschälen. Die Absurditäten westlicher Konsumkultur kommen  in der Lyrik Tony Hoaglands in späteren Sammlungen noch stärker in den Fokus. In Donkey Gospel beschäftigt ihn noch kein Thema mehr als Männlichkeit an und für sich und in Bezug zu Frauen. Auch spielen die Beziehungen zwischen Eltern und Kindern eine prominente Rolle, die sehr ambivalent aufgearbeitet werden, wie in “Mistaken Identity” durchaus auch im Bezug zur Konsumkultur. In diesem Text wähnt das lyrische Ich seine verstorbene Mutter in einer Lesbenbar wiederzufinden, in die ihn eine Freundin schleppte, um vorzuführen, wie überflüssig er doch ist (“unnecessariness”):

she looked happy to be alive again
after her long marriage
to other people’s needs,
her twenty-year stint as Sisyphus,
struggling to push
a blue Ford station wagon full of screaming kids
up a mountainside of groceries.

Während in diesem Gedicht die Erkenntnis mitschwingt, dass man ein ganzes Leben eventuell falsch verstehen könnte, erfährt die Beziehung zur Mutter in “Lucky” in einem quälend ironischen Ton eine neue Perspektive, in der die Eltern-Kind-Beziehung verdreht wird:

If you are lucky in this life,
you will get to help your enemy
the way I got to help my mother
when she was weakened past the point of saying no.

Das lyrische Ich beschreibt hier, wie er die zu einem “kindlichen Skelett” geschrumpfte, sterbende Mutter wäscht,

amazed at the symmetry and luck
that would offer me the chance to pay
my heavy debt of punishment and love
with love and punishment.

Eine glückliche Fügung wollte es also, dass das Kind die strafende Härte und Liebe der Mutter als Liebe und Strafe zurückzahlt. Eine ambivalente Eltern-Kind-Beziehung tritt zum Vorschein, deren Details aber in der Dunkelheit der Vergangenheit verborgen bleiben. Der ironische Ton wirkt beinah kaltherzig, die Qual ist jedoch ein Akt der Liebe, gewachsen aus einer Verbindung, die ungebrochen ist. Der Sprecher kommt zur Realisierung, dass eine Strafe auch eine Form der Liebe sein kann, die es zurückzuzahlen gilt. “Lucky” schließt in einem Bild entwaffnender Menschlichkeit:

If you are lucky in this life,
you will get to raise the spoon
of pristine, frosty ice cream
to the trusting creature mouth
of your old enemy

because the tastebuds at least are not broken
because there is a bond between you
and sweet is sweet in any language.

Erinnerungen an die verstorbene Mutter und an das Gedicht “Mistaken Identity” tauchen auch in “The Age of Iron” aus Recent Changes in the Vernacular (2017) auf. Hier werden diese Erinnerungen durch Bügelbretter in Hotels heraufbeschworen, “for she did not like to iron the clothes/ yet somehow had found herself/ condemned to this particular hell”. Das Gedicht kulminiert in einem Akt der Rebellion gegen die domestizierte Hölle, als die Mutter das glühend Heiße Eisen auf ihren Arm setzt “with the sizzle-sound/ of bacon frying in a pan”.

Gedichte wie “Mistaken Identity”, “Lucky” oder “The Age of Iron” zeigen an, was Tony Hoaglands Lyrik so besonders macht: Man muss kein Akademiker sein, um diese Gedichte lesen zu können. Die Vergleiche und Metaphern, die er nutzt, sind im Alltag geerdet, in dem sich durchaus auch die Hölle öffnen kann. Leicht zu lesen bedeutet also nicht banal. Denn Tony Hoagland hatte absolut keine Angst, dahin zu gehen, wo es weh tut. Besonders bei den Themen Männlichkeit und Mann-Frau-Beziehung geht Hoagland Risiken ein, die wohl auch schon vor zwanzig Jahren Leser vor den Kopf gestoßen haben und heute bei bekannteren Autoren wahrscheinlich Twitter-Shitstorm-Potenzial hätten. Kaum ein besseres Beispiel hierfür wird man finden als “Adam and Eve”, ebenfalls in Donkey Gospel erschienen, das mit “I wanted to punch her right in the mouth and that’s the truth” öffnet. Gewalt gegen Frauen also, beziehungsweise der drängende Wunsch, diese auszuführen, steht da als einzeilige Strophe. Der Verlauf des Gedichts vermag es kaum, ein besseres Licht auf das lyrische Ich zu werfen: Nach einem schönen Abend leidenschaftlicher Küsse liegt man bei flackernder Kerze nackt im Bett,

when at the crucial moment, the all-important moment,
the moment standing at attention,

she held her milk hand agitatedly
over the entrance to her body and said No.

and my brain burst into flame.

Wurden hier falsche Zeichen ausgesendet oder die Zeichen falsch gedeutet? Wie dem auch sei, wortwörtlich steht er vor verschlossener Tür. An dieser Stelle macht das Gedicht eine wichtige Wendung:

can I go all the way in the saying, and say
I wanted to punch her right in the face?
Am I allowed to say that,
that I wanted to punch her right in her soft face?

Man sollte so etwas nicht sagen, das steht außer Frage. Eigentlich fragt uns das lyrische Ich: Ist es erlaubt zu sagen, dass man der Liebschaft in dem Moment des unerwartet verwehrten Eintritts am liebsten ins Gesicht schlagen würde? Und ist die Äußerung dieses impulsiven Wunsches gleichzusetzen mit dem Ausführen desselben? Es geht hier also nicht um die Frage nach der ohnehin nicht zur Diskussion stehenden Ausübung von (körperlicher) Gewalt, sondern um das Recht, sich frei auszudrücken, was, auf Meta-Ebene, natürlich die Freiheit der Kunst selbst berührt (es geht schließlich um ein lyrisches Ich, nicht um Tony Hoagland). Im Bezug auf letzteren Aspekt muss es natürlich erlaubt sein, dass ein fiktiver Sprecher eines Gedichts so etwas sagt.

“Adam and Eve” lässt die Frage im Raum stehen – der Leser muss sie beantworten -, und wendet sich im Mittelteil weiteren Fragen zu, die in der Dichotomie vom Mann als wilden und der Frau als zivilisatorisch wurzeln. Das kann man durchaus altbacken nennen aus heutiger Sicht. Das lyrische Ich kommt jedenfalls zu keinem Ergebnis, der Moment der Frustration bleibt bis zum Schluss (“Can I say it again,/ that I wanted to punch her right in the face?”). Es führt vielmehr zu einer weiteren Frage: Sind es Sprachtabus, die uns voneinander trennen? “Adam and Eve” scheint in der vorletzten Zeile dafür zu plädieren und serviert in der letzten eine Wahrheit, die das Mann-Frau-Thema transzendiert. Es ist ein fast versöhnliches Ende und eine der schönsten, wahrsten Strophen, die Tony Hoagland je schrieb:

Until we say the truth, there can be no tenderness.
As long as there is desire, we will not be safe.

So problematisch sich weite Teile des Gedichts lesen mögen, gelingt es Hoagland, ohne die problematischen Fragen, die sein lyrisches Ich hier in den Ring wirft, aufzulösen, eine Wahrheit zu finden, die alle vorherigen Zeilen überwinden könnte.

Helden des Alltags?

Tony Hoagland nähert sich heterosexuellen Beziehungen auch weniger kontrovers, wenn auch nicht weniger plastisch. In “Love” aus Unincorporated Persons in the Late Honda Dynasty (2010) findet er Zärtlichkeit in den nicht immer vom Erfolg gekrönten Versuchen von Sexualität zwischen lang verheirateten Partnern. “Let them be hard and wet again, respectively” ruft er den welkenden Körpern zu: “it is the kind of heroic performance/ that no one will ever mention”. Es ist hier im Alltag gelebter Leben, wo Tony Hoagland die wahre Liebe, in keinem Gedicht besungene, Liebe findet: “All that talk about love, and This/ is what that word was pointing at”.

Es ist die beiläufig anekdotenhafte Qualität seiner Gedichte, die ihren Pointen ihre Durchschlagskraft gibt. Was es beispielsweise bedeutet, ein Mann zu werden, beschreibt er in einem seiner kürzesten Gedichte “Becoming a Man” aus Recent Changes in the Vernacular:

Remember teaching yourself to spell February?
You had to pronounce it in your head before writing it-
Feb-ru-ary, the ru is silent

That’s how you learned to be a man,
You had to practice carefully
to pronounce no innerness

Wurde die emotionale Unzulänglichkeit “toxischer Männlichkeit” jemals treffender beschrieben? Wieder ist es gelebter Alltag, der Tony Hoagland zu Einsichten führt, die hier wunderbar zurück auf das knapp zwanzig Jahre vorher erschienene “Adam and Eve” zurückreflektieren. Es ist auch der Alltag, über den Hoagland zu einer Beschreibung des Gefühls gelangt, wenn aus einem einstigen Freund ein bloßer Bekannter geworden ist. In “There Is No Word” aus Application for Release from the Dream (2015) sind es die sich zum Reißen ausdehnenden Tragelaschen einer zu vollgepackten Plastiktüte, die ihm als Metapher dienen:

There is no single, unimpeachably precise word
for that vague sensation of something
moving away from you
as it exceeds its elastic capacity

which is too bad because that is the word
I would like to use to describe
standing on the street and chatting with a friend,

as the awareness gradually dawns on me that he
is no longer a friend,
but only an acquaintance

Tony Hoaglands Poesie liegt nicht darin, uns neue oder ausgefallene Wörter zu geben, sondern darin, Bedeutungen oder Gefühle aus dem Alltag abzuleiten und somit eine Form zu geben. All das ist eingebettet in einer Perspektive, derer Partikularität sich  Hoagland im Verlauf seiner Karriere stärker bewusst wird. Dass sie eben so sehr im amerikanischen Alltag verhaftet sind, fixiert seine Gedichte auch in der Zeit. Popkulturelle Phänomene wie Britney Spears fließen genauso ein wie gesellschaftliche Diskurse. Die männlich-weiße Perspektive dieser Lyrik thematisiert Tony Hoagland in “White Writer”, ebenfalls aus Application for Release from the Dream. Das Gedicht zeigt auch die Selbstironie, die den Texten immer wieder einen leichteren Anstrich gibt:

Yet I dislike being thought of as a white writer.
[…]
I thought I was writing about more than that.

Tax refunds, Spanish lessons, premature ejaculation,
meatloaf and sitcoms, the fear of getting old.

Hoaglands whiteness verhindert gleichwohl keinen Blick hinaus. Wieder verwurzelt in amerikanischer Gegenwartskultur schreibt er in “After the 10,000th Shooting” aus aus Recent Changes in the Vernacular über amerikanischen Rassismus und Polizeigewalt und stellt dabei fest, dass die Geschichte sich in der Gegenwart scheinbar unbeirrbar wiederholt:

every young black man in America
is given a camcorder for protection
[…]
police brutality immediately declines;
in small towns some of the officers become painfully shy,
Others decide to enroll in acting classes

“If I Had A Camera” becomes the first great
protest song of the 21st century

Es ist eine bitterböse Satire auf ein unbehagliches Amerika, in dem Rassismus weiterhin so allgegenwärtig ist, dass der History Channel sein ganzes Programm genauso gut im Präsens senden könnte.

“After the 10,000th Shooting” blieb jedoch eines der wenigen Gedichte, die sich derart direkt auf politische Ereignisse beziehen. Tony Hoaglands Lyrik bleibt überwiegend im Alltag von whiteness verhaftet und sucht dort nach den Einsichten, die ein gelebtes Leben hervorbringt – unberechenbar und unerschrocken und voller Punchlines:

It’s hard to write inside an empire.
The air conditioning blows directly into your face („Empire“).

*

Tony Hoagland wurde 1953 in Fort Bragg, North Carolina geboren und veröffentlichte 1992 seinen ersten Lyrikband Sweet Ruin. Das darauf folgende Doney Gospel gewann 1997 den James Laughlin Award Academy of American Poets, einer von zahlreichen weiteren Auszeichnungen. Insgesamt veröffentlichte Hoagland sieben Gedichtbände sowie einige Chapbooks und Essay-Sammlungen.

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