Der Wiener Luftschacht Verlag hat vor einigen Jahren begonnen, noch nicht übersetzte Werke des amerikanischen Autors Dennis Cooper in deutscher Sprache zu verlegen. Dennis Cooper wird als Autor von „transgressive fiction“ eingeordnet, hat weltweit Lesende gefunden, es aber nie zu Mainstream-Ruhm gebracht: Queerness, explizite Sexualität und Gewalt sowie formale Sperrigkeit haben ihn außerhalb des kommerziellen literarischen Mainstreams positioniert (in der Literaturwissenschaft wird er durchaus rezipiert).
Die Schlampen, auf Englisch The Sluts, ist einer der wenigen Romane, für die der in Paris lebende Autor, der inzwischen auch Filme macht, mit einem Preis ausgezeichnet wurde, dem Prix de Sade. Cooper hat in Frankreich Anerkennung erfahren, die ihm andernorts in dieser Form nicht zuteil wurde. Ist man in Frankreich möglicherweise weniger schreckhaft, was unbequeme Literatur angeht?
Die Entscheidung Nr. 6542 vom 5. März 2026, Aktenzeichen Pr. 987/2022 der BzKJ hat nun zur Indizierung von Die Schlampen geführt. Das bedeutet zwar nicht, dass das Werk verboten ist. Aber es darf nur noch eingeschränkt vertrieben und beworben werden. Eine offizielle Begründung zur Indizierung ist seitens der Stelle (noch) nicht öffentlich zugänglich. Ob intendiert oder nicht: Eine staatliche Indizierung macht Text und Autor durchaus verdächtig – ist das Kunst oder einfach nur Schmutz?
Ich erinnere mich noch gut an meine erste Lektüre von The Sluts (2004). Zu jener Zeit war der Roman eben erst im englischen Original erschienen. Die deutsche Übersetzung lag noch in weiter Ferne (2021). Ich las den Text binnen zweier Tage, weil es schwer war, ihn wegzulegen – obwohl (und nicht weil) er in der sprachlichen Darstellung von sexualisierter Gewalt so kompromisslos vorging, wie man es von Cooper gewohnt ist. Der Grund für die fast manische Lesbarkeit dieses Textes liegt in seiner Struktur – nicht in seinem Inhalt.
Das Setting des Romans ist ungewöhnlich. Es ist immer noch zeitgemäß und gleichzeitig etwas aus der Zeit gefallen: Der Text spielt in einem Onlineforum, wie man es aus dem Internet 1.0 kennt. Gewissermaßen einer Bubble, in der sich homosexuelle Männer über einen jungen Mann namens Brad austauschen. Erzählt ist der Text also im virtuellen Raum anhand von Postings und E-Mails durch dutzende unzuverlässige Erzähler. Der Austausch über Brad verselbstständigt sich obsessiv. Männer posten teils schreckliche Fantasien. Manche behaupten sogar, Brad zu kennen oder ihm begegnet zu sein. Wie viele Männer hier posten, ist ob der Anonymität des Internets schwer zu sagen. Ihre Aussagen oder Identitäten sind nicht verifizierbar.
Auch ist schwer zu sagen, ob es Brad in der diegetischen Welt wirklich gibt. Aber das ist unter anderem auch eine Lehre, die man aus Coopers Erzählung ziehen kann: Brad ist nicht einfach nur die Fiktion des Autors Dennis Cooper. Wir können nie wissen, ob Brad nicht auch in der diegetischen Welt eine Fiktion ist, erdacht von anonymen Postern im Internet, die also selbst nur Avatare sind. Auch wenn man annimmt, es „gibt“ Brad in der diegetischen Welt, tritt er (vermutlich) nie selbst im Forum auf: Der Roman verweigert uns einen stabilen Brad außerhalb der Erzählungen anderer über ihn.
Aus dieser Lesart von Die Schlampen könnte man folgenden Schluss ziehen: Wir sind alle nur Fiktionen im Kopf des Anderen, weil Begehren, das eigene und das des Fremden, nicht völlig „da“, nicht benennbar ist. Das ist ein bekanntes Phänomen in Coopers Literatur – sprachlich erschöpfende Erkundungen von Begehren, des Anderen, die immer vergebens sind und genau deswegen nicht selten in abstruser Gewalt ausarten.
Was Die Schlampen zu einem soghaften Text macht, ist die Mechanik der Internet-Konversation, die er abbildet. Der Roman entstand im Übergang vom Web 1.0 zum Web 2.0. Die Mechanismen, die jedem heutigen Internet-User bekannt sein dürften, sind schon da: Durch diese Chatprotokolle zu lesen, die sich um Brad drehen, der vielleicht, vielleicht auch nicht existiert, hat etwas von Doomscrolling. Man kann einfach nicht wegschauen, obwohl der Inhalt unangenehm ist. Was man liest, sind sich überbietende Gerüchte, die einen Voyeurismus des Schreckens bedienen und durchaus auch mit den Mechanismen des Krimis arbeiten – obwohl das, was diese Männer über Brad schreiben, nicht verifizierbar ist, sucht man als Lesender nach Hinweisen auf „die Wahrheit“ hinter Brad. Gibt es ihn? Geht es ihm gut?
Doch diese Fragen sind nur Oberfläche. Darunter liegen ästhetische Verfahren, die die Grenzen narrativer Literatur ausloten, um verschiedene Themen zu bearbeiten, die über die reine Darstellung von Sex und Gewalt hinausgehen. In Die Schlampen hat Cooper einen originellen Ansatz gefunden, der seiner Zeit voraus war und heute noch Aktualität hat. Der Text zeigt, wie sich „Wahrheiten“ und „Fiktionen“ in Internet-Bubbles oder Echokammern verselbstständigen.
Klar: Auf inhaltlicher Ebene ist Die Schlampen keine Gute-Nacht-Geschichte, die man seinen Kindern vorliest. Eine literaturwissenschaftliche Analyse kann nicht ignorieren, dass es sich hier um formal anspruchsvolle Literatur für Erwachsene handelt. Die inhaltliche Darstellung von sexualisierten Gewaltfantasien wird in dem Roman nicht affirmativ ausgestellt. Die drastischen Darstellungen sind in die Struktur des Textes eingebettet. Die Frage, die sich entsprechend stellt, ist, ob das ästhetische Verfahren Coopers bei der Entscheidung angemessen berücksichtigt oder lediglich die Darstellungen selbst katalogartig herangezogen wurden.
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