Letztes Jahr amüsierte Louise K. mit ihrem bissig-witzigen Roman Kastanienallee. Ein Jahr später kommt mit Bad Ulmenhain die Fortsetzung – offenbar wird es eine ganze Reihe geben. Ist das satirisch angehauchte Literatur oder eine Telenovela zum Lesen?
Achtung, Spoiler: Nachdem Kastanienallee Lesende in die Welt rund um die vornehme Kastanienallee in Wien eingeführt hat, geht es nun – zumindest teilweise – in die Sommerfrische. Die Autorin bringt sämtliche Protagonisten zurück – mit Ausnahme des verstorbenen Trafikanten Hartl natürlich. Dessen zwischen Unfall und Mord zu verortendes Ableben, über das niemand wirklich unglücklich scheint, schimmert auch im aktuellen Text noch hin und wieder durch, vorerst aber ohne weitere Konsequenzen. Hartl war so etwas wie der Hauptdarsteller des vorherigen Romans. Über ihn kamen wir in die feine Gesellschaft rund um die Kastanienallee und den Tennisclub TC Leopold. Er gehörte nicht dazu, war aber über unterschiedliche Kontaktpunkte mit den Figuren verknüpft. Dieses verbindende Element fehlt etwas in Bad Ulmenhain.
Bad Ulmenhain ist ein Badeort, der als neues Setting eingeführt wird. Zu Beginn des Romans können sich die ohnehin bestens situierten Dolli und Arthur Furtner über das Erbe einer Nenntante freuen. Diese hatte eine Kabane im Badeort, an welcher das Ehepaar ein paar Tage verbringen möchte. Dort lernen wir auch ein paar neue Figuren kennen, und wie auch im ersten Roman gibt es einen Todesfall zu beklagen, über den aber erneut niemand ernsthaft trauert.
Gleichsam verbringt der Text viel Zeit im Tennisclub, vornehmlich mit dem halbseidenen Anwalt Günther Krawanek, der weiterhin in unruhigem Fahrwasser schwimmt, aber eben auch von der freizügigen Historikerin Elinor Pächter eingenommen ist, die seit dem vorherigen Roman einen Prachtband über den Club erstellt. Louise K. schaut auch bei allen weiteren überlebenden Personen aus Kastanienallee vorbei, was die Figurenzahl recht unübersichtlich werden lässt. Viele Kapitel – so kurz sie auch oft sein mögen – sind im Kontext dieser Erzählung Einbahnstraßen, die höchstens eine „Was wurde aus“-Neugier befriedigen, statt die dramaturgischen Ankerpunkte des Romans – nämlich die Geschehnisse in Bad Ulmenhain – voranzubringen.
Nichtsdestotrotz bietet Bad Ulmenhain einen Reigen herrlich unsympathischer Personen, die allesamt auf ihren eigenen Vorteil bedacht sind und teilweise gefährlich nah an den Abgrund ihrer gesellschaftlichen Existenz rutschen – und dabei den besten Champagner trinken. Das ist weiterhin amüsant, droht aber, wie erwähnt, an der schieren Anzahl an Personen ohne direkten Bezug zur vordergründigen Handlung auszufasern. Gleichwohl gerät man nie ins Stocken. Das Kunststück dieses Romans ist eben jenes, dass er auch ein Spiegel der Lesenden ist, deren Neugier am Protz und den Unschicklichkeiten der vermeintlich Besseren das Textgetriebe ordentlich ölt. Die Autorin wäre allerdings gut beraten, die Personenzahl in den Folgetexten nicht weiter zu vergrößern und stattdessen stärker einen zentralen Plot zu fokussieren – sonst droht es, beliebig zu werden.
Bad Ulmenhain von Louise K. ist bei Kremayr & Scheriau erschienen.
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