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Erste Liebe rostet nicht: Queen July von Philipp Stadelmaier

Queen July von Philipp StadelmaierManche Menschen lassen einen einfach nicht los, auch nicht, nachdem sie schon lange losgelassen haben. So geht es zumindest Aziza, deren erste Liebe sie seit achtzehn Jahren wie ein Phantom heimsucht. An einem heißen Sommer in Paris erzählt sie der in einer Badewanne sitzenden und Weißwein schlürfenden July davon. Philipp Stadelmaiers Queen July ist ein luftig leichter, kurzer Roman über die Liebe und die Freundschaft.

Philipp Stadelmaier stellt seinem Roman ein Zitat Alfred Hitchcocks voran: “I can’t bear feelings between people”. Die Unerträglichkeit zwischenmenschlicher Gefühle mag vielleicht darin begründet sein, dass sie auf immer mindestens zwei Perspektiven beruht, die weder je deckungsgleich sein werden, noch einander vollständig bekannt. Nichts ist weniger objektiv als die Liebe. Und doch: Der Wunsch nach Klarheit, so unerfüllbar er auch ist, schwingt immer mit. Zum Verrücktwerden.

Antworten, Klarheit, ein Abschluss ist genau das, was Aziza seit achtzehn Jahren fehlt. Sie wuchs in Paris auf, ist Teil der afrikanischen Diaspora mit Verwandtschaft an verschiedenen Orten. Nach dem Abschluss ihres Medizinstudiums treibt es sie fort. In Dschibuti findet sie eine Anstellung als Anästhesistin. Stadelmaier zeichnet die ostafrikanische Stadt als eine Art postmodernes Tanger: Menschen aus aller Herren Länder kreuzen die Hafenstadt, um Geschäfte zu machen. Ausschweifungen gehören dazu. Und so führt Aziza eigentlich ein aufregendes Leben mit zahlreichen Liebschaften und durchzechten Nächten – wenn da nicht Anselm Strehler noch in ihrem Kopf spuken würde. Er war ihre erste Liebe, machte jedoch kurz vor dem Abitur unvermittelt Schluss. Eine Erklärung blieb er ihr schuldig.

Was diesen Anselm so besonders macht, dass er ihr Herz auf unbestimmte Zeit kolonialisiert, bleibt vage. Vielleicht ist es gar nicht Anselm selbst, der sich in ihr festnagte, sondern die Umstände der Trennung, die ihn zum nicht abzuschüttelnden Phantom werden ließen. Aziza konnte eben nie einen Schlussstrich unter diese erste Liebe ziehen. Und genau davon erzählt sie July, bei der sie für ihren Sommerurlaub in Paris untergekommen ist. Schritt für Schritt entblättert sich eine rätselhafte Liebe, bei der eben genau eine Sache fehlt, um sie endlich aus dem Herz zu schmeißen: Die Perspektive des Anderen. Denn in den achtzehn Jahren seit der Trennung begegnen sich Aziza und Anselm für eine Nacht wieder, ziehen sich an, stoßen sich ab, machen alles komplizierter.

Queen July erzählt dieses schmerzhafte Spiel in einem wunderbar plauderhaften, umgangssprachlichen Ton, in dem sich zwei Freundinnen in weinschwangeren Nächten wohl anvertrauen mögen. Es ist ein kurzweiliger, schöner Text, der nicht nur davon erzählt, was an zwischenmenschlichen Gefühlen so unerträglich sein kann, sondern auch, was sie erträglich und wichtig macht – so lange genug Weißwein im Kühlschrank liegt.

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Queen July ist beim Verbrecher Verlag erschienen.